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20.12.2017 -- Erwin Weigand / wv

Der Läbchueche

Über einen Lebkuchen und vergangene Zeiten. Aus Erwins "Bärner Gschichte".


 

Jetzt zur Weihnachtszeit steht bei der Heiliggeistkirche ein stattlicher Tannenbaum. Die Häuser dahinter sind der Schauplatz dieser Betrachtungen.

Laebchueche 2Bahnhofplatz

Bahnhofplatz, Bild ew

Die Gasse zwischen PKZ und Heiliggeistkirche wird wohl Oberes Bollwerk zu nennen sein denke ich, Bahnhofplatz eher nicht.

Laebchueche 3Collage

Dort hat sich viel verändert in den letzten hundert Jahren, wie anderenorts auch. Hier auf dem Bild ist links angeschnitten die Kirche und rechts der neugotische Brunnen, der jetzt in Bümpliz zmitts in der Kreuzung steht. Er war wie der Christoffelturm der modernen Stadtentwicklung im Weg. Eigentlich war dieser Brunnen selbst ein Nachfolger des Davidbrunnens und sollte nicht so genannt werden. Historisch betrachtet war David als Gegenpart zu Goliath dort schon am richtigen Platz, man hatte ja den Christophorus zu einem Goliath umgewandelt und ihn mit Waffen ausgestattet; gfürchig und riesig stand er dort, ganz im Gegensatz zum Christoffel. Der Christophorus sollte den ganzen Tag vor Unheil schützen wenn man ihn nur ansah, deshalb konnte er gar nicht gross genug sein; er wurde zu Brennholz. Die ursprüngliche Davidfigur stand auf einer Brunnensäule wie bei den anderen Figurenbrunnen auch. Er muss in einem sehr schlechten Zustand gewesen sein als er durch einen damals modernen, neugotischen Turmspitzenstumpf ersetzt wurde. Nur auf alten Stichen vom Christoffelturm ist der David noch zu finden.

Laebchueche 4DavidDavidbrunnen, Burgerbibliothek Gr.C.847.

 

Laebchueche 5FN.G.C.929

Nordmannhaus und Brunnen, Burgerbibliothek FN.G.C.929

 

Laebchueche 6Ladenfront

Ladenfront am Bollwerk, Burgerbibliothek FN.G.C.930.

Die diversen Geschäfte an der Gassenfront sind verschwunden, das Hotel Suisse ist zum Schweizerhof geworden und gehört mittlerweile irgendwelchen Wüstensöhnen. Die Papeterie Kuhn gibts nicht mehr, aber das edle Raucherwaren-Geschäft Flury findet der verwöhnte Geniesser noch dort unter den Lauben. Wo früher ein offener Innenhof im Besitz einer vornehmen Dame war, ist jetzt die überdachte Schweizerhofpassage. Madame de Meuron hat es nicht verhindern können; sie hatte früheren Planern das Zubauen versagt. "Die miggerige Bäum zwüsche de Brandmuure heige scho ihre Zwäck," indem sie auf die Spatzen in der Linde zeigte «...Und de d' Vögeli?» Damit war das Millionengeschäft vorläufig abgesagt.

Der Confiserieladen Wenger besteht auch nicht mehr, an seiner statt ist jetzt dort der Eichenberger, aber über die Vorgänger hat der Mundartdichter Rudolf von Tavel ein literarisches Andenken hinterlassen. Die Familie Tavel wohnte zur Kinderzeit Rudolfs in dem schmalen Haus gleich neben dem heutigen PKZ-Eckhaus. Im Parterre habe ein «Paschtetlibeck sy Lade gha». Neben allerlei guten Sachen gab es in einer Ladenecke auch Glace, Tee und Chocolat. Aber besonders berühmt sei der Papa Durheim für seine Bärner Läbchueche gewesen.

Der Laden, so schreibt Tavel, habe «...usgseh wie-n-es Märli. Uf em grosse Tisch i der Mitti sy d'Süessigkeiten arrangiert gsi wie Gartebeet und Bluemegroupes. I allne Farbe hei si ein aglachet. Und wär weiss, me hätti sech nid mögen ebha, mit beidne Hände da dry z'fahre, wäri nid der Zouberer, der Herr Durheim sälber, i sym bländig wysse Zuckerbeck-Costüme derhinder gstande! A de Wände zringsetum hei glesigi Türmli glänzt voll grüeni, roti, gääli Täfeli, drunder zueche gheimnisvolli Schublädli, wahri Schatzchammere, Bärgwärk vo Chocolat. Und gschmöckt het's, i sägen ech, gschmöckt . . . ! »

Vornehme Damen besorgten dort für ihre Soirées allerlei Naschwerk gleich zum Mitnehmen, oder sie liessen es sich dann ins Haus bringen. Das Warten versüssten sie sich inzwischen bei einem Tässchen Chocolat, während sie sich in der Sitzecke etablierten.

Einmal betrat auch ein Mann vom Land, leicht erkennbar an seiner halblynigen Kleidung, den Laden. Die Ladejumpfere wusste nicht recht mit ihm umzugehen und so fragte sie leicht übersühnig: «Was wär gfellig?» Einen Lebkuchen wolle er, aber einen schönen grossen.

Laebchueche 7Glatz

Sie hatten im Laden immer einige vorrätig, schon wegen den Fremden und so holte die Verkäuferin einen aus der Montere (Schaufenster), von dem sie vermutete der Mann habe ihn im Vorbeigehen gesehen. «So öppis?» fragt sie und zeigt ihn dem Landmann.

Der Buur: «Wie tüür dä?»

Durheim chly obenabe: «Drüü füfesibezg»

Der Buur:«So? drüü föifesibezg? Hiit Dr kener grössere? Uf ne Föifedryssger chunnt's mr nid a.»

«Bhüet is wohl. – Bis zu're halbe Jucherte», sagt der Herr Durheim und nimmt eine Bärner Läckerli-Tafel aus der Vitrine. So gross wie eine Schiefertafel. «So öppis?»

«Prezis, da isch es si emel de o derwärt, dryz'bysse. Wie tüür dä?»

«Dä chunnt Ech uf füüf.»

Das Format gefällt dem Kunden schon besser, nur die Aufschrift "Gruss aus Bern" kann es ihm nicht, das sei dumm. Es sollte sein Name Adolf darauf stehen. Das könne man machen und er müsse halt eine Stunde wegen der Trockenzeit warten.

Damit einverstanden erwidert der Bauer: «He ja, i chönnt ja zwüschenyhe no hurti i "Stärne" hingere, i mangleti dert no mit iim ga z'rede.» Darauf zottelte er gemütlich durchs Bollwerk hinaus.

Die Ladenleute machten sich nicht wenig Sorgen, ob sie sich nicht vergebens Arbeit gemacht hätten; trotzdem liess der Zuckerbäcker gross "Adolf" auf das Gebäck schreiben. Pünktlich nach einer Stunde stand der Adolf jedoch im Laden und betrachtet missmutig das ihm dargebotene Werk.

«Isch es öppe nid rächt?» fragt die Ladentochter und der Besteller stellt fest, dass jetzt "Adolf" darauf stehe, er aber nicht so hiesse, er heisse "ADOLPH" mit PH hinten. So wie das jetzt geschrieben sei dürfe er es niemandem zeigen. Richtig toube isch er gsi:

«....U so wott i's ha. U fertig! Süsch frässit miera dä Läbchueche säuber.»

«Hehe! Nume nid grad so ruuch, Mano! Me chan Ech ja das ändere, we' Dr drann hanget.»

«He nu guet. So machit! Angers wott ne nid.»

Während der Lebkuchen in der Backstube überarbeitet wurde, offerierte ihm Meister Durheim ein Gläschen Anisette, welches mit: «chly wohl süess, aber i ha's de no gärn.» quittiert wurde. Für den nun korrekt beschrifteten Lebkuchen bezahlte er anständig mit seinem Füüfliber und bedankte sich für das Gläschen. Einpacken müsse sie dä Läbchueche nicht: «Es manglet's nid», wehrt der Herr Adolf ab, «löit das nume la sy. I ha ne für mi säuber gchuuft, un i isse ne grad uf em Heiwäg. – Nüt für unguet! U bhüet Ech der lieb Gott auisame. Adie.»

Darauf verliess er zufrieden den Laden.

Diese Geschichte ist so verkürzt und teils im Originalton aus Hugo Martis Buch über Rudolf von Tavel von mir abgeschrieben. Die Berner Lebkuchen werden nach wie vor gebacken und verkauft. Verzierungen und Beschriftungen gibt es in unzähligen Varianten und wer seinen Namen gerne darauf haben möchte, findet sicher Gehör bei den diversen Zuckerbäckern der Stadt. Aber bitte dabei beachten, dass es ratsam ist, die Orthographie sicherheitshalber vorher schriftlich festzulegen.


Die abgebildeten Lebkuchen in den Schaufenstern der Bäckereien Ischi und Glatz fotografiert von ew.