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05.12.2017 -- Fritz Vollenweider / wv

Nicht nur fiese Sprachspiele…

Wo z. T. liegt Chouvenien? Auch dieser Frage geht DAS THEATER an der Effingerstrasse in Bern mit einer fulminanten französischen Komödie nach.


 

«Venedig im Schnee», ein überdrehtes, überbordendes Bühnenspiel, mehrfach europaweit aufgeführt, stammt vom französischen Dramatiker Gilles Dyrek (geb. 1966). Inszeniert hat es Markus Keller im zur Handlung passenden Bühnenbild von Petr Aeschbacher, mit feinem Gespür für die Wirkung von straffen Dialogen und stereotyp wiederholten Elementen von Sprache, Gestik und Mimik.

Gerade das macht ja diese Art Komödie aus: eine Spielform, welche bei aller Überdrehtheit nie die Grenze zum Primitiven überschreitet und doch einfach zu erkennende spielerische Akzente setzt. Ob es am Text des Dramatikers oder am meisterlichen Umgang des Regisseurs mit dem Stoff liegt, könnte nur beurteilen, wer den Text gelesen hätte. Jedenfalls entwickeln sich alle diese Elemente mit einem beschwingten Antrieb aus dialogischen Vorgaben zu Pointen, die sich selber weiter zu reichen scheinen. Der so gestraffte Ablauf in begeisterndem Tempo führt zu einem Spiel im Spiel auf der Bühne, das als gute Unterhaltung pur das Mitspielen des Publikums möglich macht: Lacher, Zwischenrufe – Freude am Mitgehen einfach.

Was hat der leise Schnee im winterlichen Venedig damit zu tun? Das fragt man sich als Zuschauer schon von Anfang an. Das Spiel ist so weit entfernt von seinem Titel, dass man gespannt auf die Auflösung wartet. Denn weder Nathalie und Jean-Luc in ihrem neu bezogenen Appartement – noch stehen die Umzugskartons unausgepackt herum und das WLAN funktioniert auch nicht – noch ihre etwas verspätet zu Besuch erscheinenden Freunde Patricia und Christophe haben etwas mit Venedig zu tun. Wir sind in Paris, und der Handlungsverlauf lässt das nie vergessen.

Was als einziges weit weg von Paris liegt, ist Chouvenien und die Sprache, die man dort spricht. Karo Guthke in der Rolle der zu Besuch weilenden Patricia erfindet beides. Denn vorschnell haben Nathalie (Sabine Lorenz) und Jean-Luc (Peter Bamler) das mürrisch beleidigte Schweigen (ohne ersichtlichen Grund) von Patricia missdeutet: «Wie lange ist sie schon in Frankreich? Spricht sie nicht Französisch?» - Dies der Ausgangspunkt des Spiels.

Es ist nicht nur Karo Guthke, die in der Folge nur noch ihre selbsterfundene Sprache spricht und damit fabuliert, dass es eine Freude ist – was für eine sprecherische, konzentrierte und mitreissende Glanzleistung! – sondern auch der Erfindungsgeist und die Kombinationsgabe von Nathalie und Jean-Luc, die ein alle Grenzen des Denkbaren sprengende Scheinwelt bis fast zum endgültigen Schluss aufrechthalten. Chouvenien, das liegt doch in der ehemaligen Sowjetunion! Die Arme! Der erste, dem Mitleid entspringende Impuls, etwas für die armen Leute dort zu spenden, führt zu einer gigantischen Übung im sich entledigen von allem noch nicht ausgepackten Unnötigen.

Was sich zwischen den vier Befreundeten abspielt, trägt die nur knapp gemeisterte Gefahr des Umwertens aller Werte in sich. Der aufdringliche Zärtlichkeitstausch der einen wandelt sich in fast mehr als nur verlegene Zurückhaltung und ersthafte Unstimmigkeiten. Die mürrische, durch ein aktuelles Scheinproblem entstandene Grundstimmung der Gäste mutiert zu teils Fröhlichkeit, teils peinlicher Verlegenheit. Um beide Paare beginnt man sich Sorge zu machen.

Es muss am Schnee Venedigs liegen (wer ihn schon einmal erlebt hat, weiss um seine beruhigende, alle Eindrücke um eine Stufe dämpfende Wirkung), dass man ungetrübt und sorgenfrei auch unter diesem Aspekt sich bis am Ende an der im schönsten Sinne spielfreudigen Aufführung freuen kann.

 

Venedig 20171127SEV1522

Von links: Peter Bamler (Jean-Luc), Sabine Lorenz (Nathalie), Helge Herwerth (Christophe), Karo Guthke (Patricia)

Aufführungen bis 2. Januar 2018.

Informationen: DAS THEATER an der Effingerstrasse

Bild: Severin Nowacki.