ICON-Link

16.11.2017 -- Fritz Vollenweider / wv

„liquid reflections“

Stichwort «Verflüssigung und Entgrenzung»: Das Kunstmuseum Bern zeigt Werke der Anne-Marie und Victor Loeb Stiftung.


 

Die Ausstellung zeigt Höhepunkte der mehr als 350 Werke umfassenden Sammlung Loeb. Anne-Marie-Loeb-Haymann (1916-1999) und Victor Loeb (1910-1974) erwarben diese in den Jahren 1964 bis 1974, dem Todesjahr von Victor Loeb.

Es war eine Zeit der Höhepunkte in Berns Kunstszene (wenn auch nicht die einzige), als Harald Szeemann (1933-2005) 1961 bis 1969 die Kunsthalle Bern leitete. Sein Einfluss auf die Sammeltätigkeit des Ehepaares Loeb ist erwiesen; seiner eigenen Angabe entnimmt man, dass die Sammler mit einem dezidierten «Ja zur Gegenwart» der damaligen modernen Kunst begegneten und ihre Auswahl trafen. Die Werke in der gegenwärtigen Ausstellung lassen diese (in den Sechzigerjahren des 20. Jh. durchaus auch nachvollziehbare) Haltung so gut erkennen wie auch die Neugier, mit welcher die Sammler sich bei ihren Erwerbungen begeistern liessen. Man begegnet einer repräsentativen Auswahl der Kunst der Sechzigerjahre, welche von der Kuratorin Marianne Wackernagel als «Reise in sechs Etappen» dargestellt wird: Konstruktiv, Weiss, Pop, Bewegung und Licht, Prozess.

Loeb Bild1 Loebs in ihrem Haus in Muri

Anne-Marie Loeb-Haymann und Victor Loeb in ihrem Haus in Muri.
Foto aus «Zum Gedenken an unsern lieben
und verehrten Herrn Victor Loeb 1910–1974», S. 15

Wiederum sind die Beiträge im Katalog der Ausstellung für das Verständnis der ausgestellten Werke, für das Sammler-Ehepaar und deren Biografie so hilfreich wie für die Erinnerung an das szenische Umfeld der Kunst in den Sechzigerjahren.

Konrad Tobler schreibt darin eine knappe, dennoch reich dokumentierte Monografie über Anne-Marie und Victor Loeb. Auch wenn man als damals rund 25-Jähriger sich der Loeb-Schaufenster erinnert, welche zu verschiedenen Zeiten eher als eine Art Mini-Galerien der zeitgenössischen Kunst denn als Werbevermittler wirkten, dürfte es dennoch für viele der älteren Generation von Bernern spannend sein, der damaligen Berner Stadtkultur im Katalogtext erneut zu begegnen. (Ein Teil dieser Kultur war damals auch die Kramgass-Ausstellung, von der Sektion Bern der Gesellschaft schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten – SGMBA – veranstaltet, mit aktuellen Werken zeitgenössischer Berner Künstler in den Schaufenstern der Kramgasse. Man sehe dem Berichterstatter diesen nostalgischen Abstecher nach...)

Annemarie Wackernagel ihrerseits kommentiert die Werke der Ausstellung und die Kriterien für deren Auswahl. Die Namen der Künstler reichen über die verschiedenen Stilrichtungen der modernen Kunst. Zum Beispiel Joseph Beuys, Kasimir Malewitsch, Max Bill, Meret Oppenheim – und weitere Bekannte, aber auch Namen, die keiner mehr nennt, weil sie in die Vergessenheit versunken sind. Ob zu Recht, daran lässt gerade diese reichhaltige Ausstellung manchmal zweifeln. Insofern könnte die Sammlung Loeb durchaus auch an die Ausstellung unbekannter französischer Künstler des 19. Jahrhunderts in der Zürcher Kunsthalle erinnern.

Die dunkeln Teile von «Weisses Bild» (unten) sind in Wirklichkeit reflektierende Spiegel. Das dreidimensionale Bild fasziniert, an der Wand hängend, bei längerem Betrachten immer stärker. Faszinierend ist auch in unvermutet hohem Masse das Plakative der Pop-Art, sind einige der Skulpturen mit ihren bewegten Lichtstrahlen. Doch verschwinden die im Kontext eher konventionell wirkenden Grafiken und Bilder keineswegs zwischen den spektakulären «liquid reflections», den «Verflüssigungen und Entgrenzungen» für welche die Loebs eine so grosse Begeisterung an den Tag legten, so gross, dass sie noch auf uns Heutige unmittelbar zu wirken vermag.

Loeb Bild5 Christian Megert Weisses Bild

Christian Megert (*1936), Weisses Bild, 1968. Spiegel und Acryl auf Sperrholz auf Sperrholzplatte, 120 x 120 x 18 cm. Kunstmuseum Bern, Anne-Marie und Victor Loeb Stiftung, Bern. © 2017, ProLitteris Zurich

 

Loeb Bild4 Peter von Wattenwyl Bienenwolf

Peter von Wattenwyl (1942 –2014), Bienenwolf, o.J.; Wasserfarbe auf Fimo, lackiert, 15 x 25 x 12 cm. Kunstmuseum Bern, Anne-Marie und Victor Loeb-Stiftung, Bern

 

Loeb Bild3 Liliane Lijn Liquid Reflections

Liliane Lijn (*1939), Liquid Reflections, 1967. Plexiglas, Holz, Metall, Schaumstoff, elektrische Installation, Wasser-Parafin-Gemisch, H 90 cm, D 117 cm Kunstmuseum Bern, Anne-Marie und Victor Loeb Stiftung, Bern. © 2017, ProLitteris Zurich (Das Bild, das der Ausstellung den Titel geliehen hat.)

 

Die Ausstellung dauert bis 28. Januar 2018. Weitere Informationen: Kunstmuseum Bern