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27.10.2017 -- Fritz Vollenweider / wv

Zweierlei Flucht

«Ein fliehendes Pferd» von Martin Walser überzeugt auch auf der Bühne des Theaters Matte Bern.


 

Wenn ein Pferd im ausgreifenden Galopp auf uns zustürmt – will es uns angreifen oder flieht es vor irgendetwas? Auf diese anschauliche Frage liesse sich Martin Walsers 1977 entstandene Meisternovelle und vor allem die von Theo Schmid erarbeitete berndeutsche Bühnenfassung vielleicht reduzieren.

Allerdings, vorweggenommen, die Inszenierung von Hans Peter Incondi bleibt bei dieser einfachen Fragestellung keinesfalls stehen. Was der Regisseur aus diesem Stück über Flucht herausholt, ist eine reich befrachtete, vielseitige Psycho-Studie. Sie bringt sowohl die komischen Elemente als auch die vertrackten, in der Tiefe der Persönlichkeiten und deren unbewussten Erfahrungen und Stimmungen verborgenen und mit ihnen verschlungenen Geheimnisse und Äusserungen ans Scheinwerferlicht der Bühne. Das geht vorzüglich, auch dank der differenzierten Darstellung durch die vier handelnden Personen. Die vordergründig einfachen, hintergründig mit allerlei Verhaltensmüll positiv wie negativ ausgestatteten Szenen kommen mit höchster theatralischer Vitalität voll zur Geltung.

Ein Psychodrama also? – Mitnichten. Auch wenn Walsers Original etwas davon enthalten mag – was in der Matte gespielt wird, ist auf dem geschilderten Hintergrund ein packendes Ereignis von Spielfreude, von Lust am Dialog, von beinahe verschmitztem maskenhaften Markieren.

Flieht das Pferd oder greift es an? Jerry Lergier (Klaus) scheint anzugreifen. Vorab seine Frau Helene. Schon als er sie zum ersten Mal vorstellt, wird seine machohafte Besitz ergreifende, angriffige Dominanz spürbar: Ihren Namen passt er kurzerhand an und nennt sie Hell. So geht es weiter: Auch sie ist vordergründig sportbegeisterter Mineralwasserfan, und anderes mehr. Andererseits, auch wenn er das in lustiger Mutwilligkeit zelebriert: Er hat es nötig, sich immer wieder zu vergewissern, dass sie ihn liebt, sei es mit Küssen, mit Streicheln, Tätscheln oder gar plump Fragen. Anfänglich mag man darüber den Kopf schütteln, nach und nach wird klar: Da flieht einer aus der Angst vor persönlichem Ungenügen in eine verblüffend laute und vitale Kompensation.

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Fredi Stettler (Helmut), Jerry Lergier (Klaus)

Anders sieht es bei Helmut aus. Er ist der Introvertierte, kein Sportler, sondern ein Belesener und Nachdenklicher Seine Flucht zieht sich nach innen zurück. Er mag mit Äusserlichkeiten und sogar mit ehemaligen Klassenkameraden der Jugend nichts zu tun haben. Seine Frau nimmt er nicht wie Klaus in Besitz, er scheint sie eher vor lauter Vergessen zu vergessen. Fredi Stettler spielt diesen fast manieriert zu nennenden Stoizismus mit einer ans autistische grenzenden Unerschütterlichkeit.

Und die Frauen? Sabine buhlt mit einer manchmal mit Verzweiflung wie Resignation angereicherten Fröhlichkeit und Selbstverständlichkeit um die Aufmerksamkeit ihres Gatten. Annemarie Morgenegg gelingen auch in den Szenen mit Klaus, der sie mit seiner Vitalität stark beeindruckt, überzeugend vielseitige und beschwingter Momente packender, mitreissender Darstellungskunst. Nicht anders Corinne Thalmann als Helen, die mit ihr offensichtlich für einmal fern von Klaus kurze Momente eines wenn auch leicht übersteigerten Eigenlebens geniesst.

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Annemarie Morgenegg (links), Corinne Thalmann

Das einfache, einen gewissen Glanz verströmende Bühnenbild (Fredi Stettler) und die Kostüme von Katrin Schilt runden das Bild eines mit echten Gefühlen und Handlungselementen komponierten Theaterabends, bei dem man – auch der gelungenen Mundart (Theo Schmid) wegen – sich weder an schwankmässigem Kitsch noch an überladenen Pseudoproblemen stösst.

Vorstellungen noch bis 19. November.

Theater Matte

Alle Bilder: © Ben Zurbriggen