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08.01.2017 -- Bernhard Schindler / wv

Glaube zwischen Religion und Staat (Teil I)

Reformiert, evangelisch und protestantisch im Fokus von Gemeinschaft und Glauben


Glaube ist etwas Individuelles. Jeder, selbst der Atheist, glaubt «irgend etwas». Religion ist verordneter Glaube, der im Lauf seiner Geschichte oft in Zweifel gesetzt wird.

 

Der Staat schliesslich, oder ursprünglich die Gemeinschaft, in der jemand lebt, stellt Regeln auf, wie sich das Individuum zu verhalten habe. Jeder hat in der Gemeinschaft Rechte und Pflichten, die sich einerseits auf seine Beziehung zum Staat auswirken, andererseits aber auch von der herrschenden Religion oder Konfession bestimmt sind und von diesen oft vereinnahmt werden.

 

Mitteleuropa als Beispiel verschiedener Gemeinschaftsformen

 

CalvinStatueAls das (west-)Römische Reich um das Jahr 400 n. Chr. zugrunde ging, hatte sich der christliche Glaube gegenüber allen anderen Staatsreligionen Roms durchgesetzt. Beim Konzil von 334 mit Kaiser Constantin verscherbelten die Christen ihre strikt auf das Himmelreich ausgerichteten Ideale. Um des Status der Staatsreligion willen übernahmen die bis dahin pazifistischen Christen die Militärdienstpflicht. Das Christentum bekam neben der weltlichen Macht ein geistiges Fundament, teilte sich aber wegen des ersten Schismas bald auf in Ost- und Westrom. Beide Glaubensformen erhielten Patriarchen, deren Machtanspruch sich gegen weltliche Macht durchzusetzen versuchte.

Vor 500 Jahren entstanden in Wittenberg, Zürich und Genf erste erfolgreiche Reformationen des römisch-katholischen Glaubens, nachdem schon zuvor Erneuerungsbewegungen wie die Katharer («Ketzer»), die Hussiten und sogenannte Bettelorden der reich gewordenen Kurie einen Riegel zu schieben versucht hatten. Aber erst nach 1516 begannen katholische Geistliche aufgrund der herrschenden Aufklärung gegen Ablasshandel und Peterspfennig (mit dem der Petersdom gebaut werden sollte) zu predigen. Martin Luther (1483 bis 1546) hat seine Thesen an die Kirchentüre zu Wittenberg genagelt, Huldrych Zwingli (1484 bis 1531) wurde Leutpriester in Zürich und der Sohn eines normannischen Geistlichen Johannes Calvin (1509 bis 1564) floh aus einem zusehends anti-reformatorischen Frankreich nach Genf, wo er die Thesen Luthers und die Erkenntnisse Zwinglis verbreitete.

 

Schweiz als Nährboden des Protests

 

ZwinglidenkmalInmitten eines zunehmend verzettelten Europas hatte sich dank Abschreckung der für Invasoren ungünstigen Topografie und dem für alle Nachbarn wichtigen Säumerpass über den Gotthard ein ziemlich unabhängiger loser Staatenbund gebildet, der sich als Eidgenossenschaft reichsfrei, also nur dem Kaiser untertan, erklärte. Die zum Teil von überschwemmten Inseln der Nord- und Ostsee vertriebenen Friesen, aber auch die schon zu Römerzeit und zuvor eingewanderten Kelten, Alemannen, Rätier und andere Völkerwanderer wie die Langobarden bildeten im Schutz der unbezwingbaren Berge einen ersten Hilfs- und Beistandsbund. Schlechte Ernten zwangen zum Export der aufmüpfigen Jugend zu den Fürsten Europas. Schweizer Söldner kämpften, nachdem sie die Habsburger aus deren Stammlanden vertrieben hatten, für den französischen König, italienische Adlige, die Republik Venedig und überall, wo schlagkräftige Haudegen gebraucht wurden. Sich im 16. Jahrhundert in innerschweizerische Glaubensstreite einzumischen, wussten die Monarchen Europas tunlichst zu vermeiden.

So entstand mitten in Europa, flankiert von der Universität zu Basel, an der auch Humanisten wie Erasmus von Rotterdam lehrten, eine religiöse Protestbewegung, welche aber keinen Bruch zum römischen Katholizismus provozieren wollte, sondern die viel mehr auf Reform und Evangelisierung setzte: Zwingli übersetzte noch vor Luther Teile der Bibel, insbesondere die Evangelien des Neuen Testaments aus dem Griechischen und Lateinischen in die Volkssprache. Denn der Anspruch lautete, jeder möge selber in der Bibel lesen können. Zwingli verbreitete seine deutsche Bibel über Veranstaltungen, an denen alle Zürcher Geistlichen vertreten sein mussten. Teilweise griff er auf Luthers bereits vorhandene Übersetzungen zurück, unterscheidet sich aber in der Auslegung der Texte in formalen und ideologischen Belangen vom Wittenberger Reformator, mit dem er sich ein einziges Mal traf. Sie trennten sich im Streit über die Auslegung des Abendmahls. (Fortsetzung folgt).

Fotos und Legenden:

Unten: Zwingli-Denkmal in Zürich, von sidonius 08:10, 12 June 2006 (UTC) - Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=860051

Titel: Lutherbild von Cranach,   von Atelier / Werkstatt von Lucas Cranach der Ältere - Selbst fotografiert, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53582482

Oben: Calvin-Statue in Genf ,  von Serein - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4558006