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01.06.2018 -- Erwin Weigand / wv

Fahnen in der unteren Altstadt

Das UNESCO-Weltkulturerbe Berner Altstadt und sein Fahnenschmuck, was steht dahinter. Aus Erwins "Bärner Gschichte".


 

Ist es eigentlich sonst niemandem aufgefallen, – dieses Jahr fehlen in der Marktgasse und auch in der Gerechtigkeitsgasse die vielen bunten Fahnen. Eigentlich schon falsch, denn diese Fahnen sind «Flaggen», weil sie in Reihen aufgesteckt sind.

Fahnen wären die einzeln gehissten, beispielsweise vor einem Chalet. Der Grund für das Fehlen ist nach Auskunft von Herrn A. Steiger, seines Zeichens Verantwortlicher für Weihnachtsdekoration und Fahnen des Kramgassleists, der schlechte Zustand der Fahnen und deshalb wurde in Absprache mit dem Gerechtigkeitsgassleist beschlossen, bis August nur die Torbeflaggung auszuhängen. Wir werden uns mit den Flaggen der Nebengassen begnügen müssen.

Kramgassleist Gerechtigkeitsgasse

An der Gerechtigkeitsgasse in einem früheren Jahr

Wenn in den Sommermonaten die Altstadtgassen mit den bunten Flaggen geschmückt sind, stellt sich für manche die Frage was die darstellen. Es besteht seit den fünfziger Jahren ein strenges Reglement der städtischen Polizeidirektion welche Flaggen und Fahnen wo angebracht werden dürfen. Die Frühlingsbeflaggung beginnt in der Regel zur BEA-Ausstellung um den ersten Mai. In der Kram-und Gerechtigkeitsgasse werden zwischen der sogenannten «Torbeflaggung» mit der Schweizer-, der Berner- und der geflammten Altberner-Regimentsfahne und heutiger Zunftffahne der Bernburger, die Hoheitszeichen der Amtsbezirke aufgehängt. Die Flaggen der Zünfte befinden sich in den Nebengassen abwechselnd mit der Regimentsflagge. Ein schönes und teures Schmuckwerk, welches die Anwohnergeschäfte und Gönner berappen, oder eher befranken dürfen.

Kramgassleist Münstergasse

Zunftflaggen an der Münstergasse

Mit dieser Beflaggung kann ich selbst persönliche Erlebnisse aus vergangener Zeit verbinden.

Kramgassleist Haus Kramgasse 7

Haus Kramgasse 7

Im Jahr 1964 war ich für ein gutes Halbjahr bei Th. Schärers Sohn & Co, Ameublements an der Kramgasse 7 als Polsterer-Tapezierer tätig. Das damals hundertjährige Geschäft hatte vorne einen ziemlich verstaubten Laden, wo ausschliesslich Stilmöbel und Stoffe ausgestellt und verkauft wurden. Hinten hinaus war ein nach oben offener Innenhof der zur Polster-Werkstatt an der Münstergasse anschloss. Über der Werkstatt im 1.Stock war das Nähatelier, wo mehrere Näherinnen die Vorhänge, Kissen und Brokatdeckchen nach alter französischen Art mit viel Handarbeit herstellten. Der über achtzigjährige Inhaber Herr Walter Schärer wurde morgens vom Chauffeur von seiner Wohnung in einem Aussenquartier abgeholt und durchschritt dann die Werkstatt mit kritischem Kontrollblick bevor er sich in seinen Kontor zurückzog. Die Geschäftsführung lag in den Händen eines angestellten Meisters und die Werkstatt wurde von einem Vorarbeiter geleitet. Eine erfahrene Tapeziernäherin führte die Näherei und das Ladengeschäft unterstand der Tochter des Patrons. Damals war es bereits kritisch einen Betrieb mit 10 Angestellten aufrecht zu halten; mit dem Generationenwechsel nur ein Jahr später war dann auch Schluss und das traditionsreiche Ameublement-Atelier verschwand. Heute Ist im Laden ein Bettenhaus und im ehemaligen Atelier werden in einer Kunstgalerie auserlesene Werke namhafter Künstler vermittelt.

Herr W. Schärer war als reputabler Geschäftsmann der oberste Kramgassleist. Die Vereinigung der Kramgässler war im 19. Jhd. zur Belebung und Interessenwahrung der Gasse gegründet worden.

Auszug aus der Webseite des Kramgassleists:

«In den 50er Jahren führte der Leist eine einheitliche Beflaggung bei wichtigen Anlässen ein, und zwar mit den bunten Ämterfahnen. Sie ersetzten das Durcheinander von zahlreichen grossen und kleinen Fahnen, die das architektonische Gesamtbild der Gasse zu ersticken drohten.

Mitte der 60er Jahre wurde ein einheitlicher Weihnachtsschmuck gefunden, der noch heute Kunden und Anwohnern gefällt. Im Advent verleihen jeweils 250 Tannenbäume mit ihren Hunderten von Kerzen der Gasse eine traumhafte poetische Stimmung.»

 

Diese Dekorationsarbeit wurde damals von den Angestellten der Th. Schärer Polsterei ausgeführt. In der Werkstatt wurde schon lange vorher über die Schwierigkeiten dabei diskutiert. Die vielen Fahnen mussten auf Stangen aufgezogen und aufgerollt werden. Auf einem Handkarren wurden sie dann von Haus zu Haus weiter transportiert. Eine lange Holzleiter wurde von zwei Leuten getragen und jeweils bei dem am Haus angebrachten Träger angelehnt. Einer stieg auf die Leiter und steckte oben dann die Fahne mit einer Hand in den Halter.

Kramgassleist DetailFahne

Die Halterung für die Fahne ist manchmal hoch oben

Das war eine gefürchtete Handhabung, weil man sich da weit zurücklehnen musste um das Loch zu treffen. Als damals diese Arbeit mir zufiel, konnte ich mit einer einfachen Vorrichtung das Problem entschärfen. Ich schraubte eine Stütze aus dünnen Leisten oben an die Leiter und damit war der Abstand zur Hauswand grösser. Die Fahnen konnten ohne akrobatische Verrenkungen aufgesteckt werden. Jahre später konnte ich beobachten, dass Arbeiter die Fahnen mit einer neuen Leichtmetall-Leiter montierten. Oben an der Leiter hatten sie eine ausklappbare Distanzstütze angebracht, die ihnen die Arbeit erleichterte.

Kramgassleist KrauseCombiAbstandhalter

Krause Kombi Abstandhalter zu kaufen bei Obi

Eine solche Vorrichtung ist auch bei "Obi" erhältlich und sicher haben auch schon andere Handwerker diese praktische Erweiterung zu schätzen gewusst. Ich hätte damals das Patent anmelden sollen....

Erwin Weigand

5 Bilder vom Autor, Krause Kombi - Scan aus dem Obi Katalog
Titelbild. Die Marktgasse