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17.04.2018 -- Fritz Vollenweider / wv

Träume und Karrieren

Mit «Push-Up 1-3» zeigt das Theater Matte in Bern drei Varianten nicht nur sportlichen Ehrgeizes.


 

An sich stammt der Begriff ‘Push-up’ ja aus dem Sport und bedeutet so etwas Banales wie ‘Liegestütze’. Mit der Zeit haben sich manche Varianten davon entwickelt, und es ist vielleicht ja gar nicht so abwegig, dass mit dem Verlust der begrifflichen Eindeutigkeit sich auch vielseitige Spielmöglichkeiten öffnen. In diesem Stück von Roland Schimmelpfennig (geb. 1967 in Göttingen) geht es eindeutig um das sich Hochstemmen auf dem Turm der Karrieren.

Das dem Stück bestens entsprechende Bühnenbild von Fredi Stettler spielt nicht ohne Grund mit wechselnden Projektionen von turmhohen Hochhausfassaden. Zweimal so, zum dritten Mal dann extrem entgegengesetzt: Ein Traumbild! Der Traum von Delhi – nicht nur der indischen Stadt, sondern des Fremden, Geheimnisvollen, Ersehnten –  verdichtet in ein farbiges Bild, einen Kontrast zu den nackten Hochhausfassaden, sie lassen den Konzern und seine Menschen so richtig bedrohlich erscheinen –  soweit es nur Menschen sind und nicht karrieresüchtig Funktionierende.

«Push-up 1-3» heisst das Stück. Drei Varianten des Kampfes um Karriere und Anerkennung sind das Thema. Dabei geht es kaum noch am Rande um sachliche Qualifikationen, um die Eignung für einen Posten in der höchsten Chefetage oder gar im Ausland. Es geht um Allzumenschliches (doch teilweise auch um Menschliches, zugegeben).

Im ersten Fall vernichtet die Geschäftsleiterin eine Abteilungsleiterin, auch wenn sie nicht beweisen kann, nicht sicher ist, dass ihr Partner und Mitinhaber des Konzerns tatsächlich sexuellen Umgang mit der tüchtigen Frau gepflegt hat. Der Betroffenen bleibt nichts übrig, als einzupacken… Überzeugend, lebendig die Dialoge zwischen den beiden Frauen! Annemarie Morgenegg und Franziska Niklaus bleiben sich nichts schuldig: Dreinreden, übertönen, auftrumpfen, heuchelnd lächeln – ein schäumendes Spiel schauspielerischer Vitalität, oft sozusagen unter Druck gehalten, immer wieder den Strom abgeleitet – und doch so aufwühlend gemein wie rechts und links herumgeschlagen. Zum Zuschauen amüsant und begeisternd; so, dass man das üble Spiel fast vergisst.

PushUp 2

Adamo Guerriero, Maud Koch

Das zweite Situation zeigt einen aufstrebenden jungen Kadermann, offenbar noch Assistent des Grossen Chefs. Auf dem Umweg über die sexuellen Kontakte missbraucht er die offensichtlich zu sehr von ihrer Kompetenz überzeugte junge Werbedesignerin zu seinem, aber auch ihrem Erfolg. Auch hier: Die Dialoge zwischen Maud Koch und Adam Guerriero verbreiten eine sowohl unterschwellig laszive als auch sachlich ausweglose Stimmung. Vordergründig geht es um ein wirksames neues Werbekonzept, hintergründig um sexuell gesuchte und auch erfahrene Bestätigung. Zuschauend merkt man zwar die Absicht, ist aber keineswegs verstimmt. Denn hinter der Folie dieses blossgestellten Karrierestemmens verbirgt sich nur oberflächlich wieder das Menschliche.

PushUp 3

Res Aebi und Roman Weber

Der dritte Fall liegt etwas anders. Da treffen sich der ganz junge Aufstrebende, der sich um den ‘Delhi’-Job bemüht, und der eigentlich schon aus der Elite abgetakelte Bewerber in einem Dialog, der (nicht nur wegen der schon erwähnten Projektion) zunehmend aus der knallharten Konzernrealität hinaus in den Traum verweist. Ein Traum, symbolisiert durch den Schlaf, den Res Aebi zum Schluss der Szene mimt und den der junge Mann, Roman Weber, mit einer fast mystischen Pose zelebriert.

Der Kuriosität halber sei angefügt, dass in dieser dritten Szene schliesslich auch das reale ‘Push-up’, dargestellt wird: Res Aebi, der zuletzt selbstkritisch resigniert, eigentlich nur noch den Ruhestand vor sich sieht, zeigt in letztem Aufbäumen seine Liegestütze (allerdings am Tisch). Die Regisseurin Marion Rothhaar beweist nicht nur in diesem kleinen Aperçu ihr grosses Verständnis für den weit gefächerten dramatischen Raum dieses Stücks. Dieser reicht von den harten Bandagen des Kampfs um Macht und Einfluss, sprachlich aufgezeigt an den immer wieder unversöhnlichen, heftig geführten Dialogen, bis zum quälenden, vorwiegend in Monologen, Mimik und Gestik ausgedrückten farbigen Schimmern urgründlichen menschlichen Lebens, Strebens, Leidens und Träumens. Davon künden auch die beiden ‘normalen’ Figuren des Stücks, die das Eine und Andere zurechtrücken: die Sicherheitsleute Maria (Hanny Gerber) und Heinrich (Martin Camenzind).

So wird das unterhaltsame, vergnügliche und anregende Stück zu einem köstlichen Theatererlebnis. Und das auch, das sei betont, dank der überzeugenden, das Original spürbar unverfälscht wiedergebenden Dialektfassung von Corinne Thalmann!

Theater Matte

Alle Bilder: © Ben Zurbriggen