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21.02.2017 -- Fritz Vollenweider / wv

Vom personifizierten Bösen

Pointierter Streit mit dem literarisch personifizierten Bösen – eine starke Schweizer Erstaufführung im Berner Theater an der Effingerstrasse


„Der talentierte Mr. Ripley“ ist der lustvolle, elegante, wohlerzogene Mehrfachmörder, den die Autorin Patricia
Highsmith (1921 bis 1995) für ihren Roman mit diesem Titel erfunden hat. Erfunden? – Ja, darüber wird man sich nach dem Erlebnis mit der Schweizer Erstaufführung des Stücks von Joanna Murray-Smith vielleicht so seine Gedanken machen. Darum gerade scheint es der 1962 geborenen australischen Autorin ja zu gehen: Wie kommen gute Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu ihren starken Figuren?


Die Übersetzer John und Peter von Düffel haben dem Stück den deutschen Titel „Switzerland – Der Fall Patricia Highsmith“ gegeben; mit gutem Recht, denn nur „Switzerland“ (so der Originaltitel) wäre recht rätselhaft dahergekommen. Dabei geht es der Dramatikerin nicht darum, einen Abschnitt der Lebensgeschichte der weltberühmten, oft zu Unrecht auf eine Krimiautorin reduzierten Schriftstellerin zu dokumentieren. Vermutlich ist der Bezug zur Schweiz, wo die weltberühmte Amerikanerin in den Jahren 1981 bis 1995 im Tessin gelebt hat, im ursprünglich englischsprachigen Stück noch ein wenig pointierter als man ihn hierzulande als Schweizer in der deutschen Fassung erlebt. Wirksam sind jedoch noch genügend weitere spannende Verknüpfungen und Anspielungen im knapp zweistündigen verbalen Schlagabtausch der beiden Gegenspieler auf der Bühne.


Stefan Meiers Inszenierung im typischen Patricia Highsmith – Interieur von Peter Aeschbacher arbeitet mit durchgestalteter Rhythmik und Dynamik die rhetorischen Höhepunkte der Dialoge heraus – und diese Rhetorik ist mehr als nur bemerkenswert. Da explodiert ein Strauss von Beschimpfungen und gegenseitigen Hieben und Schmissen in der Kraft dieser Sprache, im Fall der Autorin von scheinbar tiefempfundener Abneigung gegen alles Störende und Neugierige geprägt. Die unzähligen Metaphern und wohlgedrechselten Formulierungen kommen wie Merksätze daher, und man bedauert, ihnen des Tempos wegen nicht gewissermassen nachhören zu können, um sie sich einzuprägen. Manche davon sind Binsenwahrheiten oder rhetorische Floskeln, doch immerhin leuchten nicht allzu selten auch Perlen von Formulierungskunst und Bedeutung auf.

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Von rechts: Wiebke Frost (Patricia Highsmith), Jeroen Engelsman (Edward Ridgeway)


Keine Frage: Was vor allem Wiebke Frost, aber auch ihr Partner, allein schon sprachlich leisten, zeugt von beinahe unglaublicher Konzentration und hohem Können. Was Wiebke Frost dazu noch an subtilen körpersprachlichen Akzenten setzt, begründet zusammen mit ihrer Sprechtechnik die starke theatralische Wirkung.


Es ist dennoch kein alltäglich einfaches Stück, dieser Dialog um den talentierten Mr. Ripley. Joanna Murray-Smith hat das Stück doppelbödig komponiert. Da ist am Anfang der sich zurückhaltend präsentierende, jedoch im Grunde impertinente Verlagsabgesandte Edward Ridgeway, der sicher ist, von der Autorin die Unterschrift unter den Vertrag für einen zweiten Roman mit dem allseits bei Leserinnen und Lesern beliebten, charmanten Killer Mr. Ripley zu erhalten. Warum aber weiss der so viel zu erzählen? Warum kann er der selbstbewusst wirkenden Schriftstellerin sozusagen mit seiner Variante einer denkbaren Mordsgeschichte weiter helfen, Anregungen geben, Handlungsstränge erfinden? Im Verlauf der Handlung scheint schon bald, als hätte der junge Mann selbst eine gewisse Ähnlichkeit mit der berühmten Highsmith’schen Romanfigur. Oder spielt er so etwas nur vor? Jedenfalls könnte man auf den Gedanken kommen, er sei eine Art Verkörperung des im Innern der Persönlichkeit der Autorin schlummernden Bösen. Weckt er mit seinem Sprechen, Erfinden, Berichten einen Teil von ihr selbst in Patricia Highsmith?


Wie die Autorin – und mit demselben Verdienst Stefan Meiers Inszenierung – diese zwiespältige Frage löst, ist wiederum auch nicht gradlinig und einfach. Was jedoch beeindruckt an diesem ganzen gar nicht kammerspielartigen Zweipersonenstück: Es regt zu fast grübelndem Nachdenken darüber an, was es mit sich bringt, wenn man Autor ist und mit seinen Hauptfiguren gewissermassen jongliert. Und was es mit allem Zwiespältigen auf sich hat, womit man zu ringen hat, auch wenn man nicht einmal so weit auseinanderliegende Charaktere wie Mörder und Opfer, sondern möglicherweise viel weniger weit auseinanderklaffende Persönlichkeiten miteinander schreibend in Beziehung bringt.

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Wiebke Frost, Jeroen Engelsman (im Hintergrund)


Alle Bilder: Severin Nowacki.


Aufführungen bis 17. März 2017


DAS THEATER an der Effingerstrasse