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25.06.2018 -- Fritz Vollenweider / wv

Kein Burnout auf dem Gurten!

«Abefahre»! Den eigenen Stress nämlich. Am besten auf dem Berner Hausberg in der 10. Produktion des Theaters Gurten.


Livia Anne Richard, Leiterin des «Theater Gurten», Autorin und Regisseurin des Stücks, hat die Aufgabe, die sie sich selbst gestellt hat, alles andere als leicht genommen. Als schönstes Zeichen für den Erfolg darf gelten, dass es damit den Zuschauerinnen und Zuschauern auf dem Gurten umso leichter fällt, zu verstehen, zu geniessen und zu schätzen, was erstens im Spiel abläuft, was zweitens in den oft leicht ironisch gefärbten doppelbödigen Momenten der Handlung gemeint ist und drittens, auf welchen wissenschaftlichen psychologischen Grundlagen diese Ereignisse beruhen.

Burnout, Stressbewältigung, Entschleunigung, Achtsamkeit, Selbstverwirklichung, und wie die Begriffe alle heissen mögen, die heute attraktiv in der Business-Welt zirkulieren – sie werden in diesem Freilichttheater aufgezeigt und teils ernst genommen, teils zum komödienhaften Zweck mit einem Augenzwinkern nicht ohne gewissen Charme leicht ironisch persifliert.

«Abefahre!» (Nicht etwa vom Gurten an die Aare hinunter…) «Abefahre! Stressfrei in 5 Tagen.» So der Titel von Livia Anne Richards Stück. Dass er wie eine Werbeanzeige für ein Antistress- oder Burnout-Seminar für in der heutigen Erwerbsgesellschaft unter Druck geratene Manager klingt, ist Absicht und hat Methode. Wie eine Seilschaft von Blinden nähern sich die sechs Geplagten mit verbundenen Augen, geführt von der Betreuerin Valérie, dem Seminarort inmitten der Natur, wo sie ohne Handyverbindung und vorwiegend oder mindestens angeblich fastend, fünf Tage lang ihren Stress herunterfahren und sich dabei wieder selber finden und verwirklichen sollen.

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Von rechts: Kathrin Schnegg, Betreuerin, Theo Schmid, Verkaufsleiter, Nicole D. Käser, Gemeindepräsidentin, Hanny Gerber, HR-Fachfrau, Roman Weber, Eishockeyspieler, Corinne Thalmann, alleinerziehende Mutter und Pflegefachfrau.

Stark sind die einzelnen Persönlichkeiten charakterisiert. Vordergründig erscheinen sie wie plakativ, doch mit der Zeit öffnen sich bei allen überraschend auch bewegende oder verblüffende Merkmale, teils vom Leben unbewusst verschüttete, teils bewusst verschleierte. Der Autorin und Regisseurin gelingt es überzeugend, diese Art von Entlarvungen einerseits mit den bekannten psychologischen Mitteln und Methoden zu gestalten. So ist beispielsweise die Systemische Strukturaufstellung um die Person von Marco, dem Eishockeyspieler einer der Höhepunkte der Handlung. (Siehe Bild). Andererseits wirkt die Handlung so, als wollte die Aufführung wie ein Lehrstück den Laien die theoretischen und auch die pseudowissenschaftlichen Methoden unkompliziert und leicht verständlich erklären.

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Von links: Oliver Stein (Coach), Corinne Thalmann als Mauer, Kathrin Schnegg (Betreuerin Valérie Plüss) kauernd zu Roman Webers (Marco) Füssen, hinten als Vaterfigur Urs Schnegg (Betreuer Urs Schnegg).

Corinne Thalmann tritt auf als im Grunde selbstsichere, jedoch durch die auch emotionale Doppelbelastung als alleinerziehende Mutter und Pflegerin stark geforderte Martina Kramer. In der Zange von despotischem Chef einerseits, andererseits von in ihrem Job nicht gefragten emotionalen Regungen der Menschlichkeit, steigert sich Hanny Gerber als Human-Resources-Fachfrau Helen Kunz zu ungemeisterten rhetorischen Ausbrüchen (mit verdientem Szenenapplaus an der Premiere). Nicole D. Käser als Gemeindepräsidentin Renate Brunner wirkt auf Anhieb als politische Autorität beherrscht, wenn nicht sogar abgebrüht, was nicht über einzelne sich doch offenbarende Unsicherheiten hinwegtäuscht. Auch Roman Weber als Eishockeyspieler Marco Stettler verdeckt hinter seiner gefälligen Art des Auftretens eine auch vor sich selbst uneingestandene persönliche Eigenschaft. Christoph Keller wirkt als Lehrer Benjamin Rauch mit seinem Notizbuch immer als hoch beschäftigt, vermutlich nicht ganz echt, was sich dann bei seiner unfreiwilligen Demaskierung auch bestätigt. Ein besonderer Kontrapunkt im ganzen Spielablauf ist Theo Schmid als René Greper, der grantige, überkritische, spielverderberische Verkaufsleiter, der sich nicht nur den Lachyoga-Übungen verweigert und sich mit der Zeit den Gruppenaktivitäten nur «unter Absingen obszöner Lieder», wie man sagen könnte, unterzieht. Man vermutet, dass er Entscheidendes von seiner Persönlichkeit, seinem Wesen unter dem Deckel der Kompensation hält. Was schliesslich auch für nicht wenig emotionale Verblüffung sorgt.

Selbst die Seminarleiter haben mit sich und untereinander ihre Probleme. Marianne Tschirren als Psychologin Rosmarie Eichmann scheint manchmal zur Geschwätzigkeit zu neigen und findet allzu oft alles einfach optimal. Oliver Stein als Ivo Sommer, der Coach, wird immer durch kaum zu verbergende Handy-Anrufe aus seinem familiären Umfeld gestresst und verdrängt zuweilen eine gute Portion kaum unterdrückter Ungeduld nur mit Mühe.

Teils Mitspieler im Seminar, teils nur Hüter des Lagerfeuers und der eingesammelten Handys, spielen Kathrin und Urs Schnegg die Betreuerin Valérie Plüss und den Betreuer Jan Plüss. Mit ihren zwar weiträumig bewegten, dennoch teils nur angedeuteten Aktivitäten bereichern sie gerade auf dem weitläufigen Spielgelände der Gurtenwiese den Ablauf der Bewegungen; vor allem Jan durchmisst den Raum mit immer neuen Geräten und öffnet damit stets auch die räumlichen Perspektiven.

Und das Spielgelände an sich? Das Bühnenbild von Fredi Stettler, rechts eine bullig anmutende haushohe Felskuppe, die mehr als die halbe Breite der Wiese ausmacht, links ein spitzes Tipi als Unterkunft für die Teilnehmer, vorne eine Bühne für die Gruppenübungen und Einzelauftritte, ganz im Vordergrund einige quadratische Steinblöcke als Sitzgelegenheit zum Ausruhen oder Miteinander sprechen. Täuscht man sich, wenn man im Kontrast zwischen Felsblock und Tipi den Gegensatz zwischen sich ducken, den Kopf einziehen, und aggressivem Vorprellen und Vorstechen zu erkennen glaubt?

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Von links: Theo Schmid, Oliver Stein, Corinne Thalmann, Nicole D. Käser, Marianne Tschirren, Christoph Keller, Hanny Gerber, Roman Weber.

Alle Bilder: Hannes Zaugg-Graf

Aufführungen bis 30. August 2018

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