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19.12.2016 -- Bernhard Schindler / wv

Der Teddybär als Apostel der Anpassung

Ein weihnächtliches Märchen mit bedenklichen Folgen


Es war einmal ein Teddybär, der lebte glücklich mit der Kathrin in deren Kinderzimmer und war seines Daseins zufrieden. Er teilte das Bett der kleinen Prinzessin, sie herzte ihn und erzählte ihm alle ihre kleinen Sörgeli und Nöte.

Aber da nahte das Weihnachtsfest. Und Kathrin erhielt – offenbar vor der Zeit – ein ziemlich grosses Paket, das sie schon im Voraus auspacken durfte. Und was war darin? Ein Gefährt auf vier Rädern, das aussah wie ein Mondfahrzeug. Dieses war mit Lichtlein bestückt, die nun im Kinderzimmer herum irrlichterten. Und Kathrin war hell begeistert und war nur noch mit ihrem Monstrum beschäftigt, während der kleine Teddy daneben sass und nicht mehr wusste, was er anfangen sollte.

 

Teddy 493071 web R by Lisa Schwarz pixelio.de

Als das Irrlichtern immer weiterging und Teddy seine täglichen Streicheleinheiten vermisste, schlüpfte der traurige Bär durch die Stubentür hinaus, wanderte zur Haustüre und husch verschwand er auf der nächtlichen Strasse. Da gab es so viel zu sehen. Leuchtende Tannenbäume, glitzernde Rentierschlitten, Ein Nachbar hatte Walt Disneys Bambi und die sieben Zwerge im Garten, die klinisch sauber, funktionell einfach anzuschliessen waren. An den Hauswänden kletterten kleine Samichläuse in die Höhe, vor dem Warenhaus sang die Heilsarmee. Alles war feierlich angerichtet, nur die Menschen achteten nicht darauf, denn sie waren viel zu beschäftigt damit, ihre letzten Geschenke einzukaufen.

Ganz allein trottete der kleine Teddybär durch die Strassen. Er war so einsam und niemand beachteten ihn. Da sah er eine Migros-Filiale, ein grosses Geschäft, in dem es noch hundertmal mehr leuchtete und glitzerte und irrlichtete als in Kathrins Kinderzimmer.

 

 

Filmschnitt.

Unterdessen ist es Kathrin leid geworden, mit dem leuchtenden Plastikfahrzeug herumzualbern. Die Eltern sind noch nicht zu Hause, wahrscheinlich benützen sie den Abendverkauf, um ihre Geschenke in letzter Minute einzukaufen. Kathrin schaut sich nach ihrem Teddy um, der es noch immer verstanden hat, Kathrins gute Laune wieder herzustellen, wenn ihr etwas über das Leberli gelaufen ist.

 

Doch da ist kein Teddy. Nicht in seiner Ecke, nicht auf ihrem Stuhl, erst recht nicht in Kathrins Bettchen. Kathrin begreift, dass ihr liebster Freund sie verlassen hat. Sie eilt auf die Strasse und beginnt zu suchen. Doch es ist kalt und kein Teddy da, er ist wie von Boden verschluckt. Traurig kehrt Kathrin nach Hause zurück. Doch wie sie zum Fenster hinaus schaut sieht sie etwas Wunderbares. Nochmals eilt sie auf die Strasse, und da kehrt er wieder, der arme kleine Teddy. Und offenbar hat er sich in der Migros mit Lämpchen und Flitter und Kabeln eingedeckt und neu eingekleidet: Da steht er und flimmert schöner als alle Bambis der Welt und kitschiger als Walt Disney je gezeichnet hätte. Und Kathrin schliesst ihn in die Arme, wenigstens bis nun Weihnachten endlich kommt, sie neue Geschenke auspacken und dabei ihren Teddy vergessen kann.

 

Leider kein Märchen

Nein, liebe Kinder, nein liebe Geschichten erzählende Grossmamas, das ist kein Märchen, sondern ein Werbespot der Migros im Fernsehen. Der Spot wäre lustig, wäre er nicht voll aus dem Leben gegriffen. Immerhin ist er nicht makaber, wie jenes Werbefilmchen eines Onlinegeschäfts, das uns einen Streit der Kinder um das grössere Paket zeigt, der dazu führt, dass der Tannenbaum umfällt und Feuer fängt. Auch sei zur Ehrenrettung der Migros gesagt, dass der Grossverteiler damit für seine Schoggi-Herzen wirbt, die für einen guten Zweck verkauft werden, weil die Migros zum  Erlös gleich noch eine Million dazu gibt.

 

Mit der Zeit gehen, Ja: Anpassung: Nein

Teddy 208841 web R K B by Steffi Pelz pixelio.deDer Migros, ihrer Werbeabteilung, dem Filmteam, das den Spot geschaffen hat, ihnen allen sei bescheinigt, dass sich die Migros-Fernsehwerbung in der Regel wohltuend von der Konkurrenz abhebt. Ob es nun die Hühnerfilme sind, bei denen ein besonders treues Migroshuhn sich gleich ins Geschäft begibt, um sein Ei zu legen, oder die früheren Hundefilme, diese Werbestreifen  sind «sophisticated» und bleiben in Erinnerung.

Aber darf man so offensichtlich für die Anpassung Reklame machen? Teddy passt sich an, wenn der den Energie fressenden hohlen Zauber mitmacht. Frau Merkel passt sich an, wenn ihre Flüchtlingspolitik zu sehr kritisiert wird. Donald Trump macht mit, wenn es gerade opportun ist. Und wir alle sind leider von Mobbing und Stress und immer neuen Ansprüchen weichgeklopft und passen uns ebenfalls an.

Mit der Zeit gehen: Ja. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Aber sich überall anpassen? Weil es der Weg des geringsten Widerstands ist? Nein, da machen wir nicht mit!

Aus ethischen Gründen. Um unser Gewissen zu erleichtern, um nicht dem Mainstream zu erliegen. Oder eigentlich deswegen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf!

Fröhliche Weihnachten. Nächste Wochen gibt’s keine Bennu-Versli und keine Schindler-Kolumne.

 

Bildquellen:Titel: Teddy_433683_web_R_by_Rolf_Handke_pixelio.de.jpg
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