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03.07.2018 -- Maja Petzold / wv

Der Griff zum Fotoapparat

Das Musée de l'Elysée, Zentrum der Fotografie in Lausanne, zeigt, wie der französische Künstler Jean Dubuffet die Fotografie für sich nutzte.


 

Seit den Anfängen seiner künstlerischen Tätigkeit setzte Jean Dubuffet (1901 – 1985) ein beachtliches Budget dafür ein, seine Werke fast lückenlos fotografisch festzuhalten und zu archivieren. Zuerst wurden die Abzüge in grossen Alben gesammelt. 1959/60 begann Dubuffet, den Catalogue Raisonné zu erarbeiten, mit Karteikarten für jedes einzelne Werk und Recherchen bei Händlern und Sammlern, wenn eine Arbeit sich noch nicht in seinem Katalog befand.

Dubuffet Kurt WyssLeGrandfichiers

Kurt Wyss, Le Grand fichier, secrétariat de la rue de Verneuil, Paris, 2 octobre 1970 © Kurt Wyss Basel

Dem Aspekt, wie diese Katalogisierung zustande kam, widmet sich nun das Musée de l'Elysée in seiner Ausstellung Fotografie als Werkzeug. – Der Titel sagt es, abgesehen vom immensen Aufwand für das Archiv, zeigt das Museum auch, wie Dubuffet das Werkzeug Fotoapparat in seinem Arbeitsprozess nutzte und wie die Medien seine Arbeit aufnahmen. Denn es existieren zahlreiche Presseaufnahmen seiner Werke und vom Künstler selbst, obwohl er es offensichtlich nicht schätzte, fotografiert zu werden. "Ich hasse es, wenn jemand ein Objektiv auf mich richtet. Das macht augenblicklich jede Entspannung zunichte", äusserte Dubuffet einmal. Das Museum konnte sich auf den äusserst reichhaltigen Nachlass stützen, den die Fondation Dubuffet bewahrt. Die Ausstellung zeigt, unterteilt in viele klug zusammengefasste Kapitel, die zahlreichen Aktivitäten des Künstlers.

Dubuffet sur la Closerie Falbala

Kurt Wyss, Jean Dubuffet sur la Closerie Falbala, Périgny-sur-Yerres, 3 août 1973  © Kurt Wyss Basel

Für die Fotografie selbst hatte sich Dubuffet schon früh interessiert. Er besass einen leicht zu bedienenden Kodachrome-Apparat für Momentaufnahmen, die ihm später als Vorlagen für grafische Werke und für seine Malerei dienten. Wir sehen – wie damals üblich – winzige Negative von Kühen, Bächen oder Gräsern und daneben das Werk Über Steine laufendes Wasser oder wunderbar konkret-abstrakte kleine Darstellungen von Kühen.

Ausserdem hatte Dubuffet eine besondere Kamera erworben, eine Verascope f40, die den Vorzug hatte, dass man neben monokularen auch stereoskopische Bilder aufnehmen konnte. Davon war der Künstler ganz begeistert: ". . . ist eine solche Fotografie ein wunderbares Dokument. Sie gibt die Farben und die Anmutung eines Gemäldes perfekt wieder, . . . so dass eine entfernte Person es so in Augenschein nehmen kann, als habe sie es direkt vor sich".

Dubufet Verascope

Verascope f40  © Rick Oleson / camera-wiki.org

Es ist wohl wenig bekannt, dass der Ausdruck art brut 1945 von Dubuffet geprägt worden war. Er bezeichnet damit Werke, die "von Personen ausgeführt wurden, die von jeder künstlerischen Bildung unbeschadet sind" – was für Dubuffet selbst nur bedingt zutrifft, aber seine Absicht ausdrückt, "Kunst neu zu denken". Zu diesem Thema sammelt der Künstler zahllose Bilder und Objekte und dokumentiert sie zunächst in zehn Alben, die später umsortiert und ergänzt werden. Damit soll das Phänomen art brut in seiner ganzen Breite und Vielfältigkeit dargestellt werden. Denn erst nach einem solchen Überblick könne man etwas darüber aussagen, was diese Kunst eigentlich sei.

Dubuffet KurtWyssLeporellodureportagephotographique

Kurt Wyss, Leporello du reportage photographique sur le Jardin d’émail, Kröller-Müller Museum, Otterlo, Pays-Bas, 1974  © Kurt Wyss Basel

Einen Wendepunkt im Schaffen von Dubuffet markierte die Arbeit am Hourloupe-Zyklus, an dem der Künstler seit 1962 arbeitete: Damals entdeckte er nämlich Styropor als Arbeitsmaterial. Er schneidet es mit einem heissen Draht in die gewünschte Form und entwickelt daraus Skulpturen, ja architektonische Bauten. Den Höhepunkt dieser Werkphase bildet das Coucou Bazar, ein Bühnenstück, das wie ein "lebendes Gebilde" aus tragbaren ausgeschnittenen Formen besteht, die von Tänzern getragen werden, die ebenfalls Kostüme des Künstlers tragen. Ein sehr aufwendiges Unternehmen, das in Vincennes stattfand. Auch hier hat die Fotografie einen wichtigen Anteil: die Vergrösserung mittels Projektion. Zeichnungen von Dubuffet werden genau zu diesem Zweck fotografiert und die Dias auf grosse Tafeln projiziert. So werden alle Teile dieses Gesamtkunstwerkes aufgenommen, in das Ganze integriert und durch die Fotografie dokumentiert.

Dubuffet afiche Coucou

Affiche Coucou / musée de l'Elysée Lausanne

Dieses "projektionsbasierte Vergrösserung" wird ab ca. 1974 zur grundsätzlichen Absicht des Künstlers: "Hier gibt es keine Hand des Künstlers. Nur unpersönliche Linien und grobe, flächige Ausmalungen." Die Ausführung seiner mithilfe des Diaprojektors entstandenen Entwürfe überlässt Dubuffet seinen Assistenten. Es berührt ihn nicht, dass Kritiker ihm vorwerfen, solche Werke seien gar nicht mehr seine Kunst.

Dubuffets Experimentieren mit allen Formen der Fotografie und Projektion findet seinen Höhepunkt in einer Ausstellung in den Fiat-Räumen in Turin im Jahre 1978, an der auch andere Künstler beteiligt waren. Dubuffets Anteil besteht aus einer Installation aus zwölf Diaprojektoren und einem Filmprojektor und zeigt auf sechs Leinwänden hintereinander Ansichten des Ortes und des Künstlers. Dubuffet sagt dazu: "Das Aufscheinen einer Projektion im Dunkeln verleiht dem Bild eine unglaubliche Kraft. Verändert wird nicht das Bild, sondern die Wahrnehmung desjenigen, dem es vorgeführt wird."

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Vue de l’exposition lumineuse de Jean Dubuffet par Fiat, Turin, 1978  © Fondation Dubuffet ProLitteris

Das Bemerkenswerte dieser sehenswerten Schau besteht darin, dass wir sehr viel über die Kunst und die Aktivitäten von Jean Dubuffet erfahren, obwohl nur wenige Originalwerke gezeigt werden, sondern mehr Dokumentarisches – was aber dem Künstler entspricht: "Obwohl es . . . widersprüchlich scheinen mag, lässt sich behaupten, dass Gemälde sich in Form projizierter Lichtbilder vollkommener und wahrhaftiger offenbaren als im Original."

Die Ausstellung im Musée d'Elysée entstand in Zusammenarbeit mit der Collection de l’Art Brut, Lausanne und ist noch bis 23. September 2018 zu sehen. Ein gemeinsames Ticket für beide Museen ist erhältlich.
Ein grossformatiger Katalog (Editions Photosynthèses) wird im Shop des Museums angeboten.

Musée de l'Elysée: Jean Dubuffet