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11.03.2017 -- Fritz Vollenweider / wv

Ernst Burrens „Chlaueputzer“

Vom „weiten Feld“ des Alltags erzählt ein preisgekrönter Mundartroman


War es der alte Briest in Theodor Fontanes berühmtem Roman, der immer wieder fand: „...Das ist ein weites Feld!...“? Jedenfalls stellt sich beim Lesen des schmalen Romans von Ernst Burren die Erinnerung an dieses geflügelte Wort ein.

Nicht etwa, weil „Dr Chlaueputzer trinkt nume Orangschina“, obschon eine Kleinbauernfamilie die Hauptrolle spielt, sich in der Beschreibung von Feldarbeit erschöpfen würde. Vielmehr ist dieser in mancher Hinsicht ausserordentliche Roman so vielschichtig und so weit führend, dass sich ganz einfach Staunen einstellt, wie viel ein Dichter in knappe, teils lakonische Erzählungen hinein zu weben vermag. Und das nicht in kunstvoll gedrechselter Schriftsprache wie gewohnt, sondern in Solothurner Mundart!

Ist das ein Roman, fragt man sich beim Lesen. Je nachdem, in welchem Nachschlagband man sucht, erfährt man mehr oder weniger ausführlich, jedenfalls aber kompliziert erläutert, was man unter „Roman“ in der Literaturwissenschaft verstehen soll. Ernst Burrens Werk, für das er den Schweizer Literaturpreis 2017 bekommen hat, ist mit Sicherheit einer der ausserordentlichsten Romane, die es gibt. Vorab liegt das schon an der Kürze des Textes; das Buch umfasst ganze 128 Seiten. Dann liegt es an der formalen Struktur: Sechs Personen erzählen abwechselnd aus ihrem Alltag, von ihren allgemeinen und besonderen Problemen, von allem, was ihr Erleben, Fühlen und Denken bewegt. Ihre Welt ist das Dorf, ist ihre Familie und ihr Kleinbauernbetrieb, dem die Nachkommen den Rücken kehren, und die Möglichkeit, durch Landverkauf ein sorgenfreies Leben zu führen, sich mit genügend Geld alles bisher Unerreichbare leisten zu können. Nicht zuletzt liegt es auch an der Art, wie sie erzählen, was da alles noch mitschwingt.

Darin erweist sich die grosse Meisterschaft Ernst Burrens, wie er dieser an sich kleinen Welt eine Erweiterung in weite Dimensionen des Lebens und des Weltverständnisses öffnet. Deshalb ist sein Werk ein Roman, weil im Kern der an sich lakonischen Berichte und Überlegungen von Vertretern dreier Generationen nicht etwa lediglich Probleme einer Kleinbauern-Grossfamilie auf dem Land stehen. Vielmehr erweisen sich die durch die Erzählungen evozierten Bilder als, ja eben, als „ein weites Feld“. Die ganze Weite des individuellen Lebens entwickelt sich im stimmungsvollen Hintergrund des bezugsreichen Umfelds von Raum und Zeit. Die Poesie des Alltäglichen wirkt und macht vor dem Abgründigen im Vordergründigen nicht Halt. Stark packen die hautnah von den erzählenden Personen erlittenen und oft mit Mühe bewältigten Umstände des Zeitenwechsels. Nicht nur die sechs zum Wort kommenden Menschen, vielmehr auch die, von denen berichtet wird, kommen auf gar nicht leichte, mühelose Art zurande mit diesen Wechselspielen des Lebens. Alle sind sie Teil derselben Familie. Auch die nahe stehenden Nachbarn gehören in mancher Hinsicht dazu.

Damit zurück zur schon früher angetönten „gedrechselten Sprache“. Ernst Burrens Diktion wirkt gerade dadurch, dass sie nichts Gedrechseltes an sich hat. Sie gestaltet vielmehr in der bekannten Art von Monologen, die Autors Stärke sind, wie man sich erinnert. Die Leute sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Inhalt wie Ausdruck sind auf die Persönlichkeit der Erzählenden zugeschnitten. Wie es Burren gelingt, daraus eine Familiengeschichte mit allen Spannungen und Problemen entstehen zu lassen, die trotz des fast reduziert erscheinenden Umfangs buchstäblich eine ganze Welt und eine ganze Epoche aufscheinen lässt, ist bewundernswert. Ein Lehrbeispiel dafür, wie Mundart nichts Idyllisches an sich haben muss, wenn sie literarisch umsichtig geschrieben wird. Und wie sie durchaus zum Roman werden kann, wenn man sie formal so überzeugend einsetzt. Sozusagen mit zwinkerndem Auge rundet der Autor zudem auch die grosse, die gesamte Form des Romans und entlässt die Leser ins leise Nachdenken über eine Welt, die zwar, spontan erlebt, eine dörflich kleine ist, aber dieselben Nöte und Freuden kennt, als wäre sie die ganz grosse Welt von gestern, heute und morgen.

Burren Ernst Foto Peter Friedli

Ernst Burren, Foto Peter Friedli

Ernst Burren im Cosmos-Verlag, Leseprobe