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14.05.2018 -- Fritz Vollenweider / wv

Eine Berner Spätimpressionistin

Die Berner Malerin Martha Stettler, bekannt und geschätzt auch in Paris: Das Kunstmuseum Bern zeigt eine vielseitige Dokumentation.


 

Am 16. Dezember 1945 ist sie in Paris gestorben, nachdem die Bernerin Martha Stettler den ganzen zweiten Weltkrieg lang dort ausgeharrt hatte. Geboren ist sie in Bern 1870, als Tochter der Clara Stettler-von Fischer und des Architekten Eugen Stettler, dem Erbauer des Kunstmuseums Bern.

Ihr Vater hat sie namhaft gefördert und als ihr erster Lehrer der Malerei zugeführt. Nach ersten Studien in Bern und Genf lebte sie ab 1893 mit ihrer Lebenspartnerin Alice Dannenberg in Paris. Obschon sie sich voll im Netz ihrer Familie geborgen, unterstützt und gefördert fühlen durfte, hatte sie nicht dieselben Chancen wie ihre männlichen Kollegen. Es überragt diese Frauengeschichte in der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert allerdings das übliche Mass: Martha Stettler war zu Lebzeiten geschätzt und vielfach bewundert, und zwar als Persönlichkeit wie als Künstlerin. Der Höhepunkt ihres Wirkens – wenn man landläufig sagen will: ihrer Karriere – war ab 1909 ihre Tätigkeit als Leiterin der Académie de la Grande Chaumière, zusammen mit Alice Dannenberg, deren Gründungsmitglied sie schon 1904 gewesen war. Ihre Begegnungen mit (unter anderen) Hodler, Augusto und Alberto Giacometti, Cuno Amiet und anderen heute noch immer bekannten und berühmten Künstlern konnte nicht verhindern, dass sie und ihre spätimpressionistisch bestimmte Kunst rasch in Vergessenheit gerieten.

Umso erfreulicher ist es, dass das Kunstmuseum Bern erstmals nach 35 Jahren seine Sammlung öffnet. Die Kuratorin Corinne Linda Sotzek gestaltet eine mit Leihgaben ergänzte Ausstellung und zeigt einige eindrückliche, ganz persönlich der Künstlerin und ihrem Wirken entsprechende Kostbarkeiten.

Stettler Bild1 Martha Stettler Intimite

Intimité, um 1912 Nachlass Martha Stettler, Steffisburg

Martha Stettler hat zeitweise im Haus ihrer Schwester in St. Blaise (NE) deren Kinder in häuslichen Szenen gemalt. Auch in ihren Landschafts- und Architekturbildern spielen vergnügte Kinder oft eine zwar manchmal diskrete, jedoch immer funktional bedeutende Rolle. Vollends die zahlreichen Darstellungen der Pariser Parks und Gärten kommen kaum ohne die darin lebenden, spielenden, promenierenden, ruhenden Menschen aus. Was dabei ganz besonders auffällt, ist die sorgfältig geplante und ausgeführte formale Gestaltung der Bildinhalte. Das Bild erzählt, und dessen Komposition steuert Rhythmus und Schwung bei. Sie führt das Auge auf den Weg der Betrachtung, zur Aufnahme des Werks, zeigt ihm gewissermassen die Leitlinien durch die Bilderzählung. Das löst beim Betrachten oft freudig beglückende Gefühle und ein einvernehmliches Verständnis aus. Neben den Anordnungen der Motive spielen auch deren Farben eine bedeutende Rolle.

Stettler Bild2 Martha Stettler Le parc

Le parc, um 1910 Kunstmuseum Bern

 

Stettler Bild5 Martha Stettler Spielende Kinder im JdL

Spielende Kinder im Jardin du Luxembourg, 1912. Privatbesitz

Zweifellos sind diese Szenen in den Jardins von Paris mit ihrer lichtdurchfluteten Gestaltung auf ganz besondere Art eindrücklich und berührend. Doch neben dem schon erwähnten Sinn für die Gestaltung häuslicher Motive gibt es zum Beispiel auch zahlreiche Zeugnisse der Katzenliebe von Martha Stettler. Darüber hinaus hat sie sich in noch anderen Themenfeldern umgesehen, so auch in der Schweizer Alpenwelt und in der Welt der privaten Gärten als paradiesische Rückzugsorte. Durchstreift man aufmerksam die sechs thematischen Räume der Ausstellung, gewahrt man, wie Martha Stettlers Bilder heller, grossflächiger, ausdrucksstärker und persönlicher werden. Diese Entwicklung verläuft parallel zum Weg, den die Künstlerin und Frau von den Anfängen ihrer Ausbildung über das Frühwerk zu sich selber, und damit auch zur Selbstverwirklichung in ihrem künstlerischen Wirken, zurücklegt.

Stettler Bild3 Martha Stettler Stillleben mit Katze

Stillleben mit Katze, zw. 1907 und 1916. Kunstmuseum Bern

Stettler Bild6 Martha Stettler Nature morte

Nature morte, der Teetisch, 1908–1916, Öl auf Leinwand, 50 x 65 cm. Privatsammlung Gockhausen

Stettler Bild4 Martha Stettler Sur la terrasse de Versailles

Sur la terrasse de Versailles, um 1911, Privatbesitz.

Wiederum eine Fundgrube an Informationen und Deutungen bietet der Ausstellungskatalog:
Martha Stettler. Eine Impressionistin zwischen Bern und Paris (deutsch/französisch).
Hrsg. Kunstmuseum Bern.

Die Ausstellung dauert bis 29. Juli 2018

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