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28.03.2018 -- Fritz Vollenweider / wv

Streit der Partnerinnen

«100m2» - Das Effingertheater in Bern zeigt, in welch kleinen, wenn auch nicht engen Räumen das Leben spielt.


 

Eine Wohnung zu verkaufen! Vorteil: Mit 100m2 von bequemer Grösse; Nachteil: Ein «Hindernis» in der Person der Besitzerin, die sich Wohnrecht auf Lebenszeit vorbehält. Allerdings ist sie bereits 73 Jahre alt und gibt sich hemmungslosem Rauchen und Trinken hin. Für die noch nicht Vierzigjährige, die sich eine Geldanlage für spätere Zeiten erwerben will, zeigen sich da also recht positive Perspektiven. Allerdings kommen noch weitere reale Hürden dazu: Auch wenn es (vorerst) kein Zusammenleben ist, hält die anspruchsvolle, vitale Persönlichkeit der Verkäuferin der jungen Käuferin Aspekte eines Lebens bereit, welche – im doppelten Sinn – ein vielseitiges Mitspielen mit mancherlei Überraschungen verlangt und ermöglicht.

Geschrieben hat diesen Paradedialog für zwei vielseitig ausdrucksstarke Schauspielerinnen der 1967 geborene Spanier Juan Carlos Rubio, der in Madrid lebt. Erfolgreich aufgeführt wurde das Stück in den USA (Uraufführung 2009) und in der Folge weltweit bis 2017 in Deutschland. Es versprüht einige auf spannende Art herbe und doch einehmend spielerische hispanisch-südliche Elemente. Es lebt vordergründig von Streit, Verweigerung und Abwendung; doch die Perspektiven in die Tiefgründigkeiten sind so unübersehbar wie unüberhörbar. Es gibt da einige Mitspieler – und es ist schon das Verdienst des Übersetzers Luis Ruby, aber auch des Regisseurs Alexander Kratzer und des Bühnenbildners Peter Aeschbacher, dass noch manches nicht direkt Auffallende zu diesen gehört. Der einfach gestaltete Spielraum, in angenehm holzfarbenem Braun gehalten, mit seinen vielen Türen und Schränken, erlaubt überraschend verblüffende szenische Momente. Auch die spärlichen, doch funktional ausgewählten Requisiten und vor allem die fantasievollen Kostüme (Sybille Welti) spielen auf gewisse Art mit. So denn auch die vielseitig profilierte dritte Figur der Handlung, der (anfängliche) Makler (Helge Herwerth), der seine köstlich auflockernden, schwungvollen Szenen beiträgt.

HundertQM20180319SEV60071 Von rechts: Heidi Maria Glössner (Lola), Helge Herwerth (Makler u. a), Sinnika Schubert (Sara)

Man erwartet es und wird nicht enttäuscht: Heidi Maria Glössner bewegt sich in diesen Dialogen in ihrem künstlerischen Element. Auch wenn es abgegriffen tönen mag: Sie spielt eine Paraderolle, die ihr auf den Leib geschrieben scheint. Die vielfach bekannte und weithin hochgeschätzte Schauspielerin entfaltet souverän ihre ausdrucksvollen mimischen, sprachlichen und gestischen Mittel. Was aber höchsten Respekt fordert, ist die Art, wie sie ihre Grösse und Brillanz entfaltet, ohne als Lola ihre junge Gegenspielerin Sara in mehrdeutigem Sinne lautstark zu dominieren. Auch Sinikka Schubert kann ihre schon mehrfach auf der EFFI-Bühne bewiesene darstellerische Präsenz und ihre vielseitige Ausdruckspalette im Streit wie in der widerspenstig aufkommenden Annäherung überzeugend entfalten. Nachhaltig wirken auch alle die Vorgänge, die zu einer gewissen Persönlichkeitswandlung der beiden Frauen führt. Vor allem Lola verliert ihre aufmüpfisch harte, ja teils beleidigende Altfrauen-Giftigkeit und gewinnt an körperlicher wie geistiger Beweglichkeit. Mehr und mehr gleicht sie ihrer jungen Partnerin – die beiden Frauen fügen sich zum Schluss zu einem «guten Team».

Im Verlauf dieser Dialoge wird zudem, zuerst nur ahnungsvoll, dann mit dramatischer Unerbittlichkeit, spürbar, wer – wenn auch nur hier auf der Bühne – ein unübersehbarer Mitspieler in diesem leicht abgründigen Lustspiel ist: Das Leben selbst. Das enthüllt einen dramatischen, auch literarischen Geist, der ein wenig an einen anderen Spanier erinnert, Federico Garcia Lorca.

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Bilder: Severin Nowacki. Aufführungen bis 20. April 2018.

Informationen: DAS THEATER an der Effingerstrasse