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12.01.2017 -- Bernhard Schindler / wv

Die Rolle der Reformation in Europa

Aus Glaubensbekenntnissen werden Staatskirchen (Schluss)


 

Die Renaissance in Italien, die bald auch auf Deutschland, Frankreich und die Schweiz überschwappte, versetzte die bis dato bekannte Welt in einen weltweiten Taumel.

 

Dank islamischen Universitäten waren in Konstantinopel die wichtigsten Schriften von Philosophen, Mathematikern, Geografen und Ingenieuren der Antike von der christlichen Vernichtungswut verschont geblieben. Eine neue Welt tat sich auf. Selbst die konservative römische Kirche musste sich dem Gedankengut eines Platon oder Aristoteles beugen.  Die Entdeckung Amerikas sorgte für unbeschreibliche Ausbeutung und Vernichtung von Hochkulturen, die den Konquistadoren mit ihrer Gier nach Gold nur im Wege standen und vernichtet wurden.

 

Reformation im deutschsprachigen Raum

Martin Luther, Huldrych Zwingli und Johannes Calvin waren keine Revoluzzer, sie wollten nur die aus den Fugen geratene römische Kirche wieder auf ein vernünftiges Mass zurückstutzen. Alle drei waren im Grund Idealisten, die allein nicht fähig gewesen wären, die christliche Welt zu verändern. Hinter Luther standen deutsche Fürsten, Zwingli wurde von der starken Zürcher Bürgerschaft und den Zünften geschützt. Und Calvin profitierte von der überragenden Rolle Genfs am Rand des französischen Reiches. Dann aber besassen alle drei gelehrige Anhänger, welche den Reform-Ideologen die praktische Gemeindearbeit abnahmen. Luther wurde von Anfang an vom Humanisten und Griechisch-Professor in Wittenberg, Philipp Melanchton, unterstützt. Martin  Luther war der sprachmächtige Ideologe, Melanchton der Organisator der neuen Konfession. Zeitlebens arbeiteten die zwei so unterschiedlichen Männer Hand in Hand. Melanchton übernahm das Werk des Protestantismus nach dem Tod Luthers und schrieb für die protestantischen Fürsten Anleitungen zu  Visitationen in den protestantischen Gemeinden, welche das konfessionelle Leben veränderten.

 

Maria Assunta Calanca Flügelaltar

 

 

Bildersturm

Huldrich Zwingli und Johannes Calvin sowie ihre Organisatoren und Nachfolger Heinrich Bullinger (Zürich), Oekolampad (Basel) und Comander in Chur sowie der Kämpe Jörg Jenatsch, der sich in den Bündner Wirren für die Protestanten einsetzte, später aber aus politischen Gründen wieder katholisch wurde und im Churer Dom begraben liegt, hatten ihr Heu keineswegs auf der gleichen Bühne. Alle waren  für ein Ausmisten der reformierten Kirchen. Schöne Bilder und Bibeldarstellungen, welche in Zeiten des rein lateinischen Gottesdienstes für die Belehrung des Volkes dringend nötig waren, brauchte man jetzt, da deutsche Bibeln reichlich zur Verfügung standen, nicht mehr.

Insbesondere in Fragen der Auslegung des Neuen Testaments kam es aber zu Auseinandersetzungen des Zürcher und des Genfer Reformators. Jedoch einigten sich die beiden im Consensus Tigurinus in der Frage der Abendmahlauslegung. Zwinglis Tod auf dem Schlachtfeld von Kappel gab seinem Freund und Organisator Heinrich Bullinger die Chance, in der Schweiz den reformierten Glauben weiter zu verbreiten. Reformierte hiessen alle, die dem Papst abschworen, sie bezogen ihren Glauben allein aus den Evangelien. In der Deutschschweiz sprechen wir bis heute von der evangelisch reformierten Kirche, die dank dem badensischen Pfarrer Johann Peter Hebel auch im Schwarzwaldgebiet anstelle der Lutherkirche Fuss fasste. Die Reformatoren wollten die Kirchen nicht plündern, sie wollten nur einfache Formen und wenig Brimborium wie in den unterdessen aufkommenden Barockkirchen. Dennoch kam es in Basel, Bern und anderswo zum Bildersturm, den aber die städtischen Behörden bald stoppen konnten. So sind wertvolle Altäre, Heiligendarstellungen und Kreuzesszenen der Nachwelt erhalten geblieben, wenn auch oft, wie der berühmte Altar aus Sta. Maria im bündnerischen Calancatal von Ivo Strigel, nur noch im Basler Historischen Museum in der alten Barfüsser Kirche. (Siehe Bild oben).

 

Krieg und Elend durch Konfesionsstreitigkeiten

Leider lernten die Reformatoren Luther, Zwingli und Calvin nicht viel aus der Glaubensgeschichte. Sie waren Kinder ihrer Zeit, die nach Hexen-Prozessen und Ketzer-Verbrennungen gierten. Zwingli liess sechs Wiedertäufer in der Limmat ersäufen, Calvin verurteilte seinen Konkurrenten Michael Servetus (Servette) zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Luther verriet die gebeutelten Bauern, die im deutschen Bauernkrieg aufgerieben wurden.

In Frankreich war die Verfolgung der Protestanten, dort Hugeotten genannt, besonders schlimm und wütete mehrere Jahrhunderte. Unzählige Franzosen mussten aus Glaubensgründen emigrieren. In Bern, Basel und Zürich wurden die meist in Gewerbe und Handel erfolgreichen Calvinisten gern aufgenommen, weil sie mit ihren Gaben das einheimische Gewerbe reformierten. Ebenso, wie die Berner die Hugenotten aufnahmen, verfolgten die gleichen Patrizier die Wiedertäufer, die grösstenteils ins Ausland fliehen mussten.

 

Schlacht der Innerschweizer bei Villmergen 1712

 

Die neue Konfession wurde auch bald willkommener Grund, alte Wirtschafts- und Herrschaftsstreitigkeiten auf dem Feld des Glaubenskrieges wieder aufflammen zu lassen. Insbesondere im Dreissigjährigen Krieg, der wie eine Pest ganz Europa verseuchte und erstmals unter der Zivilbevölkerung zu  unermesslichen Gräueltaten führte und dort mehr Tote forderte als unter den Soldaten. Auch unsere Schweiz blieb nicht von Glaubenskriegen verschont. Zwingli fiel im zweiten Kappeler Krieg; in der Schlacht bei Villmergen gewannen die Katholischen die Mehrheit im  Bund. Erst im Sonderbundskrieg von 1847 gelang es General Dufour und den Tagsatzungstruppen, die katholischen Sezessionisten in  kurzen, heftigen, aber unblutigen Gefechten zu besiegen. Beide Seiten betrauerten nach den Auseinandersetzungen insgesamt 177 Tote! – Heute gehört die evangelisch reformierte Kirche zu den Staatskirchen der Schweiz und ist laizistisch: Nur bei der Steuereinnahmen ist der Staat in vielen Kantonen den Landeskirchen beim Eintreiben behilflich.

 

Glaube als Mäntelchen für Herrschaftsansprüche

Glaubenskriege gibt es bis heute, wenn auch die Religion nur ein Mäntelchen ist, das man über die wirklichen Ursachen der Auseinandersetzungen deckt. Religion, laut Karl Marx «Opium fürs Volk» ist halt immer noch ein toxisches Gemisch von Nationalismus, reaktionären Meinungen und aufgestautem Fremdenhass. Weder Christus noch Mohammed, weder aufgeklärte Päpste noch vernünftige Reformer wollten den Krieg. Aber immer noch gibt es in den Menschen selber dunkle Mächte, die den Krieg wie Clausewitz als «Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln» sehen wollen. Das hat nichts mit Religionen und Konfessionen zu tun.

 

Bilder und Legenden

Titelbild: Schlacht bei Kappel, Milchsuppe, von Albert Anker - "Von Anker bis Zünd, Die Kunst im jungen Bundesstaat 1848 - 1900", Kunsthaus Zürich, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5322708

Oben: Der grosse Flügelaltar aus der Kirche Sta. Maria in Calanca, heute im Historischen Museum in Basel in der Barfüsserkirche zu besichtigen. Von Adrian Michael - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11081004

Unten: Bild von der Schlacht von Villmergen, von Johann Franz Strickler - http://webcollection.landesmuseen.ch, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10981392