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05.04.2018 -- Maja Petzold / wv

1918: nach dem Krieg noch kein Frieden

Das Neue Museum Biel blickt hundert Jahre zurück, auf das Ende des Ersten Weltkriegs und auf den Landesstreik.


 

Vor einhundert Jahren ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Dass es gut 20 Jahre später zu einem weiteren verheerenden Krieg kommen sollte, ahnte 1918 wohl niemand. Dieser erste Krieg des letzten Jahrhunderts blieb den Menschen als einmalig zerstörerisch in Erinnerung: die Gemetzel in den Schlammschlachten der Schützengräben, der Einsatz von Giftgas mit seinen schrecklichen Folgen für alle Betroffenen, der Einsatz moderner Technik, seien es Panzer, Flugzeuge oder U-Boote – das alles liess diesen Krieg in der Wahrnehmung der Zeitgenossen zu einem bisher unbekannten Inferno werden.

1918 Der Wachsoldat am Eingang

Am Eingang der Ausstellung ein Soldat, der an der Grenze wacht.
Ausstellungsansicht.  Foto: Patrick Weyeneth, NMB

Obwohl die Schweiz als neutrales Land nicht ins Kriegsgeschehen involviert war, zeigten sich die Folgen auch hier: Unzählige Männer mussten als Soldaten die Grenzen bewachen und fehlten als Arbeitskräfte in Stadt und Land. Immer deutlicher zeigte sich ein Riss in der Gesellschaft: Einerseits exportierte die Schweiz Kriegsgüter, unter anderem aus dem Bereich der Uhrenindustrie. Andererseits entstanden durch die Mangelwirtschaft Engpässe vor allem bei Lebensmitteln, Heizmaterial und anderen lebenswichtigen Gütern. Die Folgen spürten vor allem diejenigen, die keine Reserven besassen: Arbeiter in den Städten und arme Leute in den ländlichen Gebieten. – Gerade im "Uhren-Juragürtel" bemerkte man diese Diskrepanz deutlich, was die Bereitschaft zu Protesten bzw. Streiks erhöhte. Dazu wütete ab 1918 noch die Spanische Grippe, gegen die es damals keine wirklichen Medikamente gab. Sie traf diejenigen besonders schwer, die durch die prekären Lebensverhältnisse geschwächt waren.

1918 A Das gebackene Brot wird aus dem Ofen geholt CH BAR 3240857 1

"Das gebackene Brot wird aus dem Ofen geholt" - Bäckerkompanie in Biel 
© Schweizerisches Bundesarchiv, Bern

Diesen Facetten des Kriegsendes widmet das Neue Museum Biel seine dokumentarisch ausgelegte Ausstellung. In fünf grossen Kapiteln werden den Museumsbesucherinnen und Besuchern in vielen zeitgenössischen Fotografien, Zeitungsausschnitten, Dokumenten von Behörden und von Privatpersonen die Lebensumstände vor Augen geführt.

Das beginnt mit Beispielen von Schweizer Soldaten an der Grenze, mit Feldpostbriefen zum Beispiel oder mit Fotos aus dem Jura, mit eingerahmten Medaillen und mit Ausblicken auf die französische Seite, unter anderem mit einem eindrucksvollen Video, in dem das Kriegsgeschehen mit seinem unerträglichen Lärm wiedergegeben wird. Beeindruckend sind Tonaufnahmen von Zeitzeugen, die als alte Menschen von ihrer Kindheit und Jugend erzählen.

1918 Schlachtenvideo

Video über Schlachtszenen 1. Weltkrieg Ausstellungsansicht.
Foto: Patrick Weyeneth, NMB

Die Schweiz rühmte sich auch zu Kriegszeiten als Friedensinsel, war aber, wie oben schon erwähnt, von den Folgen empfindlich betroffen. Wie diese in der französischen Schweiz anders wahrgenommen wurden als in der Deutschschweiz, zeigt die Ausstellung ebenfalls auf.

Das Kapitel "Politik" zeigt Dokumente zu brisanten Themen wie Pazifismus und Antimilitarismus, über die im Laufe der Kriegsjahre immer lauter gesprochen wurden. Der Jura erwies sich damals schon als Unruheherd. Wir erfahren einiges über Proteste in Form von Streiks, Krawalle, Kundgebungen, an denen auch Frauen das Wort ergriffen – und wie die Regierungsbehörden auf diese Unruhen reagierten.

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Rede der Sozialistin Anny Morf in Leuzigen am 07. Marz 1918. 
© Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich

Der Landesstreik am 11. November 1918, das letzte Kapitel, als "Schlüsselereignis" qualifiziert, erhält in dieser Ausstellung nicht mehr Platz als die Vorgeschichte in verschiedenen europäischen Ländern und die Ursachen. Den Quellen aus Biel, dem Seeland und dem Berner Jura geben die Ausstellungsmacher den Vorrang, ohne darauf einzugehen, dass das Thema Landesstreik auch heute noch Kontroversen provoziert: War der vergleichsweise kurze Streik und die Vermeidung grösserer Gewaltaktionen nun positiv zu bewerten oder war er eine Niederlage der Arbeiterklasse? Darauf findet man im Neuen Museum Bern keine eindeutige Antwort – was allerdings dem Stand der Diskussion unter den Historikern und Politikern entspricht.

1918 Landesstreik in Biel

Zugsblockade im Biel anlässlich des Landesstreiks, 12.11.1918. 
© Archiv SEV Gewerkschaft des Verkehrspersonal, Bern

Die Stärke dieser Ausstellung liegt in den konkreten Dokumenten, die den Alltag der Menschen, besonders der wenig Begüterten zeigen, aber auch die Spannungen zwischen Bürgerlichen und Arbeitern. Sehr hilfreich ist die grosse grafische Darstellung, die zu den genannten Themen zeigt, was in anderen Ländern geschah. So erlebte Schweden schon früh in den 1880er Jahren grosse Streiks; und Deutschland wurde schwer 1918/19 erschüttert – zu zerrüttet waren die Verhältnisse am Kriegsende. – Die Arbeiterzeitungen mit Illustrationen des grossen belgischen Grafikers Frans Masereel wurden auch in der Schweiz gelesen.

Die Ausstellung "1918 Krieg und Frieden" im Neuen Museum Biel ist noch bis 30. Dezember 2018 zu sehen. Begleitend finden viele Veranstaltungen statt.

Link auf die Webseite  NMB - 1918 Krieg und Frieden