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20.04.2017 -- Erwin Weigand / wv

Staatsbesuche in alter und neuer Zeit

Aus der Reihe "Bärner Gschichte" von Erwin Weigand


Beim Stöbern in der Chronik des Konrad Justinger findet man allerlei Geschichten mit teils wahren und auch dazu gedichteten Begebenheiten. Diesmal soll über hohen Besuch in der Stadt Bern berichtet werden.

Man schrieb das Jahr 1414. In Bern war die neun Jahre zuvor abgebrannte Stadt bereits wieder aufgebaut und die Bürger gingen ihrem normalen Tagwerk in bernischem Gleichmut nach. Ringsum, in den umliegenden Ländern aber war es alles andere als ruhig. Die weltlichen und besonders die kirchlichen Machthaber lagen in unversöhnlichem Streit. Dazu ein kurzer Rückblick auf die Geschichte.

Nach dem Niedergang der Stauferherrschaft im 13. Jhdt. gewann Frankreich an Macht. Auch die Macht der Päpste in Rom war eingeschränkt durch Kardinäle französischer Herkunft. Deshalb gelang es mit der Wahl des Erzbischofs von Bordeaux, einen Franzosen als Clemens V. zum Papst zu wählen. Er wurde in Lyon gekrönt und bezog seinen Amtssitz in Avignon. Damit wurde das Papsttum zum Spielball französischer Machtansprüche und es verlor seine Autorität als überparteiliche Macht in Europa. Dieser von Korruption und Bevorzugung geprägte Zustand dauerte bis ins Jahr 1378. Auf Betreiben römischer Kirchenleute und besonders dem der später heiliggesprochenen Frauen Brigitta von Schweden und Katharina von Siena, zog Papst Gregor XI. endlich zurück nach Rom. Das gefiel jedoch den Franzosen nicht und sie wählten mit Clemens VII. einen Gegenpapst, das Schisma mit mehreren Gegenpäpsten begann. Erst ein in Pisa 1409 einberufenes Konzil mit vier Patriarchen, 22 Kardinälen und 80 Bischöfen, sollte dem unhaltbaren Zustand ein Ende setzen. Die beiden konkurrierenden Päpste Benedikt XII. in Avignon und Gregor XII. in Rom waren aber dort nicht erschienen und so wurden sie als überführte Schismatiker verurteilt und abgesetzt. Als Nachfolger wurde Alexander V. gewählt. Die beiden ehemaligen Päpste aber weigerten sich abzutreten, sodass es nunmehr – einzigartig in der gesamten Papstgeschichte – drei Päpste gleichzeitig gab, das Schisma wurde noch weiter verschlimmert. Durch den Stress überfordert starb Alexander bereits ein Jahr später Sein Nachfolger als Papst wurde sein vermeintlicher Mörder, Baldassare Cossa, ein ehemaliger Korsar, der sich als Papst den Namen Johannes XXIII. gab.

Als 1411 König Sigismund, der spätere Kaiser, sein Amt antrat, regierten also drei Päpste. Mit Gegenpapst Johannes XXIII. beschloss Sigismund ein erneutes Konzil, das Konzil von Konstanz, um endlich Ordnung zu schaffen.

Hier beginnt die Geschichte auch für die Schweiz interessant zu werden.

Kirchenmänner, Fürsten und Herrscher aus ganz Europa reisten nach Konstanz. Mit ihnen ein Tross von allerlei Begleitschaft. Ein Riesenbetrieb entstand am Bodensee, ein erster Anlauf des Schweizer Tourismusgeschäfts, das sich später zur Tourismusindustrie entwickeln sollte.

Staatsbesuch Richental Chronik

Der eine Papst reiste von Bologna über den Reschenpass und den Arlbergpass an, wobei ihm beim Umsturz seines Wagens ein recht derbes:„Hier liege ich in Teufels Namen!“ entwich. Er verlor dann beim Konzil auch noch seine Würde, indem ihm und den anderen beiden Gegenpäpsten die Funktion entzogen wurde. Gewählt wurde dann Kardinal Colonna als Papst Martin V.

Erst über fünfhundert Jahre später wagte es ein neuer Papst wieder den Namen Johannes zu wählen. Angelo Giuseppe Roncalli ,der „KonzilspapstJohannes XXIII. nahm nach seiner Wahl 1958 diesen Namen an, womit er einerseits dem Baldassare Cossa die Papstwürde aberkannte und andererseits sich ihm als Initiant eines neuen Konzils zur umfassenden Erneuerung der römisch katholischen Kirche gleichsetzte. Damit wäre auch die korrekte Nummerierung der Päpste geklärt.

König Sigismund war aus der Lombardei durchs Piemont zum Grafen von Savoyen gelangt und wollte noch in Aachen zum Rechten sehen, bevor auch er nach Konstanz zöge.

Den Bernern kam zu Ohren dass sich der König in Romont am Hof des Savoyers befände und so schickten sie erbar Botschaft mit einer offiziellen Einladung dahin und luden den küng und den herren von safoy gan bern.

Staatsbesuch Sigismund vor Bern

Inzwischen wurde in Bern geordnet und bestellt wie man den Küng empfangen sollte. Als dann am 3. Juli 1414 nach der Vesperzeit von Bümpliz her der Zug mit viel Fürsten und Herren herankam, ging man ihm entgegen mit dem crütz und mit aller pfaffheit und schulern, mit dem heltum und mit allen orden. Da waren geordnet bi fünfhundert junger knaben under sechszehen jaren; den hat man bereit des richs paner, und daz trug ein micheler knab, und die andren knaben hat jegklicher des richs adelar uf sinem houpt in einem tscheppellin gemalet in einem schilte uf papir. Die empfiengen dez ersten den küng und knüwoten all nider. Daz geviel dem küng gar wol und sprach zu den fürsten, die bi im ritten : da wachset uns ein nüwe welt. Darnach wart er empfangen mit. dem crütze, mit dem heltum von aller pfaffheit, mit dem lobsang so sunderlich darzu höret.

Danach empfingen den König der Schultheiss mit zweihundert Räten und das ganze Berner Volk stand beidseits der Gassen. Der Schultheiss bot ihm die Schlüssel der Stadttore, die der Küng aber zurückwies und sprach: „nempt die slüssel wider und hütent wol.

Nun war ein guldin Himmel an vier Stangen bereitet, getragen von vier Vennern. Unter diesem Baldachin wurde der hohe Gast auf seinem Ross zum Zytglogge geführt, begleitet vom Schultheiss und den Räten. Danach ging die Pfaffheit mit ihrem Heiligtum und den Schülern jeglich wieder in ihre Gotzhäuser. Den König aber führten sie zu den Predigern, denn das Rathaus war ja bekanntlich in keinem vorzeigbaren Zustand und das neue gerade erst geplant.

Im Predigerkloster aber war alles aufs Beste bestellt. ein kamer und sin bette mit guldinen und sidinen tüchern in der grossen stuben; die tische wol bereit, und die wende alle behengket mit kostberen tüchern, besunder hindrem tische , do der küng saz, an der wand ein guldin tuch. Also ass er nit me denn ein mal in der stuben, die andren male ass er in dem refentor, und allermenglich bi im, als vil do lüten gesitzen mochten an allen tischen inwendig und usswendig.

Staatsbesuch alle Sachen

Diese prächtigen Räume und Bauten hatten die Reformation heil überstanden. Über die Jahrhunderte aber verloren sie erstens ihren Zweck und zweitens litt der bauliche Zustand so, dass kurz vor 1900, beim Bau des Stadttheaters das Kloster abgebrochen wurde. Freskenreste hat man damals geborgen und Fotos der Wanddekorationen gemacht, sie sind im historischen Museum aufbewahrt. Die Maler waren die Berner Nelkenmeister, so sagen die Historiker.

Wie aber wurden die Gäste bewirtet, es waren immerhin auf des Königs Seite meh denn achthundert Pferit und auf des Grafen Teil meh denne sechshundert Pferit

Fast nicht zu glauben. Man stelle sich vor: –1400 Pferde, dazu Reiter und Knechte, Frauen und Mägde und alle wurden wohl verpflegt–. So schreibt der Chronist: Es waz ouch bestellet und geordenot umb win, umb brot, so umb fuoter, wa man daz vinden und nemen solte; fleisch, visch, spetzerie und ander ding, waz man bedorft dez hat man gnug, da waz kein gebrest. Nit allein der küng, sunder menglich hat. gnug, me ouch der graf von safoy und alle die sinen; und allen den, so zu dem küng dar komen, gap man gnug.

Man wollte auch das Silbergeschirr der Stadt auftischen, aber des Königs Hofmeister sprach: „Nein! stellt es nicht auf, es würde sonst gestohlen“. Also trank meniglich aus dünnen welschen Gläsern, der König, der Graf von Savoy und der Marquis von Montferrat, alle drei tranken aus einem Glas.

Drei Tage weilte der Hohe Besuch in Bern, dann ritt er gegen Mittag gen Solothurn, begleitet von der ehrbaren Berner Botschaft. Sie ritten gen Thal, das ist an der Worble in Ittigen und weiter auf der Reichsstrasse über Habstetten ins Krauchtal und Burgdorf nach Solothurn.

Als man danach die Kosten überschlug, für die zerung, den schmiden, den sattlern, bi den schönen frouwen im geslin, darzu daz man an barem gelte gap des künges amptlüten, nemlich sinen pfifiern,  trumpotern, türhütern, metzgern, köchen, daz bar gelt geburt sich in ein summe sechtzig schiltfranken und aller kost in ein summe gerechnet gebürte zwei thusent pfunt pfennigen. Der koste beturte nieman, won nachdem do der küng uf dem rine und vil andern stetten und landen gewesen waz , do rümde der küng  offenlich, daz im in keiner richstat me eren und wirdikeit nach aller ordnunge erbotten were, denne ze bern. Und daz ist kuntlich war.

Der Stadt Bern lag es schon damals sehr daran, ihren Ruf zu mehren, koste es was es wolle. Aber der Chronist klagt gleichwohl über die stark steigenden Kosten nach dem Königsbesuch, führt es aber mit auf das beginnende Konzil zurück weil da viele Herren und Pfaffen zu riten kämen. Die Teuerung währte angeblich fünf Jahre.

Staatsbesuch Papst Martin in Bern

In den folgenden Jahren war dann das Konzil und Bern schaute aus sicherer Entfernung zu. Papst Martin V. wurde gewählt, die Welt schien wieder in Ordnung zu sein. Der neue Oberhirte begab sich auf den Heimweg über Schaffhausen und Lenzburg, dort wurde er von der Berner Botschaft begrüsst und über Solothurn nach Bern begleitet Vorher hatte er sich versichert auch willkommen zu sein, was ihm garantiert wurde. Am 24. Maien 1418 erreichte der Papst mit seinem Gefolge die Stadt. Und wieder sparte man nicht an Aufwand. Mit Aller Geistlichkeit, dem Allerheiligsten und viel Volk ritt Martin auf weissem Rosse zur Lütkilche und danach zur Predigerkirche. Alle Sachen waren wohl bestellt und die Stadt schenkte ihm dazu einige Mengen Weinfässer, Ochsen und Schafe, Fisch und andere Dinge. Am Fronleichnamstag hielt dann der Papst selbst dort die Messe. Es waren mehr als zwanzig Kardinäle und Bischöfe dabei, auch liess man die Räte und ehrbare Leute im Chor sein. Viel Volk war draussen im Obstgarten und die Mette dauerte zwei Stunden. Danach stieg der Pontifex auf den Lettner und sang und gab von dort seinen Segen mit der Hand.

Für die reuigen schweren Sünder setzte er Penitentzier (Bussprediger) ein, die ihnen die Beichte hörten und Absolution erteilten. Totschläger, Meuchelmörder und sogar der Henker von Bern wurden absolviert und tat jederman sin buss in der kilchen und im crützgang nakent mit ruteschlägen, daz mengem alten rostigen Sünder notdürftig war.

Zwölf Tage hatten der Papst und alle fürstlichen, geistlichen und weltlichen Herren in Bern gutes Gemach, gute Herberg gute Stallung guten Kouf, dass sie alle guten Wirt lobten. Während diesen Tagen fingen die Aarefischer mehr als sechzig Salmen und die Jäger grosse Vorhennen was es noch niemals gegeben hatte. Nach einem letzten Amte mit seinen Prälaten in der Lütkilche schenkte der Papst noch eine schön köstlich, gülden mit seinem Wappen bestickte Chorkappe, gab dem Deutschen Hause und dem Volk seinen Segen und ritt von dannen. Auf einem weissen Ross mit einer Fahne ritt er gen Friburg und dann gen Genf. Dort hielt er wohl drei Monat Hof und alle waren sich gereuig schon so bald von Bern gezogen zu sein. Sie sprachen: ,,Non sumus Gebennis, sed Gehennis.“ (Wir sind nicht in Genf, sondern in der Hölle. – Wortspiel zwischen Gebennae, Genf, und Gehennae, Hölle.)

So waren damals Staatsbesuche. Manches gekrönte Haupt wird auch in der heutigen Zeit mit viel Ehre empfangen, allerdings werden jährlich höchstens zwei offiziell begrüsst.

Kaiser Wilhelm II

Sogar Kaiser waren hier: Willhelm II. von Preussen, 1912 anlässlich des Kaisermanövers, um sich von der Wehrbereitschaft an der Schweizer Westgrenze zu überzeugen. Sein Aufenthalt in Bern dauerte allerdings wetterbedingt nur sieben Stunden. Neben den obligaten Reden und dem Bankett im Bernerhof stand noch ein Besuch des Bärengrabens auf dem Programm. Daselbst kam es zu einem lustigen Zwischenfall, als ein Berner Gassenbub sich neben den Kaiser ans Geländer drängte. Der Kaiser gab dem Knaben das für den Bäremani bestimmte Rübli. Ein welscher Journalist meinte, die Bären hätten die Anbiederung des Potentaten verschmäht.

Staatsbesuch Kaiserbesuch 1912

 

Der Schah von Persien besuchte in den fünfziger Jahren Bern, ebenfalls der Tenno von Japan und die meisten Herrscher aus den Königshäusern der Welt, Staatsoberhäupter ohne Adel ausserdem. Dem chinesischen Präsidenten Jiang Zemin bereiteten Flüchtlinge vom Dach der Welt auf dem Dach der Bank mit Transparenten einen besonderen Gruss, was diesen sehr erzürnte und zu einer heftigen Reaktion gegen Frau Dreyfuss antrieb. Dank des Bergkristalls aus Ogis Hosensack konnte der Vorfall gütlich bereinigt werden. Dem Dalai Lama aber blieb die Ehre eines offiziellen Empfangs verwehrt.

Und zu guter Letzt sei noch der Besuch des greisen Papst Johannes Paul II. zum Jugendtag am 6. Juni 2004 erwähnt. Vor 70 000 Menschen unter freiem Himmel, feierte er auf der Berner Allmend einen Gottesdienst.

Staatsbesuch Papamobil

Das Papamobil war ein wesentlich sichereres Gefährt als das des am Arlberg verunfallten Gegenpapsts Johannes XXIII.

Abschliessend noch eine Betrachtung aus dem Jahr 1413. Da kamen gar viel frömde Vögel in dis Land und flogen so dick an Scharen, dass man kum durch die Luft sehen mocht. Sie flogen von der Gibeleg herus in den Forst und den Bremgarten, dass alle Böme glich voll sassen. Da sagten die Alten dass viel frömdes Volk komen wurde. Das geschah auch bald darauf wie berichtet. Die Vögel hatten aber keinen Schaden angerichtet, also auch das Volk und die Gäste, sondern sie waren wohl genossen, weil sie viel guter Guldinen hatten.

Bilder: aus Justinger und Konstanzer Richental Chronik, Berner Staatsarchiv und Wiki Commons, gemeinfrei

Es gibt noch so viel zu erzählen und wenn es recht ist, werde ich hier weitere Begebenheiten aus Bern beschreiben.

Bereits im Forum erschienene Bärner Gschichte sind hier verlinkt.

19.04.17, ew