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23.02.2018 -- Maja Petzold / wv

Fotografieren zwischen Kunst und Kommerz

In Zeiten, in denen wir von Selfies und Alltagsfotos überschwemmt werden, sind im Photoforum Biel zwei Künstler zu sehen, die das Phänomen Fotografie hinterfragen.


"Sie drücken auf den Auslöser, wir erledigen den Rest." Auf diesen Kodak-Werbespruch ("You press the button we do the rest") vom Gründer George Eastman 1888 lanciert, stiess Dorothée Elisa Baumann im Zuge ihrer Recherchen zum Thema Fotokultur. Ihre Exponate sollen als visuelle Stolpersteine gelten oder, wie sie selbst sagt, als Kollisionen und bisweilen Rätsel, die uns soziale, politische und kulturell relevante Zusammenhänge vor Augen führen.

Dorothée Elisa Baumann, 1972 geboren, pendelt zwischen Biel und Genf. Sie arbeitet neben ihrer künstlerischen Arbeit auch wissenschaftlich und durchforschte dazu das Museum für Fotoapparate in Vevey, besonders dessen Archiv, wo sie unzählige Dokumente, Fotografien und Skripts ans Licht beförderte, die den Einfluss der Fotoindustrie wie Kodak nicht nur auf die Fotografie, sondern auch auf die Gesellschaft belegen. Insbesondere die von der Fotoindustrie herausgegebene Zeitschrift "Photo" bezeichnet sich selbst als Referenzorgan der Fotografie und vertritt seit Jahrzehnten immer noch den gleichen oberflächlichen Stil, sie präsentiert Werbefotografie, Blow-up-Aufnahmen und zeigt Frauen als Konsum- und Sexobjekt; das fällt in diesen Monaten der Enthüllungen von sexuellen Übergriffen besonders stark ins Auge. Hier haben Baumanns Arbeiten aufdeckenden und anklägerischen Charakter. Sie reproduzierte konsequent jeweils das Coverbild sowie die Werbeseiten, sogar die Spuren der Benutzung sind auf den Reproduktionen noch sichtbar.

Foto Ausstellungsansicht dorothee elisa baumann

Ausstellungsansicht Dorothée Elisa Baumann  © Dorothée Elisa Baumann

Eher spielerisch begegnet sie uns in einer anderen Sequenz von Fotomontagen: Sie fotografiert sich selbst mit der Kamera in einer fiktiven Spiellandschaft. In 25 Posen performt sie ihre Befindlichkeit als Fotografin, diesee Re-enactment nennt sie "Typologie Operator".

Die Videoarbeit "Take a Better Picture" zeigt die zeitkritische Haltung der Künstlerin eins zu eins. Verbunden mit schmerzhaftem Lärm schiesst ein Hammer Fotos, immer schneller –  bis schliesslich gar nichts mehr geht. Die technischen Eigenschaften von Kameras werden immer besser, automatische Scharfstellung, Mehrbildauslösefunktion oder Zoom beschleunigen das Fotografieren, genaueres Hinschauen und sorgfältigere Bildauswahl wird aber dadurch nicht unbedingt gefördert. Immer schneller, immer mehr, und dafür ohne eine profunde Auseinandersetzung – diese Tendenzen werden nicht zuletzt im Kontext der News-Berichterstattung in Fotografie-Kreisen kritisch diskutiert.

Foto Videostill DorotheeElisaBaumann

Dorothée Elisa Baumann, ohne Titel, aus der Serie: Take a Better Picture, 2017.  © Dorothée Elisa Baumann

Dorothée Elisa Baumann interessiert sich stark für den theoretischen Hintergrund. Sie nimmt die grundlegenden Gedanken von Susan Sonntag über das Wesen der Fotografie aus dem Jahr 1977 auf und verfremdet sie auf originelle Weise. In ihrer Videoarbeit lässt die Künstlerin diesen Text 150 Minuten lang von einer News-Sprecherin von TeleBielingue vorlesen, und zwar in der Sprechweise der professionellen Nachrichtensprecherin. Wie verändert diese Art des Vortrags den Inhalt, bleibt die wesentliche Aussage verständlich, fragt Baumann.

 

Minimalistische Fotokunst durch digitale Technik

Adrian Sauer, 1976 in Leipzig geboren, wo er auch heute lebt, beschäftigt sich mit den Ausdrucksmöglichkeiten der digitalen Fotografie, aus Unzufriedenheit mit der Technik, die alles schon vorprogrammiert. Als im Lauf der 1990er Jahre die analoge durch die digitale Fotografie abgelöst wurden, sahen nicht wenige Kritiker das Ende der Fotografie gekommen. Dem wollte der junge Fotograf nicht zustimmen. So setzt er sein Werk inzwischen als entschiedenen Widerspruch gegen diesen Pessimismus. Seit seiner Jugend befasst sich Adrian Sauer auf vielfältige Weise mit den medialen Eigenschaften digitaler Bilder. Daraus entstanden formal reduzierte Arbeiten, die sich zuweilen nicht leicht entschlüsseln lassen, aber elegant und nicht selten mit leisem Witz zu genauer Betrachtung herausfordern.

Nachdem Adrian Sauer eine Zeit lang Fotografien mit Programmen wie Adobe Photoshop bearbeitet hatte, bemerkte er, wie stark er durch die vorgegebenen Möglichkeiten eingeschränkt wurde, ja er fühlte sich durch Photoshop bevormundet. Aus diesen Erfahrungen entwickelte er selbst ein Programm, das Bilder herstellt, die alle Farben ausschliesslich einmal enthalten. Entstanden ist 2010 seine Arbeit "16.777.216 Farben", die das Spektrum des Lichts als totale Reduktion erfahrbar macht: Es sind drei Bilder, die rot, blau und grün erscheinen, jedes von ihnen enthält die erwähnten 224 Farbpunkte, jeden ein einziges Mal. Das heute gebräuchliche Verfahren zur Belichtung digitaler Fotografien ist nämlich in der Lage, diese 16’777’216 unterschiedlichen Farben zu erzeugen. - Trotz dieser grossen Zahl ist das eine Einschränkung: Der Computer ist, wenn er Bilder im 8-Bit-RGB-Verfahren bearbeitet, auf diesen Farbnuancen beschränkt.

Foto Adrian Sauer Spiegel 2

Adrian Sauer, Spiegel mit einem Band, 3 Objekte, polierter Edelstahl, Holz, Klavierband, je Flügel 225 cm x 90 cm x 2,5 cm, 2015

Die Serie Form und Farbe (seit 2014) besteht aus Paaren von Wolkenbildern. Die Flüchtigkeit von Wolken erinnert an diejenige der Fotografie als Medium. Zugleich sind Wolken ein alter Topos in der Kunstgeschichte. Adrian Sauer fotografiert regelmässig den Himmel – für diese Serie erstellte er ein Computerprogramm, das ihm erlaubte, eine positive und eine negative Abbildung desselben Motivs zu machen und dann einen Weissabgleich herzustellen. Trotz dieser Vorgehensweise ergaben sich "Zwillingspaare". – Ein sehr poetisches, luftiges Werk.

Foto Adrian Sauer Wolke

Adrian Sauer, Wolke. 30.06.2015, 2 digital C-Prints, je 121 cm x 161 cm, 2015

Der Künstler setzte sich auch mit Parkett auseinander – vielleicht, weil in den alten Räumen des Museums sehr sehenswertes Parkett liegt. Die 36 Aufnahmen dieses Fussbodens, die lückenlose Wiedergabe der Bretter, führen uns zu der Frage, wieviel davon unter unseren Füssen wirklich abbildbar ist und wieviel fehlt, um das Gesamte erfassen zu können. Erweitert wird diese Installation durch riesige, im Raum stehende Spiegel, die alles widerspiegeln, was wir beim Gang durch den Raum wahrnehmen. Da die Spiegelflächen nicht vollkommen eben sind, entstehen kleine Verzerrungen, die uns bewusst machen, was die Funktion des Spiegels ist. Ein vielschichtiges Spiel mit dem Raum, den darin platzierten Objekten und mit den Betrachterinnen und Betrachtern.

Foto Adrian Sauer Parkett 1

Adrian Sauer, Parkett, 36 digitale C-Prints, je 37,5 cm x 37,5 cm, gerahmt, 2016

Von beiden Künstlern liegen auch schriftliche Materialien aus – in unterschiedlichen Formaten, die den Diskurs über Fotografie in der digitalen Welt weiterführen. Es lohnt sich, für den Besuch der Ausstellung genug Zeit einzuplanen.

Die Ausstellung im Photoforum Biel dauert noch bis 15. April 2018.

Veranstaltungen:  https://www.photoforumpasquart.ch/events/category/activities/