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13.12.2016 -- Fritz Vollenweider / wv

Alterskapriolen

„Mumien“: Im Theater Matte zeigt ein quicklebendig spielendes Paar, wie alt man nicht sein muss, auch wenn man so aussieht.


Marianne Tschirren – sie hat auch die Dialektfassung von Martin Suters Stück erstellt
– und Theo Schmid ziehen als ein anfänglich bettlägeriges
und hoch pflegebedürftiges
Altenpaar alle nur denkbaren Register
darstellerischer Spielfreude, Tonfall, Mimik und
Gestik. Sie verulken
dabei ihre Umgebung, teilweise das Publikum und ganz ein wenig
auch
sich selbst.


Ihre Zeit des Zusammenlebens währt schon recht lang. Sie beschäftigen sich mit Relikten aus ihrem
langen Leben – sie mit Puppen, er mit seinen Hüten. Gleichzeitig stossen ihnen jedoch auch alle
Miserabilitäten des lang-, langjährigen Zusammenlebens immer wieder auf. Das führt zu Eruptionen von
Gehässigkeit und Anwürfen, die nicht alle wirklich ernst gemeint sein können. Die Spirale, die als
Klammer die ausweglos auseinanderdriftende Beziehung zusammenhält, dreht sich immer heftiger,
kraftvoller, unerbittlicher und endet schliesslich in einem Ausbruch sinnloser Gewalt, die auch der
Umgebung der beiden schliesslich auffällt und Sorgen bereitet.

 

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Marianne Tschirren und Theo Schmid


Es sind dies die Physiotherapeutin Angelika (Romaine Müller, herrlich die Spielsprache kontrastierend
mit Walliser Dialekt), die Heimpflegerin Barbara (Franziska Winkler), der zeitgemäss absurd gezeichnete
Manager Ivan Gubler als freiwilliger Essensträger (Adrian Schmid) und auch noch der etwas gar junge
Polizist Rolf Frey (Roman Weber). – Die Sorgen, ja, doch auch das Interesse dieser mit den beiden Alten
verknüpften Nebenhandlungs-Personen wird geweckt. Allerdings wendet sich fatalerweise das Interesse
recht rasch von den beiden „Mumien“ in ihren Betten ab und sich gegenseitig zu. Sowohl der Polizist als
auch der an sich viel beschäftigte Firmeninhaber, der freiwilligen Sozialdienst leistet, schauen auffällig
oft in der Wohnung vorbei, um sich zu erkundigen, ob die Verursacher des Überfalls mit
Gewaltanwendung, angeblich eine Jugendbande, entweder noch genauer beschrieben werden könnten
oder allenfalls bereits gefasst seien. Treffen sie dabei auf die hübschen Pflegefrauen, ist der Vorwand bald
vergessen und macht zarten Avancen Platz. Staunend liegen die zwei Vergessenen in ihren Betten
und verstehen die Welt nicht mehr so ganz.

 

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Links Romaine Müller (Physiotherapeutin),

 

rechts Franziska Winter (Pflegerin)

 

 

 

 

 

 

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Links Adrian Schmid (Sozialfreiwilliger), rechts Roman Weber (Polizist)


Die Parallelhandlung mit den kleinen gegenseitigen Verliebtheiten bleibt an sich folgenlos. Die Fantasie
des Autors ist allerdings so einfallsreich, dass immer neue Arabesken und weitere Handlungskreise
auftauchen. Das mag die Geschlossenheit und Straffheit des Schlusses ein wenig in Gefahr bringen. Die
fast nicht abreissenden Lacher jedoch beweisen: Dem Publikum gefällt es.


Die falsch interpretierten Spuren des nächtlichen Gewaltausbruchs und die Verlagerung des Interesses
der beiden Paare der Parallelhandlung bilden die Peripetie des an sich noch nicht ausgeleierten
Beziehungsdramas der beiden Bettlägerigen. Das Konfliktpotential überträgt sich gewissermassen. Eine
langsame Annäherung findet statt, die beiden kommen auf andere Gedanken. Fortan schaden sie nicht
mehr sich selbst, sondern Aussenstehenden – auf bösartige und kriminelle Weise, aber noch immer mit
dem allergrössten Vergnügen. Keine Frage, man wird ihnen auf die Schliche kommen...


Oliver Stein ist in Fredi Stettlers Bühnenbild eine Inszenierung voller Abgründe und mit einem Strauss an
szenischem Witz gelungen, mit fesselnden Kontrasten im Ablauf. Die Unbeholfenheit der beiden
Bettlägerigen kontrastiert mit dem atemberaubenden und gleichzeitig professionellen, aber
unpersönlichen Tempo der Pflegehandlungen. Die bewusst aufgesetzte positive und dauerlächelnde
Fröhlichkeit der Physiotherapeutin bildet die negative Entsprechung zum gehässig aufgesetzten
Äusseren von Lisa und Erwin Schwarz. Die anfänglich verächtliche, ja vielleicht gar das Entwürdigende
streifende Charakterisierung der beiden Alten wirkt schliesslich versöhnt durch den wiedergefundenen
Gleichklang der Interessen der beiden. Wenn auch die neu gefundene Vitalität das Paar jetzt auf etwas
absurde und riskante Wege bringt...

 

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Alle Bilder: Hannes Zaugg-Graf (www.z-arts.ch)


Aufführungen bis 15. Januar 2017, Klick auf Mumien