ICON-Link

23.09.2017 -- Fritz Vollenweider / wv

Gesamtkunstwerk Villa Flora

Im Kunstmuseum Bern: Van Gogh bis Cézanne, Bonnard bis Matisse». Aus der ehemaligen Sammlung Hahnloser.


 

Es war vor Jahrzehnten, in einer Ausstellung von Impressionisten. Die Kuratorin, die sie uns zeigte, sprach wiederholt von der «versammelten Schönheit Europas». Schaut man die Bilder aus der ehemaligen Sammlung Hahnloser an, stellt sich die Erinnerung an diese Metapher unvermittelt wieder ein.

Die ehemalige Sammlung Hahnloser, heute im Besitz der Hahnloser/Jaeggli Stiftung, wird gegenwärtig im Kunstmuseum Bern als Leihgabe gehütet. Was für ein Reichtum an Gemälden und Plastiken namhafter Künstler aus der Zeit der zweiten Hälfte des 19. bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts! Sie vertreten verschiedene Kunstrichtungen – vor allem Impressionismus, Postimpressionismus, Nabis (Bewegung entstanden 1888, z. B. Vallotton, Bonnard), Fauves (1905, Matisse), Wegbereiter der Moderne (Manet, Monet, Rodin, van Gogh) und Schweizer Avantgarde (Hodler, Giacometti).

Villa Flora Bonnard debarcadere

Pierre Bonnard, Le débarcadère (ou l’embarcadère) de Cannes, 1934, Hahnloser/Jaeggli Stiftung,
Bild Reto Pedrini © Pro Litteris Zürich 2017

 

Spontan bewegen beim Schauen drei Themen. Als erstes wundert man sich über Gemälde, die für den entsprechenden Urheber von Inhalt und Form her nicht unbedingt typisch sind. Zweitens sieht man sich einer Fülle ähnlicher oder gleicher Bildinhalte gegenüber, die sich in der persönlichen ‘Handschrift’ der verschiedenen Künstler charakteristisch unterscheiden. Drittens wecken die zahlreichen Frauenbildnisse, vom Akt bis zum Portrait, einige Mutmassungen über die Haltung der expressionistischen Künstler gegenüber der Frau.

Zum ersten: Eine fesselnde Merkwürdigkeit besteht darin, dass von Vincent van Gogh (1853-1890) – nur als Beispiel, er ist nicht der einzige – vier Bilder hängen, die der Laie, der die Bildinhalte dieses Malers und seinen Stil üblicherweise zu kennen glaubt, niemals für von ihm gemalte Bilder halten würde. Da sind einmal «Place de Voitures», 1881-1883 und «L’allée en automne», 1885, zwei in düstern Farbräumen gestaltete Bilder mit Figuren, die etwas Unwirkliches, fast könnte man denken, etwas Nicht-Gemeintes ausdrücken, vor allem im Fall des zweitgenannten, wo von nackten, skurril verrenkten Bäumen rechts gesäumt, eine einsame dunkle Gestalt sich ins Bild hinein bewegt; sie gemahnt von ferne an Ahasver, den Ruhelosen, obschon sie einen Frauenzopf trägt.

Die beiden anderen sind farbiger. «Le Café de nuit à Arles », 1888, zeigt eine zwar bunte und helle, dennoch etwas kahl und hallenartig hohl wirkende Feierabendszene in einem Café. In «La fête du 14 juillet à Paris», 1886 tummeln sich wie in wirr berauschter Freude die Trikolore mit anderen Rot-, Blau- und Weiss-Tönen in gedrängter Dichte. Wobei nicht nur Farbtöne gemeint sind, ich glaube Musetteklänge und händeklatschende Tänze in meinen inneren Assoziations-Schichten zu vernehmen, während ich das Bild anschaue.

Zum zweiten:Man kann sich beim Beschauen der verschiedenen Bilder verschiedener Maler, mit demselben oder einem ähnlichen Sujet, an die Musik erinnert fühlen. Vornehmlich an die Musik des Barock und der frühen bis zur Wiener Klassik. Vor allem die Barockmusik verwendet oft dieselben Motive und Themen, und die «Handschrift» ist doch bei jedem Komponisten anders, manchmal nur unmerklich. Der Musikkonsum schon seit mindestens zehn Jahren, die offensichtliche Vorliebe der Hörer für die Barockmusik ausnutzend, hat erratische Blöcke, aber auch Geröll der betreffenden Ära noch und noch ausgegraben.

Villa Flora Manguin Flora

Henri-Charles Manguin, La Flora, Winterthur, 1912, Bild Reto Pedrini,
© Pro Litteris, Zürich 2017

 

Bei den in Bern ausgestellten Bildern aus der Villa Flora ist es anders. Die Sammlung, wie sie im Kunstmuseum gezeigt wird, enthält ausschliesslich Meisterwerke. Der künstlerische ‘Mittelbau’ mit mehr oder weniger bemerkenswerten Banalitäten fehlt. Deshalb ist es umso spannender, die verschiedenen Stile und ‘Handschriften’ der Bilder mit gleichen oder ähnlichen Inhalten zu vergleichen. Man beginnt beim Schauen und Reflektieren zu verstehen, Gemeinsamkeiten und Gegensätzliches, wenn auch manchmal nur wenig ausgeprägt, zu erkennen.

Zum dritten: Die zahlreichen Frauenbilder haben es in sich. Einfach zu verstehen sind die Portraits; sie verkünden oft beides, Verehrung und Anerkennung; sie stellen Persönlichkeiten vor. Anders ist es mit den Aktbildern. Ob es um die fest konturierte formale Zeichnung der Linien und abstrahierten Körperformen bei Vallotton geht, oder um die eher beschwingt wirkenden Umrisse und Flächen bei Bonnard mit subtilen Auflösungen der Formen und zart spielenden Farben und vibrierendem Licht – immer zeigt sich eine natürlicherweise auch erotisch beeinflusste Bewunderung der Schönheit. Es ist, ob die Künstler sich mit Farbe und Strich darum bemühten, nicht nur einfach schlicht einen Körper darzustellen; vielmehr scheinen sie immer neu zu versuchen, ein betörendes Geheimnis zu entschleiern. Dabei ist die Wahl des szenischen Umfelds Teil dieses Prozesses.

Villa Flora Vallotton Blanche et la Noire

Felix Vallotton, La Blanche et la Noire, 1913, Bild Reto Pedrini,
© Pro Litteris, Zürich 2017

Der von Nina Zimmer und dem Kurator der Ausstellung, Matthias Frehner, herausgegebene Katalog trägt viel dazu bei, zahlreiche Einzelheiten und Hintergründe dieser einmaligen Schau der «versammelten Schönheit Europas» erst recht beim Schauen zu verstehen. Zahlreiche spannende Beiträge evozieren die Bedeutung der privaten Kunstsammlung für die Kunstvermittlung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die zahlreichen Fotografien von Familie und Künstlerfreunden, die Foto-Stereoskopien der Räume mit den hängenden Bildern vermitteln auf einmalige Weise, wie das «Gesamtkunstwerk Villa Flora» (wie auch ein Raum der Ausstellung genannt wird) ausgesehen hat.

Die Ausstellung dauert bis 11. März 2018. Weitere Informationen: Kunstmuseum Bern