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18.06.2018 -- Erwin Weigand / wv

Schuster bleib bei deinem Leisten

Leist, Leisten, Leistung in Bern und was das alles bedeutet. Aus Erwins "Bärner Gschichte."


Immer schon kam mir der Begriff "Leist" fremdartig und unerklärt vor. Alles über einen Leisten schlagen, als Sprichwort für eine negative Verallgemeinerung, ist gut mit Schuhen die alle über den gleichen Leisten angepasst werden und nicht an allen Füssen passen würden erklärbar.

Leist 2 Schuhleisten

Bild 2: Schuhleisten

Ich kannte also den Leisten der Schuster, den schmerzhaften Leistenbruch aus eigenem Erleben, sogar den vorzüglichen Frankenwein vom Leisten in Würzburg und sowieso die Holzleiste, aber ein Gassenleist oder ein als Leist bezeichneter Schullehrer waren mir als Zugewanderten unbekannt. Was also bedeutet der Begriff und woher stammt er? Wikipedia kann nicht viel weiterhelfen, bleibt noch das Schweizerische Idiotikon. In diesem Wörterbuch fand ich folgende Erklärung: Leist «von Zeit zu Zeit sich versammelnde zwanglose Gesellschaft», auch das Gesellschaftslokal, «geschlossene Gesellschaft von Freunden, die entweder einen eigenen Ort für jeden aus ihnen offen halten oder sich wechselweise bei einem aus ihrem Mittel versammeln.»

Leist 3 Aberli Bild eines Leists

Bild 3: Aberli, Bild eines Leists

In Bern gibt es diverse Quartier- und Gassenleiste die sich aus solchen "zwanglosen" Gesellschaften entwickelt haben. Ein Bild eines solchen Leists ist uns von 1758 überliefert. Johann Friedrich Aberli hat darauf die Herren Friedrich Lienhard, Karl Friedrich Bucher, Abraham Wild, Paul Friedrich Otth und Albrecht Herport bei eine zwanglosen Treffen porträtiert.

Leist 4 Hollaenderturm

Bild 4: Holländerturm

Im Holländerturm trafen sich regelmässig einige aus holländischen Diensten entlassene Offiziere zum Tobakleist um das im fremden Land erlernte Tabakrauchen zu pflegen. Tabaktrinken, wie man es nannte, war obrigkeitlich als verpönter Genuss verboten, genauso wie Kaffeetrinken. Erst viel später im neunzehnten Jahrhundert durften gehobene Kreise sich öffentlich rauchend zeigen.

Leist 5 Plattformpolitik

Bild 5: Plattformpolitik

Da sah man Ratsherren von der Junkerngasse mit ihren verzierten Meerschaumpfeifen zur Plattform wandeln, wo sie zur frühen Morgenstunde und abends sich mit den Münsterpfarrherren und Ihresgleichen trafen. Tagsüber war das Rauchen dort verboten.

Leist 6 Zunftstube

Bild 6: Zunftstube

In den Zunftstuben, in Bern Gesellschaftsstuben genannt, trafen sich traditionell die Meister zu Gesprächen und Verhandlungen und auch zu feuchtfröhlichen Festen. Der Zugang zu diesen Societäten war auf bestimmte Personenkreise beschränkt; ein neues Mitglied musste den Regeln und Ansprüchen genügen. Ein witziges Beispiel hat uns der Sigriswiler Pfarrer Karl Howald von 1809 aus der wohladeligen Gesellschaft vom Distelzwang überliefert:

Leist 7 Kraehenbuehl

Bild 7: Krähenbühl

Ein neu aufgenommener Burger von unansehnlicher Herkunft, Notar und Amtsschreiber Krähenbühl, wurde durch das Los kraft des Reglements der genannten Gesellschaft zugeteilt, wo er aber wenig willkommen war und seine Aufnahme verweigert wurde. Die Regierung unterstützte aber den Stadtrat, worauf über mehrere Gesellschaftsmitglieder Arrest verhängt wurde. Der Streit um Krähenbühl, der fast zur Staatsaktion geworden wäre, endete damit, dass derselbe selbst auf seine Mitgliedschaft vom Distelzwang verzichtete. Die Gesellschaft zum Distelzwang war schon 1390 von den Vornehmeren als Gegenstück zu den Handwerkerzünften gegründet worden.

Eine Erklärung für "Leist" liefert Eduard von Rodt: Strafwürdige Gesellschaftsgenossen mussten in früheren Zeiten "leisten", das heisst durch Hausarrest im Gesellschaftshaus gewisse Strafen abbüssen, resp. leisten.

In eine völlig unbekannte Variante führt folgende Erklärung aus der Schweizer Rundschau von 1894, S.264:

Aus dem gewohnten Anblick von in den Herbergen Giselschaft leistenden Vereinigungen ging in Bern der Ausdruck Leist für jede regelmässig beim Trunk sich versammelnde Gesellschaft hervor

Was bedeutet jetzt wieder "Giselschaft"?

Persönliche Bürgschaft, besonders in der Form des Einlagers (Leistung), obstagium, als gerichtlichen Zwangsmittels, wornach der Schuldner, solange er nicht zahlte, sich (bisweilen mit dem Gläubiger und den Mitgülten) in ein öffentliches Wirtshaus einlagern, hier in Personalhaft bleiben und sämtliche Wirtszeche für sich und die Andern bestreiten musste. Der Schuldner konnte sich auch bei der Giselschaft durch einen Bürgen vertreten lassen: Die bürgen sont an offen wirten recht giselschaft leisten iro jeglicher bsunder ie 2 mal an dem Tag und welche mit syn selbes lybes lybe nit leisten will ald mag, der soll einen Gysel mit einem pferit dahin ze Gysel legen. 1359 Constanz

Eine berühmte Bürgschaft kennen wir noch aus Schulzeiten:

Leist 8 Neue Lesart von der Buergschaft

Bild 8: Neue Lesart von der Bürgschaft

Da gab es auch den Schuldeneintreiber, Gisler genannt, der dann im Wirtshaus die völlige Schuldbegleichung verzechen musste. Synonyme für die Geldeintreiber waren Gilsli-Fresser oder Zinsli-Bicker. Das war sicher für die Wirte ein einträgliches Geschäft.

Heute ist eine Geiselnahme um Geld zu erpressen ein schweres Verbrechen, aber das darf man nicht mit der Pfändung von Wertsachen oder der ersatzweisen Inhaftierung durch staatliche Organe vergleichen.

In völliger Umkehrung wurde das Giselmahl auch für einen Hochzeitsschmaus verwendet. Dann gab es auch noch die Ürte als Bezeichnung für das Hochzeitsessen. Jetzt bin ich aber völlig vom Thema abgekommen. So geht es wenn man sich mit lange vergessenen Gebräuchen beschäftigt. Also, jemand musste Giselschaft leisten, aus dem Giselmahl wurde ein einvernehmliches Schmausen in kleinem Kreis und daraus ein Treffen von Gleichgesinnten, die gewissen Regeln gegenüber dem Leist genannten Gastgeber zu leisten hatten. Den Schulmeister nannte man Leist, wohl weil er seine Anvertrauten zu Leistungen anzuhalten hatte, aber das ist reine Vermutung.

Bild 3+8 Wikimedia Commons gemeinfrei, Bild 5, 6, 7 Scan aus E.v.Rodt Bern im 19.Jahrhundert, Bild 1, 2, 4  Erwin Weigand