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28.08.2017 -- Erwin Weigand / wv

Der Gerbergraben ist verschwunden

Vom Stadtgraben der zum Autoparkhaus wurde und einem aussterbenden, ehrbaren Handwerk. Aus der Reihe "Bärner Gschichte" von Erwin Weigand


 

Wo heute die Achse von der Kornhausbrücke zur Kirchenfeldbrücke mit dem Kornhausplatz dem Theaterplatz und dem Casinoplatz ist, war zur Zeit der Stadtgründung ein natürlicher Graben. Später haben die Berner dort eine Stadtmauer mit Wehrtürmen errichtet, von denen noch der Zytglogge erhalten geblieben ist.

Zwei Brücken führten über den Graben, eine beim Zytgloggen, dem Westtor und die Humbertusbrücke zum Predigerkloster. Südlich beim heutigen Frickweg, zog sich die Mauer bis hinunter zur Aare und dem Marzilitor. Beim Barfüsserkloster schloss eine hohe Stützmauer den steilen Abhang zum Graben ab.

Gerbergraben Graben alt

 

In der so fest umschlossenen Stadt betrieben verschiedenste Handwerker ihr Gewerbe je nach Bedarf an anderen Standorten in den Gassen. Sehr früh schon, um 1200, hatte man den Stadtbach durch die Gassen geleitet und sein Wasser brachte vielfältigen Nutzen. Oben für allerlei Reinigungszwecke, weiter unten nutzten die Müller seine Antriebskraft und auch die Gerber spülten und weichten mit dem Wasser die Häute. Der Bach war wohl zeitweise mehr ein übelriechender Abwasserkanal. Das Prinzip der kurzen Wege hatte die Gerber in die Nähe der Metzger und Schlachthäuser gebracht, aber den Bürgern wurde der durch den Gerbvorgang verursachte Gestank sehr lästig und darum wurde 1326 die "anrüchige" Gerberzunft vor die Tore verbannt. Im gut durchlüfteten, nun Gerbergraben genannten Stadtgraben an der Klostermauer konnten sie weiterarbeiten. Extra für die Gerber wurde Wasser vom Stadtbach abgezweigt, das dann ohne weiteres in die Aare floss.

Gerbergraben Lohgerber 1880

 

Die Metzger lieferten die rohen Häute, die dann gewaschen, mit Schabeisen von Fleischresten gesäubert und anschliessend mit Asche und Kalk eingerieben wurden. Damals war das heute dafür verwendete Salz zu teuer, deshalb benutzte man Asche zur Konservierung. Der eigentliche Gerbprozess begann erst danach in den Lohgruben. Die Gerber schichteten die vorbereiteten Tierhäute in die Grube und streuten grob gemahlene Fichten und Eichenrinde als Gerbmittel dazwischen – die sogenannte Lohe. Die mit Holzladen abgedeckte Grube füllten sie mit Gerbstofflösung auf. Nach einem Jahr Gärung in der Jauche war der Gerbprozess abgeschlossen. Danach hängte man die Häute unter dem Dach zum Trocknen auf, bevor sie zur Verarbeitung an Sattler und Schuhmacher gingen. Leder war und ist ein wertvoller Werkstoff und so ist es nicht verwunderlich, dass die Gerberzunft zu einer der einflussreichsten Gesellschaft in Bern wurde. Als um 1430.der nördliche Teil des Grabens aufgeschüttet war, baute die Gesellschaft zu Ober-Gerwern dort ihr Zunfthaus.

Gerbergraben Gerberturm

 

Das noch heute bestehende Gebäude am Theaterplatz 2 mit dem hohen Treppenhaus, genannt "Gerwernturm", wurde 1565/67 an dessen Stelle erstellt.

Gerbergraben

Im Gerbergraben. Treppen und Brücken. Hinten wird vom Sattler und seinen Gehilfen eine Rosshaarmatratze aufgearbeitet.

 

Den wichtige Gerbzusatz, die Lohe, wurde durch mit Wasserkraft betriebenen Stampfen aus zerkleinerter Eichenrinde nahe den Gerbereien hergestellt. Die gleichen Betriebe zerstampften auch Knochen zu Pulver, noch heute benutzt man für natürliches Gärtnern Knochenmehl als Dünger. Ein weiteres im Gerbergraben angesiedeltes Gewerbe waren Knopfdrechsler und Kammmacher. Ihnen dienten ebenfalls Knochen und Kuhhörner als Rohstoff für ihre Erzeugnisse. Die Knopfdrechsler nannte man auch "Paternosterer", weil sie auch Perlen für Rosenkränze herstellten, einem wichtigen Requisit der Frömmigkeit auch im vorreformatorischen Bern.

Gerbergraben Muenzgraben

 

Im Jahr 1488 wurde das Untere-Gerbhaus an die Gerberngasse in der Matte versetzt Es befand sich vorher unterhalb der "Niederen Brotschaal" rittlings auf dem Stadtbach in der Gerechtigkeitsgasse. Der Gerberngraben wurde im Laufe der Zeit weiter aufgefüllt, das Theater und die Polizeiwache wurden gebaut, anstelle des Barfüsserklosters thronte dort die Hochschule und gegenüber die Münzstätte des Standes Bern. Nach der Gründung der Eidgenossenschaft 1848, übernahm der Bund die Berner Münz und prägte dort den neuen Schweizer Franken. Die letzten Gerber verliessen erst 1878 den Platz. Die Wohnhäuser im tiefeingeschnittenen Graben hatten ihre mit Brücken von der Münzseite erreichbaren Hauszugänge in den oberen Stockwerken. Nach 1880 entstand die Kirchenfeldbrücke und als Zufahrtsweg ein mit Rundbögen gemauertes Lehnenviadukt an der Hochschulmauer. 1904 ersetzte das Casino den Hochschulbau.

Gerbergraben Bellevue

 

Die neue Eidgenössische Münzwerkstätte wurde 1903-1906 im Kirchenfeld gebaut und an Stelle der alten, das Hotel Bellevue. Sein Restaurant "Zur Münz" erinnert noch an die alte Zeit.

Der Gerbergraben hiess fortan vornehmer "Münzgraben" aber im Graben selbst war nur die "Silberstrecke", die Silberbarren "streckte" aus denen die Münzen gestanzt wurden.

Gerbergraben Geruest

Kirchenfeldbrücke im Bau

Gerbergraben Garage im Bau

 

Gerbergraben Casinioparking

Casinoparking heute

Gerbergraben Hertz

Ein Bogen des alten Lehnenviadukts besteht noch in der Garage

Mit dem Bau des Casino-Parkings und der Bellevue-Garage 1937, verschwand auch der letzte Rest des ehemaligen Stadt-Gerber- oder Münzgrabens.

Gerbergraben Brunnen

 

Nur noch ein Broncerelief von Etienne Perincioli am Gerberngrabenbrunnen zeigt wie es damals ausgesehen hat und das Haus Nr. 1 am Münzrain hat als Kuriosum den Eingang im Dachgeschoss.

Gerbergraben Muenzrain

 

Die ehrbaren Gerberzünfte schlossen sich zusammen und bestehen weiter als Gesellschaft zu Ober-Gerwern die ihr Gesellschaftshaus an der Marktgasse 45 hat. Bereits im 14. Jahrhundert hatten sie das Venneramt übernommen und ihnen unterstand das Gerberviertel, das südöstliche Quartier zwischen Gerechtigkeitsgasse und Kreuzgasse mit dem Landgericht Zollikofen und ausgedehnte Ländereien im Emmental. Die Gerberei wurde immer mehr Nebensache und im 18. Jahrhundert befasste sich die Gesellschaft nur noch mit der Politik. Namhafte Persönlichkeiten zählten zu ihren Mitgliedern, darunter Niklaus Manuel gen. Deutsch, Beat Fischer Gründer der Bernischen Post, Albrecht von Haller Gründer der Universität und der letzte Schultheiss Niklaus Friedrich von Steiger. Mit der Gerberei hatten alle nichts zu tun, aber alle trugen Lederschuhe und nur der stolze schwarze Löwe im Zunftwappen hält noch das Schabeisen der Gerber hoch.

Aktuell sind noch in Steffisburg, Oberdiessbach, Huttwil und in Langnau Gerbereien tätig.

Wie eine moderne Gerberei arbeitet, wird mit der Fotogalerie der EMME-Gerberei gezeigt: http://www.emmeleder.ch/index.php/gallerie

Noch sorgfältiger geschieht die Fellgerberei bei Neuenschwander in Oberdiessbach: http://www.neuenschwander.ch/cd/html/produktion-frame.html#

Bilder wurden von Erwin Weigand zusammengesucht oder selbst aufgenommen