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11.10.2017 -- Erica (etna) /wv

Pferde und Milch

Finde alte Geschichten, Sachen, die heute fast exotisch anmuten. So etwas ist auch die Geschichte, die ich hier reinkopiere. Wer erinnert sich noch an diese alten Zeiten?


 

Es tönt sicherlich komisch, wenn man die Worte Pferde und Milch miteinander in Verbindung bringt. Kühe und Milch? Das ist natürlich und logisch. Aber Pferde, oder „Rösser“, wie man hierzulande sagt, und Milch zusammen zu bringen scheint ungewöhnlich. Eher bringt man noch den Esel, oder besser gesagt die Eselin, mit der Milch in Zusammenhang, weiss man doch aus der frühen, römischen Geschichte, dass die Kaiserin Poppea in Eselsmilch badete, um ihre Haut so lange als möglich zart und glatt zu erhalten.

Als ich vor ein paar Tagen wieder einmal Omeletten backen wollte und dazu Milch brauchte, öffnete ich ganz automatisch den Kühlschrank und griff zur Milchpackung. Und da es ein ziemlich heisser Tag war, erinnerte ich mich plötzlich daran, wie früher, an solchen Tagen, immer wieder aus einem offenen Küchenfenster der Ruf zu vernehmen war: „Ohjeh! Jetzt ist die Milch hinüber!“ Ja, sie war sauer geworden weil es zu heiss war in der Küche! Und heute passiert solches kaum noch. Wir haben Kühlschränke, in die wir die gleichmässig grossen Milchpackungen hineinstellen können. Ausserdem ist die Milch auch noch pasteurisiert. Und es gibt uperisierte Milchpackungen, die man sogar, ohne Kühlung, wochenlang herumstehen lassen kann. Auch brauchen wir keine Milchkrüge und Kesselchen mehr, um die gewünschte Menge vom Laden heimzutragen, oder vom Milchwagen ins Haus. Und wir müssen sie auch nicht so sorgfältig säubern, wie damals. Denn auch ein unsauberes Gefäss konnte die Ursache dafür sein, dass die Milch sauer wurde.

Während ich so meine Eier aufschlug, Mehl dazu rührte und eben auch die Milch beigab, sinnierte ich daran herum, wie das früher war. Ich erinnerte mich an die ersten Hauslieferungen. Da kam am frühen Morgen ein Mann – der Milchhändler – mit einem Wagen, den er höchstpersönlich durch die Strassen zog, und vielleicht half ihm dabei auch ein älterer Bub, der nicht mehr zur Schule musste, so genau weiss ich das gar nicht mehr. Ich weiss nur, dass Mama mich manchmal mit den Worten weckte und mir die Bettdecke wegzog: „Steh auf, du Schlafhaube, hörst du nicht, der Milchmann ist schon in der Strasse!“

Wie dieser Milchhändler seine Ware an die Frau brachte, habe ich allerdings nie gesehen, denn wenn ich zum Haus heraustrat, um zur Schule zu gehen, war der schon weit weg. Was ich davon noch erinnere, ist das Geschepper, das seine Milchkannen produzierten, wenn er mit dem Schöpfmass an den Kannenrand stiess oder den Deckel unsanft auf die Kanne stülpte: schräg, weil er nicht richtig aufgesetzt werden konnte da ja der Massbecher drinnen hing. Mama kaufte die tägliche Ration Milch nie bei ihm. Sie sagte, es grause ihr, er sei nicht gerade der Sauberste und seine Finger wolle sie nicht an ihrem Milchhafen haben! Viel lieber ging sie ein paar Meter weiter und auf die andere Strassenseite, wo ein nettes kleines „Lädeli“ ebenfalls Milch zum Kauf anbot. Sowie auch Käse, Butter und Eier. Dies stand oben, über der ganzen Breite des Schaufensters, in grossen Buchstaben geschrieben. Und darunter etwas kleiner „Kolonialwaren“. Die beiden Frauen, die Inhaberin und ihre Laden“Jungfer“, wie man damals den ledigen jüngeren Frauen noch gerne sagte, waren stets sauber angezogen und frisiert und ihre Hände waren ebenfalls sauber, wie Mama zufrieden mehr als einmal feststellte, und die Fingernägel hatten keine schwarzen Trauerränder. Aber auch bei uns wurde in den heissesten Sommerwochen manchmal die Milch sauer. Trotz peinlichster Sauberkeit des Milchkruges und des kleinen Aluminiumkesselchens, mit dem sie auf der Strasse transportiert wurde. Jedoch ein Unglück war dies nicht: Mama bereitete daraus den „Bibbelikäse“ so etwas wie Quark, den sie und Papa dann am Abend genussvoll auf ein Stück Brot strichen. Während Nonna und ich uns anschauten und mit viel „brrr, äähhh und buhhh“ – was Ekel und Abwehr bedeutete – kopfschüttelnd zuschauten. Und Papa sang dann manchmal dazu ein lustiges Liedlein, das von eben diesem Bibbelikäse handelte, und dessen Refrain ungefähr so lautet in der hochdeutschen Uebersetzung:

Frau, kauft ihr einen Besen?
Ja, kommet nur rein.
Habt ihr schon Frühstück gegessen?
Ja, schon vor ner Weil
Saure Milch und Bibbelikäs
Alle Morgen s’gleiche Gefräss!

Und plötzlich wurde die Milch in unserer Strasse nicht mehr, per Handkarren gezogen und geschoben, verkauft. In der Strasse tauchte ein Milchwagen auf, gezogen von einem schönen braunen, glänzig gestriegeltem Pferd. Alle nannten es nur das Bangga-Ross. Denn der Wagen samt Pferd gehörte einer Grossmolkerei mit dem gleichen Namen, die am andern Ende der Stadt ihr Areal hatte. Riesig, mit Stallungen und allem was zu einem solch grossen Molkereibetrieb gehörte.

Von dort aus schwärmten die vielen Milchwagen in viele Quartiere der Stadt aus. Die Milch selber wurde, teils noch fast mitten in der Nacht, dort angeliefert. Und diese Wagen sahen für die Jahre zwischen 1925 bis nach Kriegsende supermodern aus. Viereckig waren sie, die reinsten Milch-Kisten, wie ich sie nannte, crèmefarbig gestrichen wie gute frische Butter, und die Milch selber sah man nur, wenn der Milchmann sie in den kolbenförmigen Glasbehälter, der automtisch die eingestellte Menge – halber Liter, Liter – bereitstellte, einlaufen liess. Brauchte jemand mehr, so wurde sie in das darunter gestellte Gefäss abgelassen und sofort die zweite Menge eingestellt, die ebenfalls abgelassen wurde und dann schäumend im Krug der Kundin landete.

Das Bangga-Ross kannte die Strasse gut; es wusste , wo es anhalten musste. Und schon bevor es an der gewohnten Stelle angelangt war, pfiff der Milchmann auf seiner kleinen, dünnen Pfeife, damit alle Frauen wussten, dass es jetzt Zeit war, auf die Strasse hinaus zu eilen. Diese Pfeife interesssierte mich sehr. Sie tönte eigentlich gar nicht laut, aber in einer ganz eigenartigen Tonlage: sehr hoch und als ein komischer Auf- und Ab-Ton. Später, als ich im Kino die immer vor dem Hauptfilm laufenden Ton-Wochenschauen sah, musste ich unwillkürlich an diese Milchmann-Pfeife denken. So wurde nämlich auch auf den Schiffen der Kriegsmarine gepfiffen, mit einer ähnlichen kleinen Pfeife, wenn der Admiral oder sonst ein hoher Besuch die Gangway herauf kam und das Schiffsdeck betrat.

Wenn alle Frauen fertig bedient waren zog das Bangga-Ross fast von alleine an und lief eigenmächtig weiter, auch wenn der Milchmann sein „Hehehe!....." ertönen liess, weil noch eine Nachzüglerin mit wehendem Rock gerannt kam, in der einen Hand den Milchhafen, und mit der andern das herunter rutschende „Bürzi“, den Haarknoten, festhaltend. Widerwillig blieb es dann stehen, denn es wollte doch weiter auf seiner Tour. Und ich entdeckte auch weshalb.

Weiter vorne in der Strasse, nach der ersten Kreuzung von unserem Haus aus gesehen, wartete ein Leckerbissen auf das Pferd. Aber erst musste es sich noch gedulden, denn der Milchmann befuhr jene Kreuzung sehr vorsichtig. Gerade viel Verkehr war zwar nicht zu erwarten. Einige Fuhrwerke, meist Schnappkarren mit Baumaterialien, oder die Karren des Baudepartementes das für die Sauberhaltung der Strassen verantwortlich war, verkehrten schon auf dieser Querstrasse. Und – meist gegen den Winter hin - auch die Wagen der Kohlenhändler, beladen mit Säcken voller Koks und mit Beigen von schwarzglänzenden Briketts. Und von denen behauptete meine Nonna stets, das seien die schlauesten Händler die es gäbe: sie würden die Kohle vor der Fahrt zum Kunden mit dem Wasserschlauch abspritzen, damit sie daran mehr verdienen, denn die Kohle wurde per Gewicht verkauft. Zentnerweise. Und nasse Kohle wog schwerer als trockene Und was zentnerschwer sei beim Abladen, das sei dann nach wenigen Tagen, im Kellerverschlag nur noch halb so schwer. Aber sobald die Kreuzung überquert war konnte der Milchmann so laut rufen, wie er wollte; bevor der Wagen nicht vor dem gelben Haus mit den blauen Fensterläden angelangt war, nutzte sein ganzes Geschrei und das Reissen am Zügel nichts. Erst dort blieben Ross und Wagen stehen. Und das Bangga Ross spitzte die Ohren, bewegte sie hin und her und scharrte ganz nervös mit einem Huf am Boden herum; am liebsten wäre es stracks auch noch auf das Trottoir gestiegen, und, wenn es möglich gewesen wäre, auch noch in den Garten. Dann öffnete sich die Haustüre und heraus kam ganz gemütlich eine kleine, zierliche Frau. In der einen Hand hielt sie einen blauen Krug mit weissen Punkten, die andere hatte sie noch hinter dem Rücken versteckt. Behutsam schritt sie zum Wagen, stellte den Krug auf die Abstellfläche unter dem gläsernen Messkolben. und drehte sich dann dem Pferd zu. Dieses hatte mittlerweile seinen Hals fast ausgerenkt vor lauter sich umdrehen. Doch die Frau machte zwei Schritte in seine Richtung und hielt nun endlich ihre andere Hand vor sich hin, schön flach und ausgestreckt, auf der ein anständiger Brotranft zum Vorschein kam. Das Bangga Ross liess sich nicht lange bitten, die Leckerei war ja sehnlichst erwartet worden. Genüsslich kaute es an dem grossen Brocken herum, und das Weiss seiner Augen blitzte immer wieder auf wenn es den Kopf in den Nacken schwang um den Mordsbissen besser zermahlen zu können. Ab und zu brachte ihm die Frau auch ein Rübchen mit, und ich weiss wirklich nicht, welche der beiden Gaben das Bangga Ross lieber hatte.

Als ich das Mama erzählte, meinte sie, ich könne dem Pferd ja auch einmal etwas geben. Aber, so gern ich es getan hätte, das Tier war mir zu gross und ich hatte fürchterlich Angst, seinen Beinen zu nahe zu kommen. Denn Nonna, in ihrer Sorge um mich, hatte mir ja schon immer eingeschärft, nicht zu nahe an Tiere heranzugehen, hauptsächlich nicht an Hunde. Die könnten ja die Tollwut haben ohne dass man davon schon wisse. Das mit der Tollwut „der rabbia“ wie man im Veneto dieser Tierkrankheit sagt, war eine richtige Obsession von Nonna. Immer wieder erzählte sie mir, wie ein mutig erscheinen wollender Junge in ihrem Dorf von einem solchen Hund gebissen worden, und daran gestorben sei. Verdurstet, sei er, habe immer nach Wasser verlangt, aber durch diese Krankheit nicht mehr trinken können! Und Papa hatte mir bestätigt, dass dies wirklich so gewesen sei, er selber könne sich auch an diesen Vorfall erinnern. Auch er sei auf der Strasse gewesen, als dieser arme Hund auftauchte, aber er sei mit den andern Kindern davon und in einen Toreingang geflüchtet. Dort hätten sich alle verschanzt, und jener Junge, der dann gebissen worden sei, habe sich geweigert, mit ihnen wegzurennen: „Ich habe doch nicht Angst vor diesem Hund, ich doch nicht“, habe er noch gerufen, und dann sei es passiert.

Aber das Bangga Ross war ja nicht tollwütig, und wenn ich mutiger gewesen wäre, hätte ich wohl all die Rübchen, die ich mich weigerte selbst zu essen, ob gekocht oder roh, heimlich ihm zugsteckt. Man wollte mich zwar zwingen, Gemüse zu essen, aber niemand brachte dies fertig. Mama meinte immer, ich hätte wohl Angst vor der Farbe, und sie versucht auf alle Arten, mich zu überlisten. Ein einziges Erbschen sollte ich doch versuchen. Ich wollte nicht. Dann nahm sie Zuflucht zu einer List: sie verpackte ein paar Erbsen in ein Rädlein Salami. Und dachte, so würden diese wohl unbemerkt „rutschen“. Fehlanzeige. Dann donnerte sie mich an:“Iss jetzt endlich diese zwei Erbsen, mit Salami merkst du ja nichts davon, das ist besser als Schokolade!“ Ich würgte und regte mich dermassen auf, dass ich Fieber bekam.Ich wurde ins Bett gesteckt und diese Qual hatte wenigstens für diesen Tag ein Ende.

Aber nicht nur dieses Pferd war versessen auf Leckerbissen die es während seiner Tour erhaschen konnte. Später, als wir in einer andern Strasse wohnten, die Milch aber noch immer auf die gleiche Weise zu der Kundschaft gebracht wurde, war es ein anderes Milchmann-Ross, das wir fast jeden Tag bei seinen „Manövern“ beobachten konnten. Nachdem es mit dem Wagen in das gerade Strassenstück eingebogen war, das von einem kleineren Platz zu einer Anlage führte, vor der dann nach rechts abgebogen wurde, musste einige Male angehalten werden. In der gleichen Strasse und zur ziemlich gleichen Zeit war auch der Ausläufer einer stadtbekannten Bäckerei mit seinem unförmigen Schubkarren unterwegs. Er bediente zum Teil die gleichen Kunden wir der Milchmann. Manchmal war der Bäckerkarren schon fast bei unserem Hause, währenddem der Milchmann noch ziemlich weit hinten war.

Dieser Karren war so gebaut, dass er auf zwei grossen Rädern lief. Er hatte einen gewölbten Deckel den man von der Seite her hochheben konnte, und darinnen lagen all die Köstlichkeiten, die der Bäcker bereits in aller Frühe aus dem Backofen gezogen hatte. Und es duftete so herrlich wenn man daneben stand, nach Brotlaiben - Ein- und Zweipfündern – nach Batzenlaibli die so aussahen wir Brotlaibe nur viel kleiner , nach Brotweggen, nach Milchbrot und Gipfeln und nach vielen andern kleineren und lustig geformten Brötchen mit all ihren treffenden regionalgefärbten Namen. Und vorne an diesem gewölbten Karrendeckel war ein kleines Kästchen, ebenfalls mit Deckel, in welchem der Ausläufer das kassierte Geld verwahrte und das Büchlein mit den Adressen, wer in welchem Hause was bekommen musste. Und oftmals waren die Frauen gerade zum Einkaufen unterwegs, und dann legte der Bäckerjunge die Tüte einfach vor die Haustüre und notierte, wer ihm am andern Tag diese Lieferung noch bezahlen musste.In diesem Kästchen lag auch immer ein altbackenes Brötchen, meist eines, das wir hier, nahe der Grenze zu Baden-Würtemberg, „Schwöbli“ nennen.

Mama und ich kugelten uns oft vor Lachen wenn wir sahen, wie das Milchmann Ross einfach lostrabte wenn es meinte, „sein Wegglikarren“ ziehe weiter, bevor es ihn erreicht habe. Auch mit diesem Pferd hatte wieder ein Milchmann seine liebe Not, damit es nicht einfach, ohne Halt, bis zum Karren rannte. Und mehr als einmal beobachteten wir, dass es, beim Karren angekommen, derweil der Bäckerjunge irgendwo seine Brote ablieferte, versuchte, den Deckel des kleinen Kästchens mit dem Maul hochzuheben. Da der überstehende Rand aber minim war, konnte es ihn wohl ein wenig anheben, aber er klappte immer wieder, mit lautem Krachen, herunter. Und dies wiederum veranlasste den Ausläufer, laut schimpfend herbeizueilen, indem er das gierige Ross apostrophierte: „Soso, kannst wieder einmal nicht warten, bis du dein Weggli bekommst! Es nimmt es dir ja niemand weg, die Leute wollen doch nichts Altbackenes, du alter Glüschteler!“

Schlimm war es aber im Winter, und zwar nicht, wenn Schnee auf der Strasse lag. Bei Schnee konnten die Pferde trotzdem munter daher traben. Alles ging nur viel leiser, gedämpfter vor sich. Die Räder glitten über den weichen Schnee, anstatt über den harten Asphalt. Doch lange hielt die weisse Pracht auf der Strasse nicht an. Sehr bald verwandelte sich das Weiss in Schmutzig, dann in Bräunlich, hauptsächlich dann, wenn die Pferde auf der Strasse das fallen liessen, was die Menschen im stillen Kabäuschen ebenso von sich geben müssen, wie jede Kreatur auf Gottes schöner Erde. Wenn ich durch diesen losen und schon fast erdig aussehenden Schnee lief, kam es mir immer vor, als watete ich durch geröstetes Mehl, wie man es für eine gute Mehlsuppe selber zubereitete, indem man es so lange in der heissen Pfanne mit der Rührkelle hin und her schob, bis es schön braun war und einen für mich köstlichen Geruch verströmte.

Also, sowohl der weisse als auch der schmutzigen Schnee bereitete den Pferden keine Mühe bei ihrer täglichen Arbeit. Wenn aber das Thermometer so um die Null Grad herum anzeigte und ein leichter Nieselregen fiel, dann gefror der Boden meist über Nacht. Dann war es sehr schlimm. Am Morgen musste die Milch ja zur gleichen Zeit ausgefahren werden. Aber bis nur jeder Wagen in seinem Quartier war, war das schon ein riesiges Stück Arbeit. Nicht nur für das Pferd, auch der Wagenlenker, der so hoch auf dem Kutschbock sass, wurde ordentlich gefordert. Die meisten Pferde hatten Mühe mit dem spiegelglatten Boden, und hauptsächlich das Einbiegen in eine andere Strasse erforderte äusserste Aufmerksamkeit, denn nicht nur, dass der Strassenbelag so glitschig war, die Strassen fielen zumeist seitlich ziemlich ab bis zum breiten Rinnstein. Und da fing manch ein Wagen gefährlich an seitwärts abzurutschen. Meist war ja der Milchmann vorher schon abgestiegen, um sein Ross am Zügel zu führen. Aber die meisten hatten schreckliche Angst, man sah es an ihren Augen, die sie weit aufrissen. Sobald die Strassenecke überwuden war, ging es etwas besser vorwärts, aber immer noch mühsam genug, da die eisernen Hufeisen ausglitten und das Pferd einfach nirgends Halt finden konnte.

Einmal mussten wir miterleben, wie ein Milchwagen samt Pferd einfach umkippte. Es krachte so entsetzlich, und Mama schrie förmlich auf. Die ganze Milch lief aus und bildete eine riesige Lache. Doch darauf achtete Mama nicht. Die Tränen liefen ihr die Wangen herunter vor lauter Mitleid mit dem armen, am Boden liegenden Pferd, das aus Angst und sicher auch aus Schmerz laut schrie, denn wiehern konnte man ja dazu kaum sagen. Sie packte einfach kurzerhand die erste Wolldecke die ihr in die Hände kam und rannte, selber rutschend und schlingernd, zum verdatterten Milchmann, und mit ihm und mit noch andern Passanten, versuchte sie, die Decke einigermassen unter das mit den Beinen wild um sich schlagende Ross zu schieben, damit es Halt fände, zum aufstehen. Nach vielen Bemühungen, viel Geschrei und auch Gefluche stand das Pferd endlich wieder auf seinen Beinen. Zum Glück hatte es nichts gebrochen, denn Mama befürchtete schon, man müsse es auf der Stelle erschiessen, wenn es nicht mehr aufstehen könne. Sie kannte sich darin ja aus von ihrer Jugendzeit auf dem Bauernhof. Wir waren beide erleichtert, als das ebenfalls wieder aufgestellte Gefährt endlich weiter zockeln konnte, leer, denn die Milch lag ja auf der Strasse. Und manch einer wird vielleicht an jenem Morgen seinen Kaffee rabenschwarz und nur mit Zucker versüsst getrunken haben.

Und wieder vergingen Jahre und die Milchlieferanten hatten nun, anstatt der Pferde, kleine leichte Elektromobile. Die fuhren fast lautlos durch die Strassen, nur mit einem gedämpften Sirren, ein wenig lauter, wenn sie anfuhren. Ziemlich unbemerkt vollzog sich diese Änderung, ich könnte gar nicht sagen, wann ich das Milchmann Ross zum letzten Mal gesehen habe, wie es mit seinem Karren durch die Strassen fuhr.

Wie war das noch? Pferde und Milch passen nicht zusammen?

Erica Zet

Mit der freundlichen Zustimmung der Autorin auch hier im Schaufenster ausgestellt. Besten Dank Erica! Weitere Geschichten von Erica sind im Forum von SeniorBasel zu finden (siehe hier)  wv

Titelbild: Gila Hanssen_pixelio.de "Milchwagen um 1930"