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01.05.2018 -- Fritz Vollenweider / wv

Mit der Blechtrommel gegen den Zeitgeist

Wie man mit Trommeln und «Glassingen» die schwierigsten Verhältnisse rebellisch meistert, zeigt das Theater an der Effingerstrasse in Bern.


 

Eigentlich zeigte das schon Günter Grass (1927-2015) mit seinem 1959 erschienenen Roman «Die Blechtrommel». Oliver Reese (geb. 1964), heute Intendant des Berliner Ensembles, hat noch zusammen mit Günter Grass die Bühnenfassung erarbeitet, die als 40. Inszenierung von Markus Keller als zweitletzte Produktion der Spielzeit über die vom Regisseur selber konzipierte Bühne an der Effingerstrasse geht.

Ein düsterer Spielraum mit dunklen Wänden und braunen Tüchern am Boden, die als Ackerfurchen wie als Decken dienen können, sind sowohl der Grundstimmung des Werks entsprechend als auch den Möglichkeiten eines Einpersonen-Stücks angepasst. Mit drei überdimensionierten Taburetts lassen sich die vielfältigsten Interieurs knapp und wirksam vom Darsteller selbst zu den verschiedensten Interieurs skizzenhaft gruppieren. So wird die Fantasie des Zuschauenden neben den Erzählungen des Trommlers zusätzlich aufs lebendigste angeregt.

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Oskar Matzerath mit allen seinen Requisiten

Es ist ein genialer Zug, die Ereignisse und Bilder des Romans von Günter Grass, mit seinen vielen handelnden Personen im Danzig vom Beginn der Naziherrschaft in den Dreissigerjahren bis zum Einmarsch der Russen 1945, sozusagen der Verantwortung eines einzigen Darstellers zu übertragen. Die Handlung ist bestimmt von drei Hauptmotiven. Als erstes spielen die Familienverhältnisse eine grosse Rolle, mit der in unüblicher Liaison lebenden, geliebten Mutter und den zwei möglichen Vätern von Oskar Matzerath, der den Namen des Ehemanns trägt. Das zweite Thema ist die Unmenschlichkeit der Vorgänge der damaligen Zeit, in der das Leben nicht nur gefährlich sein kann, sondern sich für manche nicht lohnt. Als drittes und damit als Hauptmotiv der Handlung ist der überkonsequent angelegte und ausgelebte Protest des Knaben, der mit drei Jahren die versprochene Blechtrommel als Geburtstagsgeschenk erhält und daneben die Eigenschaft besitzt, mit seiner Stimme in überhöhter Frequenz jegliches Glas zum Splittern zu bringen, sein «Glassingen», wie er es nennt.

Der Knabe mit der Blechtrommel entschliesst sich, nicht mehr zu wachsen. So bleibt er jahrelang ein Dreikäsehoch, mit scharfem Verstand und unbestechlichem Gewissen, aber mit der Erkenntnis, dass es in dieser kleinbürgerlichen, dem totalitären und abwegigen Gedankengut ausgesetzten Gesellschaft und den an einem Teil von ihr verübten Verbrechen, zu leben eigentlich nicht lohnt. Sein Trommeln ist so unbequem wie es das Aufbegehren der Rechtschaffenen der Gesellschaft wäre – nur dass Oskar Matzerath nicht nur seine aufdringliche Trommel rührt, sondern eine Waffe besitzt, die ihn unantastbar, unverwundbar macht: Sein Kleinwuchs und sein «Glassingen».

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Dass er schliesslich nach dem Einmarsch der Russen beschliesst, doch wieder weiter zu wachsen – er ist mittlerweile 21 Jahre alt – hat wohl damit zu tun, dass sowohl seine Mutter als auch seine beiden möglichen Väter verstorben sind, so seltsam, wie sie gelebt haben, möchte man sagen. Aber, und dem Erfinder Grass wäre es zuzutrauen, es liegt vielleicht auch daran, dass die sich abzeichnenden neuen zeitgeschichtlichen Perspektiven Oskars Verantwortungsgefühl motivieren.

Günter Grass hat noch viel auffälligere symbolische Elemente geschaffen, um damit die Unmöglichkeit eines guten Lebens in einer schlechten, bedrohlichen Zeit und Gesellschaft zu veranschaulichen. Schon seit man im Roman gelesen hat vom aus dem Meer gefischten, mit Aalen und anderem Gewürm durchsetzten Pferdekopf, bleibt das Bild haften. In der Schilderung durch den Trommler Oskar wird dieser Pferdekopf vollends zum Monstrum.

Doch das ist lediglich eines der Beispiele für die packende, kunstvoll herausgearbeitete Selbstverständlichkeit, mit welcher der 41-jährige Michael von Burg in der Gestalt des kleinwüchsig gebliebenen Oskar das Umfeld glaubwürdig zum Leben erweckt, das Günter Grass in seinem Roman geschaffen hat. Autobiografisches und Zeitgeschichtliches verschmelzen, verwachsen zu einem Welt- und Lebensbild von reichhaltiger Farbe und Bewegung. Dass die Schlegel das Trommelblech überhaupt nie berühren (die Schläge klingen als O-Ton), ist ein formales Element der Inszenierung, das von Anfang an klärt, dass es sich hier um keine realistisch-naturalistische Geschichte handelt. Der rebellische, Glas zersingende, gefürchtete, mit seinen Trommelschlegeln den Schreckensbildern und -figuren der Zeit sozusagen die Peitsche ins Gesicht jagende Kleinwüchsige lässt ein kulturgeschichtliches allegorisches Bild entstehen, welches wirkungsvoller nicht dargestellt werden könnte. Es fängt schon bei der Gestalt Matzeraths/von Burgs an: Man sieht, dass er ein Kleingewachsener ist, obschon er es nicht ist. Sarah Bachmanns Anzug ist der erste Volltreffer, und was Regisseur Markus Keller und Schauspieler Michael von Burg zusammen gearbeitet haben, um diese einmalige und in keiner Weise verlegen stimmende Person aufzustellen, kann man nur ahnen. Sehen hingegen mag man mit Spannung, Verblüffung und durchaus auch Vergnügen am Spiel, wie der Schauspieler zweimal rund 50 Minuten lang den Spielraum mit beklemmendem, belustigendem, verstörendem Leben so zu füllen vermag, dass man die weiteren Personen und die Orte der Romanhandlung wie anwesend erlebt. Man vergisst beinahe, dass der Trommler sich allein auf der Bühne bewegt.

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 Michael von Burg in der Gestalt des kleinwüchsig gebliebenen Oskar

Bilder: Severin Nowacki.

Aufführungen bis 25. Mai 2018.

Informationen: DAS THEATER an der Effingerstrasse