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15.02.2018 -- Erwin Weigand / wv

Der Äussere Stand und die Berner Fasnacht

Was haben beide gemeinsam, der Äussere Stand und die lange verbotene Berner Fasnacht? Aus Erwins "Bärner Gschichte".


Zum Aeusseren Stand 2Bern Rathaus zum aeusseren Stand 2013

Rathaus zum Äusseren Stand, WillYs Fotowerkstatt

Da gibt es an der Zeughausgasse ein zweigeschossiges Barockhaus mit schön proportionierter Fassade, das "Rathaus des Äusseren Standes". Es wurde 1728-1730 vom damals noch jungen Albrecht Stürler, dem Architekten des Hindelbanker Schlosses erbaut. Auftraggeber waren der Kleine und Grosse Rat des Äusseren Standes von Bern.

Was war aber der "Äussere Stand"? Im Berner Rathaus tagte schon damals wie heute der Grosse Rat und der Regierungsrat des Kantons Bern und das ist seit sechshundert Jahren so. Über die Zusammensetzung des Rats gibt folgender Link genauere Auskunft:

http://www.bernergeschlechter.ch/humo-gen/cms_pages.php?select_page=5

Früher hiess der Rat auch "Innerer Stand" und ihm oblagen alle Regierungsgeschäfte, das Finanzwesen, die Polizeigewalt, das Militär und auch die kirchlichen Angelegenheiten. Sein höchstes Amt war der Schultheiss. Zur Regierung wurden nur "regimentsfähige Geschlechter" zugelassen, so blieb die Staatsgewalt beständig in verlässlichen Händen. Das Recht vererbte sich vom Vater auf die Söhne weiter. Landvogteien mussten besetzt werden, im Rat waren die verschiedensten Aufgaben zu vergeben, vom Ratsschreiber über den Heimlicher und Venner bis zu den Offizieren. Die Mitglieder des Rats trugen als Kopfbedeckung ein Barett, ihre weiblichen Nachkommen wurden als "Barettlitöchter" gerne in andere regimentsfähige Häuser verheiratet.

Der Äussere Stand aber war die Schule für die zukünftigen Regierenden. Er imitierte die gesamte Verwaltungstätigkeit des Inneren Standes. Eine wie man sagt weltweit einzigartige Organisation war das, ihre Ursprünge reichen ins späte 16. Jahrhundert zurück. 1556 wurde der Äussere Stand erstmals dokumentiert als eine Art Scheinregierung zur Ausbildung der jungen Burger zu Staatsmännern. Früher hatte er mehr einen kriegerischen Zweck, die Abgrenzung zu den noch heute aktiven Jungschützen fällt mir schwer, damals galt es die jungen Burschen auf die künftigen militärischen Aufgaben vorzubereiten. Schliesslich waren Schweizer Regimenter ringsum von den Königs- und Fürstenhäusern gefragt und Bern konnte mit der Entsendung von Truppen die Staatskasse aufbessern.

Das Rathaus des Äusseren Standes

1728 beschloss eine Kommission des Äusseren Stands ein eigenes Rathaus zu bauen. Im Obergeschoss befanden sich der grosse sowie der kleine Ratssaal. Die Einrichtung mit prächtigem Schultheissenthron oder Kronleuchtern wurden teils von wohlhabenden Spendern geliefert. Im zweiten Obergeschoss hofseitig befanden sich die Kanzlei und eine Rüstkammer. Zur Sicherung regelmässiger Einkünfte baute man zwei grosse Weinkeller. Darüber, im leicht erhobenen Erdgeschoss, befanden sich zwei Magazinräume, die damals wie heute zur Finanzierung des Gebäudes vermietet wurden. Durch den aufwändigen Bau hatte sich die Gesellschaft stark verschuldet und konnte sich davon nie mehr erholen. Darüber später mehr.

 

Die Osterumzüge

Zum Aeusseren Stand 3Ratsprozession am Ostermontag 1789 auf der Münsterplattform

Ratsprozession

Jeweils am Ostermontag zog die in der Karwoche gewählte neue Regierung des Grossen- und Kleinen Rats nach dem Gottesdienst im Münster in festlicher Standestracht durch das Hauptportal über die Plattform zum Rathaus. Unter feierlichem Geläute aller Glocken, begleitet von Posaunen und Trompetenbläsern mit Fahnen und Standarten, liefen voraus Spiessträger um Platz zu schaffen. Ihnen folgten die Stadtweibel und der neugewählte Schultheiss sowie der ganze Rest der Nobilitäten. Der Staatsakt fand seinen Abschluss mit einer feuchtfröhlichen Feier im Zunfthaus des neuen Schultheissen.

Zum Aeusseren Stand 4Osterumzug

Osterumzug
Zeitgenössische Darstellung des Umzugs des Äusseren Standes

Der Äusser Stand imitierte diese offizielle Feier in ähnlicher Art, allerdings ohne die Ernsthaftigkeit der Alten. Auch sie veranstalteten einen grossen Umzug mit militärischem Pomp. Mit klingendem Spiel der Knabenmusik zogen die verschiedenen Truppengattungen in ihren eigenen Uniformen durch die Stadt. Angeführt wurde der Zug wie bei den Alten von einem Spiessträger, dann folgten die traditionellen Honorationen aber als Karikaturen und andere Symbolgestalten aus überlieferten Fasnachtsfiguren. Auf alten Stichen sind sie so dargestellt. Da ist einmal der "Uri-Spiegel", eine ganz spezielle Figur. Ein als Affe maskierter junger Mann steckte in der Robe einer Dame nach damals verbotener französischer Mode. Die hochaufgetürmte Frisur musste von einem Lakaien mit einer Mistgabel gestützt werden. Sie (oder er) war mit einem Spiegel, Spielkarten und allerlei Tand behängt. Übrigens war der Affe mit dem Spiegel und ist noch heute im Wappen des Äusseren Standes.

Zum Aeusseren Stand 5Spaetere M.de Stael Carmontelle

Ein Beispiel dieser verrückten Mode ist ein Portrait der jungen Madame de Staël.

Weitere Sujets waren die "Drei Eidgenossen" und zwei "Harnischmänner" und später der "Mieschma", ein mit Moss und Tannzweigen Verkleideter. Dann gab es auch noch den "Gesundheittrinker", der verspottete die damals aufgekommene und noch heute gebräuchliche Sitte des Zutrinkens. Dazu unvermeidlich der "Bärenhautträger", dem Bäremani der auch aktuell wieder zur Berner Fasnacht aufleben durfte.

Am Ostermontag pflegten auch die Küfer und Metzger auf dem Kornhausplatz ihren Zunftbrauch mit Tänzen. Alles fand am Ostermontag statt, die Fasnacht war ja als heidnischer Brauch abgeschafft worden.

Mit dem Einmarsch der Französischen Truppen Napoleons 1798 fand das alles ein plötzliches Ende. Das Ancien Régime wurde entmachtet und das Patriziertum verlor seine Privilegien. Damit wurde auch der Äussere Stand aufgehoben, der notabene bereits vorher wegen seiner Schulden am Ende war. Die Ostermontagsumzüge wurden verboten, damit verschwanden auch alle anderen Bräuche wie z.B. der "Tischlitag", zu dem ein eigenes Kapitel zu schreiben wäre. Aber bereits 1806 lebte der Brauch der Osterumzüge wieder auf und wurde bis 1879 noch gepflegt, während die Fasnacht bis 1982 verpönt war.

Das stark verschuldete Rathaus des Äusseren Standes wurde 1799 von der Stadt Bern übernommen. Das wertvolle Interieur kam unter den Hammer und wurde in alle Winde zerstreut. Einige Stücke sind aber noch erhalten, so im Gartenzimmer von Schloss Oberhofen das eichene Wandtäfer und zwei Tische mit eingelegten Wappen. Der vergoldete Schultheissenthron und der Fauteuil des Landvogts von Habsburg sind im Haus der Bogenschützengesellschaft an der Thormannstrasse im ehrenden Gebrauch. Die repräsentativen Räume des Rathauses liess die Stadt dann neu ausstatten und der Saal diente als Tagungsort kantonaler und eidgenössischer Tagsatzung. 1831 wurde dort die Berner Kantonsverfassung erarbeitet und auch die erste Bundesverfassung und schliesslich wurde 1848 dort die heutige Schweiz gegründet. In den folgenden Jahren tagte bis 1878 dort der Ständerat und schliesslich entstand ebenfalls in diesen Räumen die 1. UNO-Organisation, der Weltpostverein. In den hundert Jahren bis 1900 diente der Saal auch der Berner Musikgesellschaft und dem Schwurgericht Mittelland. Im Erdgeschoss fand die Mädchen-Sekundarschule und ein Postlokal Platz.Zum Aeusseren Stand 6Rathaus Aeusserer Stand um 1920

Das Rathaus um 1920. Unter der Traufe sind die verschiedenen Benutzer angeschrieben. Der Eisenwarenladen ist rechts bei den angelehnten Leitern.

1905 erwarb die Firma Christen AG das Gebäude und bis 1933 befand sich im Saal das Alpine Museum. 1941 erweiterte Christen sein Ladengeschäft um das Sportartikelsortiment. Im Empire-Saal im OG richtete sich der Patron sein Büro ein und die Angestellten durften sich ihr Lohnsäcklein dort abholen. 1979 erwarb eine neugegründete Stiftung mit Viktor Kleinert und Rudolf Gnägi die Liegenschaft die daraufhin total saniert wurde. Seither ist dort das edle Restaurant zum Äusseren Stand eingerichtet.

Zum Aeusseren Stand 7Cassisfeier

Cassisfeier

Der renovierte Empiresaal dient für allerlei Empfänge und war zur Wahl des neusten Bundesrats Ignatio Cassis der Jubelsaal seiner Getreuen.

Zum Aeusseren Stand 8Baer

Der Bäremani aber, kann nun alljährlich wieder an der Fasnacht durch die Gassen trotten und auch im Bärengraben oder Bärenpark gibt es noch lebende Bären, den Franzosen zum Trotz, die 1798 die Berner Bären samt Staatsschatz requirierten.

 

Aus diesen Begebenheiten könnte manche Geschichte geschrieben werden, aber einstweilen lassen wir es so stehen.

 

Bilder gemeinfrei aus Wikimedia Commons, von WillYs Fotowerkstatt oder vom Autor ew