ICON-Link

30.09.2017 -- WillY

Verkabelt und vernetzt

Senioren im Web - WillYs Kolumne für "ensuite", Kulturzeitschrift, Oktober 2017


Vor zwanzig Jahren war es selbstverständlich, dass jede  Wohnung in unserem Neubau mit einem Telefonkabel durch den staatlichen Monopolbetrieb Swisscom versehen wurde. Das Gerät zum Telefonieren konnte gratis bezogen werden, leihweise. Zum Fernsehen musste ein zweites Kabel installiert werden. Wir entschieden damals, anstelle einer TV-Schüssel uns an das Kabelnetz der Ortsantenne zu binden. So sind wir heute doppelt verkabelt.

Unterdessen sind die Ansprüche an Kommunikation und Datenübertragung jeglicher Art gewaltig gestiegen und die Angebote haben sich entsprechend rasant entwickelt. Internet und Funknetze stehen zur Verfügung in jeder erdenklichen Variante. Wir werden auswählen müssen, welche Kanäle, Drähte, Kabel, Lieferanten und Betreiber uns mit der Welt vernetzen. Wir abonnieren die Leitungen und Leistungen im gewünschten Umfang und bezahlen die Rechnungen regelmässig - wo möglich in gleichen, fixierten Ratenbeträgen. Sogar dies haben wir den Programmen überlassen; die Schulden werden uns direkt vom Konto abgebucht - "ohne Ihren Gegenbericht …. erklären Sie sich einverstanden"! Kundenanbindung nennt sich das.

Sind wir gefangen in den Netzen, die uns verstricken? Haben wir noch den Überblick? Einige Anbieter nutzen die hochstehende Technik dazu, alles aus einer Hand anzubieten: Kontakte durch Telefon, Kurzmitteilungen, elektronische Post, Unterhaltung, Wissen, Lesen, Einkaufen, Speichern, Daten übertragen und weiss nicht was noch alles! Das ist wie ein Einkaufszentrum am Stadtrand.  Mit dem Unterschied, dass ich da keinen Parkplatz mehr suchen, keinen Weg zurücklegen muss. Es wird alles ins Haus geliefert; einschalten oder einstecken, verbinden, benützen.

Ob es nützlich ist? Diese Frage muss ja jeder und jede LeserIn für sich selber beantworten. Mir selber bringt es sehr viel Komfort in meinem Hobby; meine Fotos, die ich am Tag digital aufgenommen und "entwickelt" habe, sind oft am gleichen Abend bereits auf einer Webseite, z. B. in einem Forenthema bei seniorbern.ch. Da ich dort auch redaktioneller Mitarbeiter bin, sind Beiträge schnell aufgeschaltet. Das Team tauscht sich über Rundmails aus; die registrierten Benutzer sind mit wenigen Klicks mit Nachrichten über die elektronische Post versorgt. Während meine Frau die Kanäle am TV durchzappt, zappe ich mir Informationen zu Themen, Artikel und Bilder auf den Internetseiten zusammen. So hängen wir also regelmässig längere Zeiten am oder im Netz. Noch auf zwei verschiedenen Kabeln! Schon jetzt werden uns alle Dienste über das Telefonnetz wie auch über das TV-Kabel angeboten. Wir könnten uns also für den einen oder andern Anschluss entscheiden.

Sind wir davon abhängig? Was passiert, wenn der Strom ausfällt, das Kabel streikt oder gar reisst? Das ist dann wie Ferien. Da geniessen wir ja auch die bewusst gesuchte Stille, oder eine andere Umgebung, neue Beziehungen. Wenn das Fahrzeug nicht mehr will, dann gehe ich zu Fuss. Es tut uns Betagten nur gut, zu entschleunigen und alles etwas gemächlicher zu nehmen. Die Maschen des Netzes sind nicht so eng, dass wir ihm nicht da und dort entkommen könnten.

Ein wirklicher Schaden entstände, wenn unsere Beziehungsnetze reissen! Doch diese sind von anderer Art.

www.seniorbern.ch

Titelbild: Verkabelt_621790_web_R_by_Sylvia Krahl_pixelio.de