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02.03.2018 -- Erwin Weigand / wv

Bern und die Schokolade

Ein bittersüsses Kapitel - aus Erwins "Bärner Gschichte"


 

In Bern wurde die Schokolade erfunden, genauer die Milchschokolade, oder noch genauer die zartschmelzende dunkle "Chocolat Surfin". Das Ganze war eigentlich einem Missgeschick des Apothekersohns Rodolphe Lindt zu verdanken. Der experimentierte an einer Verbesserung der schon länger bekannten, aber mit heutiger nicht vergleichbaren Schokolade herum.

Rodolf Lindt, Konditor, Genussmensch und Lebemann wollte die noch hart zu kauende Schokolade verfeinern. Er kaufte 1879 in der Berner Matte ein altes Fabrikgebäude mit alten Maschinen und nach diversen missglückten Versuchen, vergass er an einem Freitagabend im Dezember des gleichen Jahres die selbstentwickelte "Conchiermaschine" abzustellen. Sie lief ununterbrochen bis Montag und anstatt einer unbrauchbaren Masse hatte sich eine herrlich duftende und wohlschmeckende Schokolade gebildet. Mit dem Zusatz von Kakaobutter und dem Einsatz dieses Längsrührwerks wurde die feine Konsistenz  erreicht, welche der Schweizer Schokolade zu ihrem Ruhm verhalf.

Die Zürcher Lindt&Sprüngli AG rühmt sich eines Bestehens seit 1836 mit der Confiserie Sprüngli, die 1859 das Eckhaus am Paradeplatz bezog. In ihrer Firmengeschichte wird aber der Berner Rudolf Lindt mit keinem Wort erwähnt, obwohl sie 1899 für die Markenrechte und Rezepte mit dem Geheimnis des "Conchierens" dem Berner Erfinder eineinhalb Millionen Goldfranken dafür leisten mussten. Sie möchten wohl mit den Rechten auch die Ehre des Erfinders gekauft haben. Lindt behielt selbst noch bis 1905 seine Berner Filiale und starb 1905.

Schoggi 1Wasserwerkgasse 2

Wasserwerkgasse 2
Bild ew

Wenn du gelegentlich über die Nydeggbrücke zum Bärengraben hinüber gehst, dann wird dir beim Blick hinunter zur Matte dieser Hausgiebel mit der verwitterten Schrift auffallen. Es war der Firmensitz der Lindt Chocolat Fabrik. Leider ist die Fassade beim Umbau 1932 verunstaltet worden. Hoffentlich werden die letzten Spuren der Berner Chocolat-Pioniere von keinem modernen Renovierer gleichgültig übermalt.

Schoggi 2Kramgasse 23

Kramgasse 23
Bild ew

In diesem Haus an der Kramgasse hatte Friedrich Suchard seine Confiserie

Aber Lindt war nicht der einzige Berner Schokolade-Pionier. Friedrich Suchard stellte bereits Anfangs 19. Jahrhundert an der Kramgasse 23 flüssige und feste Schokolade her. Sein Bruder Phillipe Suchard ging 1817 zu ihm in die Lehre. Nach einem wenig erfolgreichen Auslandaufenthalt gründete der 1825 in Serrieres NE die Confiserie- und Schokoladenfabrik. Seine Erfindung des Mélangeur – einer Maschine zur Vermengung von Zucker und Kakaopulver, wird noch heute verwendet.

Mit dem heute nicht mehr bekannten Namen Berla&Valentini, gab es am Ende des 19. Jh. an der Gerechtigkeitsgasse 86 noch eine weitere Firma zur Schokoladeherstellung und nicht zu vergessen die Chocolat Tobler Fabrik in der Länggasse. Sie alle sind weg von Bern und in fremden Händen.

Schoggi 3Theobroma cacao

Kakaofrucht und Samen, "Köhler's Medizinal-Pflanzen",
gemeinfrei via Wikimedia Commons

Als Grundlage für die feine Schokolade ist und war Kakao unentbehrlich. Kolumbus und die spanischen Conquistatores hatten bereits im 14. Jahrhundert die wertvolle Frucht entdeckt. Leider wächst in der Schweiz die exotische Frucht nicht. Der Baum gedeiht nur in tropischen Entwicklungsländern, heute hauptsächlich in der afrikanischen Elfenbeinküste. Im 19. Jahrhundert aber wurde Kakao und Zuckerrohr wie die Baumwolle aus südamerikanischen Kolonien importiert. Dort mussten Sklaven diese in Europa begehrten Kolonialwaren ernten.

Schoggi 4German colonial lord

Ein deutscher Kolonialherr in Togo lässt sich tragen.
gemeinfrei via Wikimedia Commons

Die in Afrika im Tausch gegen das unter anderem in Bern gewebte und bedruckte Indienne-Baumwollgewebe eingekauften Sklaven wurden auf Schiffen in die Neue Welt transportiert. Der Bedarf an jungen Arbeitskräften war gross; die Plantagenbesitzer brauchten ständig Nachschub, denn die für gutes Geld eingekauften Sklaven starben häufig allzu schnell. Auch gab es gefährliche Sklavenaufstände, gegen die Soldaten eingesetzt werden mussten. Exemplarisch sei die bis 1972 holländische Kolonie Suriname in Niederländisch-Gujana erwähnt. Dort war 1865 ein Sklavenaufstand ausgebrochen und die Regierung rief die Generalstaaten, das Parlament der Niederlande, um Hilfe. Diese schickten eine Söldnertruppe von 800 Mann unter dem Schweizer Oberst Louis Henri Fourgeoud in die Kolonie. Der Genfer Fourgeoud war bereits 1763 bei der Niederschlagung des Sklavenaufstandes in Berbice beteiligt. Die Anzahl der in der Schweiz rekrutierten Soldaten ist nicht bekannt. Ein Offizier niederländisch/schottischer Herkunft namens John Gabriel Stedman schilderte in seinem später als Buch veröffentlichten Tagebuch die Geschehnisse und Grausamkeiten.

Schoggi 5Bartolozzi

John Gabriel Stedman von Bartolozzi
(Scan from a book) [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Von verschiedenen Eltern, verschiedenen Klimazonen sind wir gekommen.
Zu verschiedenen Zeiten ist das Schicksal immer noch gleich.
Unglücklicher Jüngling mit blutender Wunde auf der Erde,
Es war deins, zu fallen - aber meins, die Verletzung zu spüren.

 

Die Schweiz als Land war nie direkt am Sklavenhandel beteiligt, sie hatte auch keine Kolonien. Das wurde vom Schweizer Parlament am 16.06.2003 in einer Stellungnahme auf die Interpellation Pia Hauenstein hin festgehalten.

Jedoch hatten einige namhafte Persönlichkeiten und Firmen ihre Finger drin. In Neuenburg, Basel und der Ostschweiz, de Pury, Burckhardt oder Sulzer, oder wie sie alle hiessen, alle verdienten gut als Finanziers weit ab vom Geschehen konnten sie ihre Hände in Unschuld waschen. In der Berner Sulgenau bestand im 18. Jahrhundert die Indiennefärberei der Familie Küpfer. Johann Friedrich Küpfer war am verhängnisvollen Henziaufstand beteiligt und musste nach England fliehen. Er gründete in der Folge in Lörrach eine grössere Stoffdruckerei.

Aber jetzt habe ich mich völlig verlaufen und bin ganz wo anders gelandet. Am Anfang der Geschichte stand doch die Schokolade, die in Bern so eine grosse Rolle spielte. Aber da sieht man wieder deutlich wie so vieles zusammenhängt und wenn du wieder einmal eine feine Lindorkugel auf der Zunge zergehen lässt, vergiss nicht was alles darin steckt.