ICON-Link

24.02.2018 -- Fritz Vollenweider / wv

Lügen haben kurze Beine

«Hinter der Lüge»: Im Berner Theater Matte enthüllt ein Ermittlungsverhör dahinter die Wahrheit.


Für einmal ist der Autor des Original-Bühnenstücks «Hinter der Lüge» vermutlich ein gänzlich Unbekannter hierzulande. In seiner Heimat China ist es Nick Rongjun Yu, heute Direktor des Shanghai Dramatic Arts Center, keineswegs. Geschrieben hat er seit 2000 über 47 Dramen für Bühne und Film und über 400 nationale und internationale Theaterprojekte realisiert. Livia Anne Richard hat die berndeutsche Fassung geschaffen wie immer crisp, alltagsnah und schlank verständlich –  und als Regisseurin auf die Bühne des Theaters Matte gebracht.

Das Verhör führt der Ermittler (Dänu Brüggemann) mit dem Psychiater (Markus Maria Enggist), der seine Ehefrau, etwas früher als sonst von der Klinik nach Hause kommend, tot aufgefunden hat. Klar, dass sich der hergerufene Polizist an alle auch nur kleinste Ungereimtheiten krallt und nicht von der vorgefassten Meinung abzubringen ist, der Arzt habe seine Frau umgebracht. Wogegen sich dieser mit aller Kraft in seiner Stimme und seinen aufgeregten Gesten und Bewegungen wehrt. Und weil sein Investigator sich eher zu sehr in seine institutionelle autoritäre Rolle verschanzt – «Sitzet ab!» «I bi dä wo fragt!» – ist man durchaus geneigt, ihm zu glauben, auch wenn man vielleicht ein bisschen früh ahnt, dass sich die Sache ganz anders verhalten könnte.

Denn einer muss ja lügen, aber wer von beiden? Und warum?

Luegen Matte HinterDerLuege Titel

Dänu Brüggemann und Markus Maria Enggist spielen das ultimative Spiel von Katz und Maus mit einer dichten, leidenschaftlichen und unbeugsamen Härte und Geschmeidigkeit. Spannenderweise entfernt sich der Dialog zusehends vom konventionellen Ping-Pong von Frage und Antwort. Die Hintergründe der Lebensumstände und der Verhältnisse beider Persönlichkeiten werden immer differenzierter sichtbar, die Verhältnisse zur Ehefrau des einen, zur Geliebten des anderen werden durchschaubarer und verständlicher. So kommt es, dass die Lüge des einen mit der Lüge des andern in eine Beziehung tritt, welche die im Verhör untersuchte Schuldfrage auf verblüffende Art auf den Tisch bringt; wohlverstanden: obschon man so seine Ahnung während des ganzen achtzigminütigen Ablaufs der Handlung hat.

Luegen Matte HinterDerLuege Quer 4

Katrin Schilt (Kostüme) und Fredi Stettler (Bühne) schaffen einen Rahmen für dieses lügengespickte Einkreisen der Wahrheit, der von Anfang an keinen Zweifel über den Hintergrund der Auseinandersetzungen aufkommen lässt. Im dunklen, karg eingerichteten Verhörraum mit einem Tisch und einem einfachen Metallhocker für den Beschuldigten, einem bequemen Stuhl für den Ermittler gibt es kerkerartig anmutende Wände, kein Fenster, und die durchsichtige Spiegelwand lässt sich ahnen. Trostlos, und doch irgendwie normal. Passend zum zweiseitigen Lügennetz und zu dem, was schliesslich als Wahrheit herauskommt.

Vorstellungen noch bis 18. März 2018.

Theater Matte

Alle Bilder: © Ben Zurbriggen