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23.12.2017 -- Fritz Vollenweider / wv

Möwe und Mozart

Im Berner Theater Matte findet sich, wer sich eigentlich nicht finden lassen will.


 

Die Verblüffung wächst. Anfänglich glaubt man, ein Dutzend-Komödchen in harmloser Mundart anzusehen; lustig, wie Komödien nun einmal sind. Vielleicht ohne mindestens die Spur von Tiefgang, den sie eigentlich haben müssten. Fast ein Schwank, wenn auch kein lauter, kein spektakulärer. Der sprachliche Witz ergeht sich in kalauernden Dialogen – was kann man da schon erwarten. Wenn es nur nicht zu lange dauert!

 

Ein typischer Fall von Denkste!

Der 1957 geborene deutsche Autor Peter Limburg steht im Verdacht, diesen Aufbau seiner Komödie ums Altern und vermeintliche Entsagen bewusst als launiges Stilmittel eingesetzt, sozusagen eine formale Komödie in die Komödie der Handlung eingebaut zu haben. Denn es erweist sich – je später der Abend – dass es sich in dieser Zweiergeschichte um eine gute Komödie handelt. Nach anfänglichem fast aussichtslosen Buhlen um mindestens ein Gespräch, verbunden mit Kniffen und Listen, öffnen sich menschliche Tiefen der Biografie, der Lebensführung, von Enttäuschung und Verbitterung, von Schuld und Versäumen im Austausch zwischen den ungleichen Partnern auf der Bühne – ohne dass dabei das echt Komische, Komödiantische auf der Strecke bliebe. Das Spiel der beiden Protagonisten – Marianne Tschirren als kontaktbemühte Sofia, Hans Witschi als abweisender, sozusagen eine Dornenhecke um sich aufbauender Herbert – und die vermittelnden, manchmal auch verwirrenden Aktivitäten von Herberts Nichte, Nicole D. Käser, fesselt mehr und mehr. Dabei werden die komödiantischen Elemente nicht etwa gegen eine tranige Schuld- und Schmerzeuphorie eingetauscht. Nein, es bleibt beim beschwingten, anregenden, belustigenden Schwung der Handlung. Die Wandlung von der Art einer richtig versöhnlichen menschlichen Komödie geschieht, so lassen die Entwicklung und der Schluss des Spiels die Folgerung zu, durch das Eingestehen der eigenen Rolle beim zunehmenden Vertrocknen und Verzweifeln.

Fredi Stettlers Bühnenbild und die Kostüme von Katrin Schilt unterstützen das Konzept der Inszenierung von Lilian Naef akzentreich. Alles das wird der erwähnten formalen Spannung des Stücks aufs schönste gerecht. Vor allem das anfänglich betont stereotypisch wirkende Minenspiele und die Gesten weichen Schritt für Schritt einer gelösten Offenheit des Spiels, die aufs beste Raum schafft auch für die dunkleren Seiten der Biografie der Protagonisten, doch vor allem für das immer mehr sichtbare Lichte im Verhältnis des Paares.

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Hans Witschi, Nicole D. Käser, Marianne Tschirren

Hans Witschi gelingt es mit ansprechender Differenzierung sowohl den anfänglich verbitterten, unnahbaren Raubauz darzustellen als auch den Menschen, der sich nach und nach aus seinem Starrsinn herauswindet und wieder seine menschlichen Züge und Verhaltensmuster findet. Marianne Tschirren (sie schuf auch die Berndeutsch-Fassung) begeistert durch ein anscheinend von innerem Schalk angetriebenes Spiel, das vor keiner Zurückweisung kapituliert und immer wieder aufs neue Anläufe zu einem echten Dialog und zu noch viel mehr nimmt. Sie wird, beginnend mit ihrem ersten Trick des Abends und endend mit vom Stock gestütztem, etwas weniger forschen Gang, zur raumfüllenden Sympathieträgerin des Komödienabends in der Matte.

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Hans Witschi, Marianne Tschirren

Vorstellungen noch bis 21. Januar 2018. (Weihnachtspause vom 24. bis 26. Dezember 2017.)

Theater Matte

Alle Bilder: © Ben Zurbriggen