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09.03.2017 -- Maja Petzold / wv

Die verborgene Schönheit der Insekten

Zwei unterschiedliche Ausstellungen im Neuen Museum Biel: Libellen, gezeichnet von Paul-André Robert, und grossformatige Fotografien von Levon Biss


Die Schönheit der Insekten, ihre ausgefallenen Formen, ihre Farben bleiben uns in den meisten Fällen verborgen. Umso mehr beindrucken künstlerische oder wissenschaftlich geprägte Wiedergaben. Für mehrere Jahrhunderte war die wissenschaftliche Darstellung mit der Zeichen- und Malkunst gleichzusetzen. Denken wir nur an Maria Sibylla Merian, die vor mehr als dreihundert Jahren zum ersten Mal wagte, nicht nur Schmetterlinge, sondern auch deren Entwicklung als Raupen und Puppen darzustellen.

 

In dieser Tradition steht Paul-André Robert (1901 – 1977) mit seinem Libellenatlas "Odonta. Die Libellen der Schweiz", der bei seinem Erscheinen 1958 grosse Anerkennung erhielt. Das Neue Museum Biel zeigt gegenwärtig in einer Ausstellung Arbeiten dieses grossen Zeichners und Malers, der schon in seiner Jugend Libellen gezeichnet hatte und noch im Alter, nach dem Erscheinen des Buches, genaue Darstellungen von Libellenlarven anfertigte, die bis heute unveröffentlicht waren.Petzold Anax imperator

Paul-André Robert (1901-1977), Anax imperator, Grosse Königslibelle, Libelle ♂,
Aquarell und Bleistift auf Papier, 1922, Sammlung Robert, NMB Neues Museum Biel

Foto: Patrick Weyeneth, NMB


Das Neue Museum Biel ist für solche Ausstellungen prädestiniert, besitzt es doch die Sammlung der Familie Robert, einer Familie von Malern und Zeichnern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die vorwiegend in ihrer Heimat Biel und Seeland – bis hin nach Neuenburg – ebenso feine, differenzierte und ästhetisch schöne Landschaftsbilder, Darstellungen von Pflanzen, Vögeln und anderen Lebewesen geschaffen haben. Die Schreibende gesteht, dass sie jede Ausstellung dieser Maler gern besucht.

Petzold Frühe Adonislibelle

Paul-André Robert (1901-1977), Pyrrhosoma nymphula, Frühe Adonislibelle, Libellenpaar
beim Tandem im Habitat 3-fach vergrössert, undatiert (vor 1958), Sammlung Robert, NMB Neues Museum Biel

Foto: Patrick Weyeneth, NMB

 

"Zwischen zwei Welten" heisst die Präsentation von Larven- und Libellenzeichnungen und spielt darauf an, dass eine Libelle eine viel längere Lebenszeit als Larve im Wasser verbringt, ehe sie elegant und pfeilschnell übers Wasser fliegt, um einen Paarungspartner zu suchen und die befruchteten Eier an einem geeigneten Ort abzulegen.

Petzold Libellen Lebenszyklus F

Lebenszyklus einer Libelle, © GFF Integrative Kommunikation GmbH, Noëmi Sandmeier

 

Zugleich sind im Haus Schwab die Arbeiten von Levon Biss zu sehen, unter dem Titel "Microsculpture": Fotografien von Insekten im Format von 2x3 Meter. Zum ersten Mal wurden sie der Öffentlichkeit letztes Jahr im Oxford University Museum of Natural History gezeigt, woher die präparierten Insekten stammen.

Petzold K1024 Jewel Longhorn narrow

Levon Biss, Jewel Longhorn Beetle Sternotomis sp. (Coleoptera, Cerambycidae)
Bockkäfer (Familie) Nigeria

 

Lassen sich die Bilder der beiden unterschiedlich arbeitenden Künstler überhaupt vergleichen? Ja und Nein. Sowohl Paul-André Robert als auch Levon Biss haben das gleiche Ziel: ein Insekt in all seinen Besonderheiten und seiner Schönheit unseren Augen sichtbar zu machen. Der Bieler Künstler steht in der Tradition der wissenschaftlichen Zeichnung. Dazu muss man wissen, dass in Fachkreisen bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts wissenschaftliche, von Hand gefertigte Zeichnungen als präziser galten als Fotografien.

Petzold Onychogomphys.1

 Paul-André Robert (1901-1977), Grosse Zangenlibelle Larve ♂ 3-fach vergrössert,
Aquarell und Bleistift auf Papier, 1960

 

Auch in der Fotografie hatte man spätestens in den 1930er Jahren begonnen, Pflanzen, Blätter, Blüten u.a. exakt zu fotografieren. Erst die moderne Technik und die digitale Fotografie allerdings brachten den Wandel. Was heute mit diesen modernen Hilfsmitteln möglich ist, konnte man sich zu Roberts Zeiten noch gar nicht vorstellen. Wohlgemerkt: Auch ein Paul-André Robert zeichnete eine Libelle nicht einfach ab, er betonte mit feinen Strichen die besonderen Merkmale und vergrösserte eine Libellenlarve, damit man sie erkennen konnte.

 

Der Engländer Levon Biss, 1975 geboren, arbeitet für die Werbung, macht Portraitfotos, liebt die Sportfotografie, denn Bewegung dazustellen, findet er herausfordernd. In "Microsculpture" fotografiert er stille, unbewegte Objekte, konservierte Insekten. Jedes Bild entsteht aus ungefähr 8'000 Einzelfotografien, die übereinandergelegt und digital bearbeitet werden. Die Beleuchtung spielt dabei gleichfalls eine wichtige Rolle. So entfalten sich der Betrachterin die Komplexität der Oberfläche des Insekts und seine Schönheit.

Petzold K1024 Tricoloured

Levon Biss, Tricolored Jewel Beetle Belionota sumptuosa (Coleoptera, Buprestidae)
Prachtkäfer (Familie) Insel Seram, Indonesien

 

Zum Vergleich stehen in jedem Saal Kästen mit den originalgetreuen Kopien. Wer dort hineinschaut, bemerkt die Kleinheit der Insekten und stellt fest, dass vieles gar nicht sichtbar ist. James Hogan, Entomologe des Museums Oxford, hatte die Insekten ausgewählt. Ihm ging es vor allem darum zu zeigen, wie sich Insekten ihrem jeweiligen Lebensraum anpassen.

Petzold Orchid Cuckoo Bee Side View

Es lohnt sich, die im Museum installierte Videodemonstration anzuschauen. Dort erklärt der Fotograf selbst, wie er bei seiner Arbeit vorging: Er benutzte eine 36 Megapixel-Kamera, ein 200mm-Objektiv und zusätzlich ein Mikroskop mit zehnfacher Vergrösserung. Biss fotografierte jedes Insekt in circa dreissig Abschnitten – für den gesamten Prozess von Bearbeitung und Retuschen benötigte er pro Insekt ungefähr drei Wochen.

 

Levon Biss, Orchid Cuckoo Bee Exaerete frontalis (Hymenoptera, Apidae) Pracht- oder Orchideenbiene (Tribus) Brasilien

 

"Zwischen zwei Welten. Die Larven und Libellen von Paul-André Robert" wird noch bis 30. April 2017 gezeigt.
"Microsculpture. Levon Biss. Fotografien von Insekten" ist nur bis 16. April 2017 zu sehen.

Das Neue Museum Biel bietet als Beiprogramm einige attraktive Veranstaltungen an.

Der Fotograf Levon Biss wird am Donnerstag 23. März um 18 Uhr im Rahmen der Veranstaltung «Afterwork» durch die Ausstellung führen.

 

Bildquellen:

Sammlung Robert, NMB Neues Museum Biel. Foto: Patrick Weyeneth, NMB

 Alle anderen (auf schwarzem Hintergrund) aus der Pressemappe des NMB haben Copyright: © Levon Biss