ICON-Link

07.04.2017 -- Fritz Vollenweider / wv

Psychoterroristische Zerreissproben

Im Theater Matte werden mit «Die Grönholm-Methode» Grenzfälle von Job-Assessment beklemmend vielseitig durchgespielt


Das Kammerspiel für vier Personen des Katalanen Jordi Calceran, 1964 geboren, trägt schon vor Spielbeginn einen Vorschuss an Hochspannung in sich. Man weiss ja, wenn man ins Theater geht, worum es so ungefähr gehen mag. Sieht man dann das kahl geweisselte Zimmer, den funktionalen Besprechungstisch mit vier Stühlen, modern, sachlich, kalt alles (Bühne: Fredi Stettler), so ahnt man so manches, keinesfalls jedoch alles.

Zum Glück ist so etwas für die meisten vorbei, die hier auf Seniorbern davon lesen. Bewerbungsgespräche mit anfänglich verblüffend kreativ daherkommenden Aufgaben und vorerst harmlos formulierten Fragen, die sich dann bald einmal als perfid, unverschämt und allzu intim herausstellen – alles nur, weil man dringend eine Arbeitsstelle benötigt? So weit hergeholt ist das immerhin leider nicht. «Der Mensch als Mittelpunkt»? – Bewahre: «Der Mensch als Mittel. Punkt.»

Das Theater Matte in Bern zeigt die vordergründig spielerisch-witzige Inszenierung von Oliver Stein in der Mundartfassung von Corinne Thalmann. Je später der Abend, umso hintergründiger, ja hinterhältiger wird die Situation für die Eingeschlossenen (wie bei Sartre, denkt man, «Huis Clos»). Die Frau und die drei Männer werden von Anweisungen aus einer versenkten Wandschublade in ihre beklemmenden, meistens etwas unter die Gürtellinie gezielten und entwürdigenden Angriffe und Blossstellungen gesteuert. So fensterlos, wie der Raum, so ausweglos ist ihre Lage, die sich zunehmend zuspitzt. Was durchaus auch an den immer neu sich bis zum Ende steigernden Varianten der faktischen und dramaturgischen Konstellation liegt.

Groenholm 7

Von links: Claudia Rippe, Fredi Stettler, Markus Maria Enggist, Adamo Guerriero

 

Die vier Personen auf der Bühne werden dem spannenden Spiel mehr als nur gerecht. Arroganz, Aggressivität, Verletzen und Verletztwerden, Aufbäumen und Einstecken, Vorspiegeln und Spiegelfechten – allem dem werden die Schauspielerin und die Schauspieler mehr als nur gerecht. Ihr Minenspiel, mit Verlegenheitsgesten und Imponiergehabe, mit einer zum einen Teil echten, zum anderen vorgetäuschten Selbstsicherheit, das alles drücken sie mit wandelbaren Elementen der Körpersprache aus. Dazu kommt eine situativ sich wandelnde Klangfarbe und Dynamik der Sprache. Alles trägt viel Kolorit zum Bühnengeschehen bei. Die beteiligten Angehörigen des gesamten Ensembles im Theater Matte bringen es fertig, der «Grönholm-Methode» vollumfänglich zu beängstigender, erschreckender und letztlich auch verblüffender Wirkung zu verhelfen. Hier auf der Bühne nur? – Wie steht es denn damit im harten Arbeitsmarkt von heute?

 

Alle Bilder: Hannes Zaugg-Graf (www.z-arts.ch)

Aufführungen bis 7. Mai 2017

http://www.theatermatte.ch/programm/saison-1617/groenholm-methode/