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12.01.2018 -- Erwin Weigand / wv

1868-1918 und das Jubiläumsjahr 2018

Fünfzig Jahre Industrie- und Arbeitergeschichte. Aus Erwins "Bärner Gschichte".


 

Vor rund 150 Jahren begann auch in Bern das Industriezeitalter. Zaghafte Versuche hatten Betriebe am Sulgenbach bereits gestartet. Die kleinen Werkstätten mit nur wenigen Arbeitern konnten noch nicht wirklich als Industriebetriebe bezeichnet werden. Das änderte sich rasch, als 1864—1866 der Berner Patrizier Carl Wilhelm von Graffenried mit weiteren Companions die Spinnerei Felsenau gründete. Graffenried hatte bereits Erfahrung als Financier und die aus Zug kommenden Companions Alois und Wolfgang Henggeler, sowie Heinrich Schmied und Johann Werder waren Branchenprofis. Sie bauten in kurzer Zeit die Fabrik und gaben bereits im Jahr 1870 vierhundertfünfzig Arbeiterinnen und Arbeitern Lohn und Brot.

Industrie 2 Felsenau

Die Spinnerei Felsenau, rechts Direktorenvilla, mitte und unten Arbeiterwohnungen

Zunächst musste noch die miterworbene Wasserkonzession ausgenutzt werden. Die Vorbesitzer des Areals hatten nämlich begonnen einen Stollen von der Engehalde in die Felsenau zu treiben um die Wasserkraft zu nutzen. Dieser Stollen war rasch fertig, ein Stauwehr war nicht nötig, es genügte eine kurze Mauer die das Aarewasser hinüber zur Fabrik leitete. Damit war für die nötige Energie gesorgt. Das Fabrikgebäude war eine der ersten Shedhallen der Schweiz. 1867 begann die Produktion mit 22'000 Spindeln und steigerte sich innert drei Jahren auf 55'000. Damit wurde die Spinnerei Felsenau zur drittgrössten Schweizer Baumwollspinnerei. Die mächtig Konkurrenz in der Ostschweiz bekam das zu spüren, rentieren konnte die Produktion nur dank tiefen Transportkosten und tiefen Löhnen. Dass Graffenried für sein Etablissement Bern aussuchte war weniger seinem Lokalpatriotismus, als handfesten wirtschaftlichen Überlegungen zu verdanken. Bern hatte seit 1860 direkten Bahnanschluss und noch genügend freie Arbeitskräfte. Damit konnten einerseits die Transportkosten und andererseits die Personalkosten tief gehalten werden. Die Patrons erwirtschafteten erhebliche Gewinne.

An Fachkräften scheint nicht Mangel gewesen zu sein. Aus anderen Schweizer Kantonen zogen Textilarbeiter, Techniker und Direktoren nach Bern und fanden in der Spinnerei ihre Aufgabe. Den ungelernten Arbeitskräften hätte es eigentlich gut gehen sollen, sollte man meinen, hatten doch die Fabrikbesitzer sogar für ihre Unterkunft und Verpflegung gesorgt. In extra erstellten Wohnhäusern mit einfachsten 3-Zimmerwohnungen hausten oft 5 Personen in zwei Zimmern, weil das dritte untervermietet war. Die Wohnungen besassen kein fliessend Wasser und keine Toiletten und Bäder, aber der Arbeitsweg war kurz.

Meistens waren es Frauen die für wenig Geld an den Maschinen arbeiteten, aber auch Kinder. Eine behördliche Untersuchung von 1868/69 registrierte, dass in der Felsenau neun Kinder unter 16 Jahren arbeiteten, sechs waren sogar erst zehn- und elfjährig. Dabei handelte es sich wahrscheinlich um Kinder aus Arbeiterfamilien, die sich so das Einkommen verbesserten. Die Männer waren vorwiegend in der Battage beschäftigt, sie mussten die schweren Rohbaumwollballen schleppen und den Rupfmaschinen zuführen. Eine staubige und gefährliche Arbeit.

Industrie 3 Battage

Luftfiltertürme und ehemalige Battage

Die Arbeitszeit betrug anfangs 13 Stunden pro Tag und eine Hilfsarbeiterin verdiente pro Tag 1.90 Franken. Das brachte in 14 Tagen 23 Franken in die Lohntüte. Davon zog der Patron 14 Franken für Kost und Logis ab und zusätzlich 3% auf ein Konto der Ersparniskasse. Ein Kilo Brot kostete damals etwa zwei Stundenlöhne. Etwa die Hälfte des Einkommens einer Familie musste für Nahrungsmittel aufgewendet werden und wenn nach dem 11 Stundentag noch im Garten gearbeitet wurde, diente das nicht der "Entspannung" sondern war notwendiger Zwang.

Industrie 4 Villa

Die ehemalige Direktorenvilla, heute Sozialwohnungen der Stadt

Für Zucht und Disziplin sorgten die Meister und Direktoren. Vom Junior-Direktor Werder wird berichtet, dass er jeweils mit der Reitpeitsche durch den Betrieb streifte und die Angestellten handgreiflich antrieb. Wer nicht spurte, flog auf die Strasse und verlor gleichzeitig auch die Wohnung. Schulentlassene Kinder hatten sich in der Firma zu melden, eine anderweitige Beschäftigung war ihnen verboten. So waren die Arbeiterinnen und Arbeiter der Spinnerei nicht besser gehalten, als die Sklaven der Baumwollfelder in Alabama von wo die Rohware importiert wurde.

Industrie 5 Arbeiterhaeuschen

Arbeiterhäuschen, heute mit Anbauten modernisiert

In diesem sozialen Umfeld entstanden revolutionäre Strömungen, die bei Zusammenkünften mit Forderungen für Mitsprache, Arbeitszeitbegrenzung und Mindestlöhnen ausgesprochen wurden. Überall in Europa organisierten sich Arbeiter in Gewerkschaften, besonders ausgeprägt die Bolschewiken in Russland. Die Schriften von Karl Marx wurden zur Bibel. In Bern dauert alles ein wenig länger, erst 1902 wurde mit Verteilung von Flugblättern durch den Aktivisten Nikolaus Wassilieff in der Felsenau zur Agitationsversammlung aufgerufen. Erst 1904 gelang der jungen Gewerkschaftsaktivistin Margarethe Faas-Hardegger mit einer Gruppe Gleichgesinnter, den Verein bernischer Textilangestellter zu gründen. Sie gerieten prompt in Konflikt mit der Spinnerei Felsenau die inzwischen von der Langenthaler Gugelmann übernommen war. Es kam zu einer Auseinandersetzung die in breiter Öffentlichkeit diskutiert wurde. So wurde die Begebenheit auf einem 1904 verteilten Flugblatt beschrieben: Am Abend des 19. Mai sassen einige Spinnerei-Arbeiter vor dem Restaurant Felsenau. Da tauchte Alfred Werder, der Sohn des Direktors, mit einer Gruppe ihm loyal gesinnter Arbeiter auf. Sie waren mit Stöcken, Schläuchen und Reitpeitschen bewaffnet, Werder trug zudem eine Pistole. Sie begannen, mutmassliche «Rädelsführer» der Gewerkschaft zu verprügeln. Werder hatte sich offenbar darüber geärgert, dass die Felsenau-Arbeiterschaft am 1.-Mai-Umzug teilgenommen hatte. Das Flugblatt enthält weitere Beispiele, wie Werder junior verschiedene Arbeiter körperlich malträtierte. Zudem wurde ihm vorgeworfen, er setze als Feuerwehrkommandant immer dann eine Übung an, wenn eine Gewerkschaftsversammlung stattfinde.

Gleichzeitig luden die Veranstalter auf der Rückseite des Flugblattes zu einer Protestversammlung am 26. Mai ins Volkshaus ein. Dort entstand eine Resolution, die «energisch gegen die Brutalitäten, welche von Hrn. Werder jun. […] verübt» wurden, protestierte. Zudem verlangte die Versammlung: «den Rücktritt Werders als Feuerwehrkommandant und eine Zurückstufung als Armeeoffizier sowie eine aussergerichtliche Untersuchung der Vorgänge durch den Hauptaktionär der Spinnerei, Nationalrat Arnold Gugelmann. »

Das geschah 1904, ein Zeichen des Aufbegehrens der unterdrückten Arbeiterschicht. Bereits im vergangenen 19. Jahrhundert gab es diverse Arbeiteraufstände zu deren Niederschlagung regelmässig Militär aufgeboten wurde. Arbeitsniederlegungen zur Durchsetzung von Forderungen, die wir heute als selbstverständlich betrachten würden. Beispielsweise streikten 1875 die Mineure des Gotthardtunnels um eine bessere Belüftung ihres Arbeitsplatzes zu erzwingen, Landjäger und Soldaten haben mit scharfen Schüssen für Wiederherstellung der Disziplin gesorgt.

Industrie 6 Kaefigturm

Der Käfigturm

In Bern kam es am 19. Juni 1893 zum Käfigturmkrawall, der mit starkem Armeeeinsatz beendet wurde.

Arbeitslose Bauarbeiter hatten zum Aufstand aufgerufen weil ihnen italienische Bauarbeiter zu Dumpinglöhnen vorgezogen wurden. Ein Trupp von bis 60 Maurern und Hilfsarbeitern verprügelte auf Baustellen im Kirchenfeld die dort tätigen Muratori und warf Baugerüste um. Darauf griff die Polizei ein und setzte die Rädelsführer im Käfigturm fest. Mit seit 1876 als überflüssig wegrationalisierten und entsprechend frustrierten Tambouren, trommelten Aktivisten eine Menge Gleichgesinnter zusammen, die gemeinsam die gefangenen Genossen befreien wollten. Die Polizei konnte dem Ansturm kaum wehren, so bat sie die Feuerwehr um Hilfe. Deren Alarmierung zog eine Menge Schaulustiger an. Der Stadtpräsident E. Müller forderte darauf rechtswidrig beim EMD-Chef Armeeeinheiten an, die auch zugesagt wurden. Gegen Mitternacht trafen die 60 Mann von Thun her kommend ein. Sie waren jeweils mit Säbeln und Vetterligewehren ausgerüstet worden und hatten während der Fahrt eine Schnellbleiche zur Bedienung derselben erhalten. Anbetracht der fortgeschrittenen Tageszeit hatte sich der Volksauflauf bereits stark gelichtet und so konnten die wenigen Rebellen schnell verhaftet werden.

Der Klassenkampf wurde einerseits von der 1890 gegründeten Arbeiterunion und andererseits dem bürgerlichen Einwohnerverein angeheizt. Die Wohnungsnot in der rasant wachsenden Stadt, die Arbeitslosigkeit und die sozialen Gegensätze waren die Ursache der steigenden Unzufriedenheit der Arbeiterschaft, die weil sie von der Macht ausgeschlossen waren, sich nur in Protesten und Streiks ausdrücken konnte. Das änderte sich langsam um die Jahrhundertwende, doch der Unterschicht ging es nicht besser. Die Wohnungsnot und die allgemeine Teuerung trieb die Arbeiterschaft in die Arme der marxistischen Vordenker. Dann brach der erste Weltkrieg aus.

Industrie 7 Volkshaus

Das Volkshaus Bern, erbaut aus "Dreck"

Am 5. September 1915 trafen sich im neuen Volkshaus Bern auf Einladung von Robert Grimm, Vertreter der Sozialdemokratischen Internationale, um sich neu zu organisieren. Die Konferenz fand dann in der Pension Beau Séjour in Zimmerwald statt und endete mit dem Zimmerwalder Manifest. Die Unterzeichnenden erklärten den Ersten Weltkrieg zum «Krieg der Kapitalisten» und forderten die sozialistischen Kräfte zur Einigkeit im Kampf für den Frieden auf. Im April folgenden Jahres trafen sie sich erneut im Bären Kiental mit gleichem Ziel. Die Berner Vertreter, der Nationalrat Grimm und der etwas zwielichtige Tagwacht Chefredakteur Carl Moor waren eher der gemässigten Linie zugetan, im Gegensatz zu den ebenfalls teilnehmenden Russen Lenin und Trotzki.

Viele Männer waren zum Aktivdienst aufgeboten und standen sich an der Grenze die Füsse in den Bauch während zu Hause die Frauen alleine fürs Überleben der Familie sorgten. Am Ende des Kriegs schlotterte die Bevölkerung in der Kälte und litt Hunger. Die Versorgung mit den nötigen Lebensmitteln und Kohle war nicht mehr gewährleistet. Dazu kam noch die verheerende Grippewelle im Juli 1918, sie forderte allein in der Schweiz 25'000 Tote. Es traf vor allem junge Männer im Militärdienst.

Im November kumulierten sich die Schrecken in der Ausrufung eines Generalstreiks. Es war wieder Robert Grimm der als Initiator die Massen mobilisieren konnte. In Olten traf sich das Aktionskomitee und stellte verschiedene Forderungen:

  1. Neuwahl des Nationalrates nach dem Proporzsystem
  2. Frauenstimmrecht
  3. Einführung einer Arbeitspflicht
  4. Beschränkung der Wochenarbeitszeit (48-Stunden-Woche)
  5. Reorganisation der Armee zu einem Volksheer
  6. Ausbau der Lebensmittelversorgung
  7. Alters- und Invalidenversicherung
  8. Staatsmonopole für Import und Export
  9. Tilgung der Staatsschulden durch die Besitzenden

Daraufhin traten landesweit etwa eine Viertelmillion Männer und Frauen in den Streik.

Industrie 8 Landesstreik

Kavallerie und Dragoner am Waisenhausplatz

Am 12. November wurden 95.000 Mann Ordnungstruppen aufgeboten, davon 20.000 für Zürich und 12.000 für Bern. Die Einheiten kamen ausnahmslos aus „zuverlässigen“ ländlichen Gebieten. In Bern lagerten am Bubenbergplatz und auf dem Waisenhausplatz die Bauernsöhne mit ihren Kavalleriepferden. In vielen Ortschaften, etwa in Zürich und Basel, bildeten sich zudem Bürgerwehren. Es drohte ein Bürgerkrieg, jedoch die unbewaffneten Arbeiter liessen es bei gewaltlosen Protestmärschen bewenden.
Den Berner Bürgerfrauen kam der Kavallerieaufmarsch gelegen, sie sammelten fleissig die Rossbollen als Dünger für ihre Geraniumstöcke. So schön wie im nächsten Jahr soll es lange nicht geblüht haben an den Berner Fassaden. Den Streikenden aber ging nach zwei Tagen bereits der Schnauf aus, ergebnislos wurde abgebrochen. Teile der Forderungen wurden aber trotzdem mit der Zeit eingeführt, dazu gehört die SUVA-Versicherung und die Proporzwahl. Eingeführt wurde auch die AHV eine der wichtigsten Ideen Grimms, allerdings erst 1947 und als eine der beschämensten 1971 das Frauen-Stimm- und Wahlrecht.

Wenn aktuell nach Absingens der Nationalhymne Einer den siebenhundert mit Hörnlighackets und Apfelmus Verpflegten plus mit gratis Weisswein Getränkten weismachen will, der Berner Robert Grimm habe einen Bürgerkrieg anzetteln und mit ausländischem Geld finanzieren wollen, so irrt sich der. Die Speisung der Siebenhundert mag biblische Bezüge haben, aber ich denke doch eher, dass damit die alte Weisheit "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" gepflegt werden soll. Bedenken sollte Der, dass in den fünfzig Jahren zuvor 18 mal die Armee mit scharfer Bewaffnung gegen unbewaffnete streikende Arbeiter aufgeboten war. Aber wir Hobbyhistoriker müssen es nicht soo genau mit den Tatsachen nehmen, jeder sucht sich aus den überlieferten Berichten heraus was ihm gerade passt.

Meine Informationen habe ich unter anderem aus Aufsätzen von Christian Lüthi, Peter Stauffer, Peter Anliker und sogar Andreas Thiel bezogen. Sie haben gründlich recherchiert. Auch Wikipedia ist immer hilfreich, wenn man eine erste Übersicht haben will und sonst sind eigene Überlegungen und Schlussfolgerungen manchmal auch nicht falsch.

Erwin Weigand

Eigene Bilder vom Autor und gemeinfreie aus Wikicommons und der Burgerbibliothek.