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26.02.2017 -- Fritz Vollenweider / wv

Meister der Mundart

Monologe von Ernst Burren, gelesen von Dieter Stoll


 

Das 'Kunst- und Kulturhaus vis-à-vis' in erweist sich als geeigneter Ort für eine solch stimmungsvolle Lesung von meisterhaften Mundart-Texten. Bis vor kurzem nannte sich der Keller noch Theater vis-à-vis. Er gehört zu den zahlreichen zu Theatern und anderen Begegnungsstätten ausgebauten Berner Altstadtkellern, die vor rund fünfzig Jahren einmal von jemandem „die Katakomben von Bern“ genannt worden sind. Jedes Mal, wenn ich an so einem Ort sitze, überfällt mich pure Nostalgie: Was waren das für geniale Zeiten in Berns Kultur-Unterwelt, als ich so 22 bis 30 Jahre alt war!

 Zwar durfte ich mich damals als Freund von Ernst Eggimann bezeichnen, dem 79 jährig im Jahr 2015 verstorbenen Sekundarlehrer von Langnau im Emmental, und hatte auch schon von Kurt Marti vernommen, dem am 11. Februar im Alter von 96 Jahren verstorbenen Theologen, Dichter und scharfsinnigen Kommentator des öffentlichen Lebens. Dass jedoch diese drei – Marti, Burren und Eggimann – gewissermassen die Erneuerer der literarischen Mundart waren, fern vom nostalgischen „Bluemete Trögli“ und eher wieder in der geistigen Nähe von Rudolf von Tavel (wenn auch deutlich anders schon von der Thematik her), das war mir, dem damals dem Bühnendeutsch näher stehenden jungen Naivling, gar nicht bewusst.

Burren, der am 20. November 1944 geborene Solothurner, schreibt auch in seiner Solothurner Mundart. Die Stärke seiner Sprache besteht im Hervorzaubern von Stimmungen, die man als ambivalent bezeichnen könnte. Die für Dieter Stolls Lesung ausgewählten zehn Texte sind besonders gute Beispiele dafür. Sie stammen aus insgesamt fünf Büchern, die in den Jahren 1979, 2006, 2010, 2012 und 2014 erschienen sind.

Ernst Burrens Stärke ist die Form des Monologs. Sie wirken ungemein stark, diese von Dieter Stoll gelesenen Monologe. Vordergründig reizen die meisten zum Lachen (irgendwo im Internet habe ich gelesen, dass sich eine Frau nachträglich beim Lesen dafür geschämt habe, dass sie lachen musste), aber ebenso, mehr oder weniger auffällig, und fast hintergründig, stimmen einige davon mindestens nachdenklich, oder sie bewegen einen gar durch unübersehbare tragische Elemente. Im letzten Monolog, „Wo si mer“ (aus „Blaui Blueme“, 2006) ist die Tragik zum Würgen stark.

Dieter Stoll, derselben Generation wie der Dichter angehörend (wenn auch ungefähr sechs Jahre älter) liest sprachlich beherrscht und auf selbstverständliche, natürliche Art meisterhaft. Man spürt seine jahrelange Erfahrung als Bühnen- und Filmschauspieler wie als Leser von Hörbüchern und auf dem Podium. Sparsam, aber geschickt das Eine oder Andere untermalend, sind seine Gesten; mit warmer, dynamisch sonorer Kraft klingt seine Stimme. Ernst Burrens Solothurner Mundart tönt fast berndeutsch. Doch so viele Formen des Berndeutschen gibt es, dass auch diese „gemässigte“ Solothurner Mundart fast noch als Berndeutsch wirken kann. Bevor jetzt die Solothurner aufbegehren: Erstens spricht man im Solothurnischen zum Beispiel im Gäu ja auch anders als in der Hauptstadt oder im Gebiet des Juras, und zweitens hat Dieter Stoll vielleicht Burrens Monologe doch eher in Berner statt in Solothurner Mundart gelesen. Was aber die Stimmung des ganzen Abends, und vor allem die Stimmung dieser sublimen Monologe, keinesfalls einschränkt.

Für seinen 2016 erschienenen Roman „Dr Chlaueputzer trinkt nume Orangschina“ hat Ernst Burren den Schweizer Literaturpreis 2017 bekommen, man weiss es. Die eindrucksvolle Lesung im Kunst- und Literaturhaus vis-à-vis, die eine so glanzvolle wie tiefgründige Aussagekraft und Stimmung der Sprache und der Vorstellungs- und Gestaltungskraft dieses Mundartdichters vermittelt, mag sehr wohl die Neugier auf sein jüngstes Werk wecken. Das 128 Seiten starke Buch liegt auf dem Tisch. Wenn es gelesen ist, wird man in diesem Schaufenster nächstens mehr davon erfahren.

Burren Chlaueputzer

Cosmos-Verlag Muri b. Bern, 2. Auflage 2017, ISBN 978-3-305-00418-8

Das Bild von Dieter Stoll hat er zur Verfügung gestellt,
das von Ernst Burren stammt vom Cosmos-Verlag (alle Rechte vorbehalten).