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20.09.2017 -- Maja Petzold / wv

Variationen aktueller Kunst

Was kann, was soll Kunst – diese Frage stellt sich beim Betrachten der gegenwärtig ausgestellten Werke im Bieler Centre Pasquart


Zwei junge Schweizer Künstlerinnen, eine in Bern und eine in Belgien lebend, dazu fünf Herren aus Slowenien füllen in diesem Herbst die Räume des Centre Pasquart, dem Kunstmuseum in Biel, das sich wie stets der lebendigen Kunst unserer Zeit widmet. Livia di Giovanna, 1984 geboren, erhält den Manor-Kunstpreis 2016 und damit die Gelegenheit, ihre Arbeiten zum ersten Mal in einer Einzelausstellung zu präsentieren.

 

Pasquart Ufer livia di giovanna

Livia di Giovanna, Ufer 2017. 16 Videos mit Audios auf Monitoren, Loop 8-12'. Courtesy of the artist. Ausstellungsansicht Pasquart 2017 Foto Julie Lovens

Sie arbeitet unter anderem mit Videos, "Ufer" gehört zu ihren neuesten Werken. Diese Installation besteht aus sechzehn Videomonitoren, die Ausschnitte des Ufers der rauschenden Aare zeigen. Dabei bemerkt man nur bei genauem Hinschauen, dass die Künstlerin nicht einen zusammenhängenden Abschnitt des Flusses zeigt, nein, es sind sogar Abschnitte von beiden Ufern, allerdings so zusammengesetzt, dass sie nur knapp unterbrochen scheinen. Denn ein dokumentarisches Abbild wollte sie nicht schaffen. Das Geräusch, die Bewegung des Wassers und das wechselnde Sonnenlicht sind die Elemente, auf welche die Künstlerin die Aufmerksamkeit der Betrachtenden lenkt. Dies wahrnehmbar zu machen, darin liegt die Absicht dieser Kunst.

 

Pasquart Silberball livia di giovanna

Livia di Giovanna, Silberball, 2017. Video 7'53''. Courtesy of he artist

Ein kleineres Video projiziert sie ans hohe Fenster eines Ausstellungsraums. Es zeigt ihre Hände, die mit einer dem Wind ausgesetzten Plastiktüte spielen – ein kleines und doch sehr poetisches Kunstwerk. Oder das Video "Silberball": Hier bewegt sich nicht der silberne Fussball, wie wir es von einem Ball erwarten würden, sondern die Kamera zeigt den Ball, der auf schwarzem Boden liegt, aus verschiedensten Perspektiven, so dass wir meinen, er bewege sich – ein witziger Einfall, der mit unseren Sehgewohnheiten spielt.

Das eigene Atelier darzustellen, gehört seit langem zu den Sujets vieler Künstler. Livia di Giovanna bedient sich dabei ebenfalls des Mediums Video, auch diese Arbeit "A l'intérieur" hat sie dieses Jahr fertiggestellt. Mit zwei Kameras filmt sie ihr Atelier im Dunkeln. Wir sehen nur den runden Schein einer kleinen Taschenlampe, der durch das Atelier wandert und auf ein Tischbein, den Teil eines Stuhles oder andere Gegenstände zeigt, sie dabei eher erahnen als erkennen lässt. Eindrucksvoll ist diese Installation besonders durch die Projektion im absolut dunklen Ausstellungsraum. Hier wie auch in vielen anderen Werken geht es Livia di Giovanna um das Licht, seine Bedeutung, seine Wirkung – auch dies ein Thema, mit dem sich besonders die Malerei seit jeher auseinandersetzt. Die Künstlerin findet dazu in ihrer Arbeit ihren eigenen Ausdruck.

Von der Literatur zur Installation

Die imposante Installation von Sandrine Pelletier, zu sehen im grössten Raum des Museums, der Salle Poma, entstand auf Anregung der Theaterregisseurin Ariane Gaffron. Diese hatte den Roman von Thomas Stangl "Der einzige Ort" gelesen und regte an, daraus eine Art von erzählender Performance zu schaffen. Dafür benötigte sie einen angemessenen, künstlerisch überzeugenden Rahmen. Stangls Roman erzählt von zwei Männern, die im 19. Jahrhundert unabhängig voneinander von zwei Seiten her nach Timbuktu reisen – was damals noch unendlich viel abenteuerlicher war als heute. Themen wie Kolonialherrschaft, aber auch durch die Wüste wandern, nicht wissen, wohin der Weg geht, sind durch die Migrationsströme hochaktuell. – Themen nicht nur für die Literatur, sondern auch für Theater und bildende Kunst. Vier Schauspieler um Ariane Gaffron werden an vier Abende fortlaufend aus Stangls Roman erzählen.

 

Pasquart Sandrine pelletier

Sandrine Pelletier, Der einzige Ort, 2017. Holz, Metall, Karton, Glas, Kautschuk, Textil, Bronze, Zeitungspapier. Variable Dimensionen. Courtesy oft he artist. Ausstellungsansicht Pasquart 2017 Foto: Julie Lovens

In der Salle Poma hat Sandrine Pelletier dafür eine offene, begehbare Skulptur geschaffen, welche die Künstlerin entsprechend dem Handlungsablauf anpassen wird. Der Grundcharakter der Installation, das Brüchige, das Vorläufige von Behausungen aus Abfall wird während der gesamten Ausstellungszeit bestehen bleiben. – Kunst als Werkzeug im Kampf für die Würde und die Rechte des Menschen.

Wie man eine Landkarte liest

IRWIN, ein fünfköpfiges Künstlerkollektiv aus Slowenien, arbeitet seit 1983 als Gruppe zusammen. Die hier gezeigten Arbeiten sind der letzte Teil eines Projekts, mit dem das Kollektiv durch Länder und Kontinente gereist ist. Daher wohl der Titel "How to read a map": Eine Karte lesen zu können, ist auf Reisen vonnöten, vor allem, wenn man sich nicht einfach auf die Technik eines Navigationsgerätes verlassen will. IRWIN, noch zu Zeiten des engen Sozialismus entstanden, provoziert mit seinem Anspruch auf eine "neue" Nation, der "Neuen Slowenischen Kunst (NSK)" in NSK State in Time, ohne Territorium und ohne Grenzen, augenfällig in der Einrichtung von temporären Passstellen, wie nun auch im Pasquart. Hier werden staatliche Strukturen durch bissige Satire in Frage gestellt. An der diesjährigen Biennale in Venedig konnte die Künstlergruppe so ihren ersten NSK State Pavillon ausrufen.

 

Pasquart Irwin Transnacionala Pasquart

IRWIN, Transnacionala, 1998. Mischtechnik, 260x520x120 cm. Courtesy Galerija Gregor Podnar. Ausstellungsansicht Pasquart 2017. Foto: Julie Lovens

Wer die Verhältnisse nicht kennt, die bis ca. 1990 in den sozialistischen Staaten herrschten, kann schwer nachvollziehen, welche Provokation sich die Künstler mit der Herausgabe von Pässen erlaubten. Über all die Jahrzehnte war es dort für die einfachen Bürger fast unmöglich, einen Pass für eine Reise nach Westeuropa zu bekommen. – Auch heute kann die Verteilung von Pässen zu schmerzlichen Missverständnissen führen. Als die Künstlergruppe in Nigeria Station machte, meinten wirklich einige Migranten "in spe", sie könnten sich damit ohne Aufwand einen Aufenthalt in Europa verschaffen. Auch Grenzbeamte sollen schon durch die Pässe des "NSK-Staates" verwirrt worden sein. - Kunst bedarf eben der gesellschaftlichen Basis, um sich als solche erkennbar zu machen.

Die Ausstellung im Centre Pasquart dauert vom 22. September bis 19. November 2017.

"Der einzige Ort", Erzählung in vier Teilen für vier Stimmen findet am 21., 23., 29. und 30. September statt. Jeder Abend kann einzeln besucht werden.