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28.04.2017 -- WillY

Leben mit Hirn und Handy

Senioren im Web - WillYs Kolumne für "ensuite", Kulturzeitschrift, Mai 2017


 

Was haben alle Menschen gemeinsam? Richtig, einen Kopf; mit Augen, Ohren, Mund und Nase. Eine geniale Kombination von Wahrnehmungsorganen, die alle mit der Zentrale, dem Gehirn, verbunden sind und kommunizieren. Ja, ich weiss, da kommt noch die Haut dazu und noch ein Vielfaches an Sensoren und Organen im Innern des Körpers, die ihre Informationen senden. Eine geniale Erfindung, Schöpfung, Entwicklung oder wie Sie das nennen wollen.

Aber das Gehirn ist keine Maschine, die einfach läuft und läuft. Es ist äusserst störanfällig und fragil, trotz Velohelm. Wir werden alt, abgenützt, müde, vergesslich, krank, reparatur- und servicebedürftig. Da kommt uns heute die Technik wieder einmal mehr zu Hilfe. Wir haben es schon immer verstanden, das Leben angenehmer, sicherer, bequemer, schneller und leichter zu machen. Das Rad entlastete die Füsse, der Motor die Muskelkraft, der elektrische Strom ersetzte das Kohleschaufeln.

Ja und jetzt droht auch das Gehirn ersetzt, zumindest aber entlastet zu werden. Was tragen denn viele Menschen mit sich herum? Richtig, ein Handy. ES scheint ein Teil dieser ZeitgenossInnen zu sein. ES ist in ständiger Bereitschaft, meist in der Hand oder griffbereit. Da rufen sie ihre Informationen, Adressen, ihre Kontakte, den Standort und ihr Bankkonto ab, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Sie nehmen die Umwelt durch das Auge der Kamera wahr, suchen - wo auch immer sie sich befinden - das Gespräch mit Freunden und Bekannten; die reale Umwelt und die Menschen in der Nähe rücken dabei weit in die Ferne. Die Termine sind im elektronischen Kalender synchronisiert abgespeichert. Die Kommunikation hat ein kleines externes Gerät übernommen. Es scheint, ohne dieses Ding fehle der halbe Kopf, das halbe Hirn.

Das gibt mir zu Denken. Wir nennen diese Entwicklung Fortschritt. Unbestritten ist, dass die sogenannte Informations-Technologie (IT) in vielen Bereichen als nützlich und als Erleichterung bezeichnet werden kann. Ich geniesse es heute, keine Filme mehr für die Kamera kaufen zu müssen und die Bilder gleich selber entwickeln und gestalten zu können. Es ist auch sinnvoll, Fahrpläne, Telefon-, Adressbücher und Lexika nicht mehr periodisch in Papierform zu drucken, um nur ein paar Beispiele anzutippen. Aber unser altes Telefon wird bald seinen Dienst quittieren müssen. Wir werden gezwungen, alle Kommunikation über das Internet abzuwickeln und die Wohnung mit den Funksignalen aus der Antenne des sog. Routers voll zu stopfen.

Wie lange geht es, bis ein miniaturisiertes Gerät in unseren Kopf eingepflanzt wird und ferngesteuert seine Funktionen abgerufen werden können? Horrorvorstellungen wie es sich selbst Orwell (1984) nicht vorstellen konnte. Wie lange geht es, bis der letzte Mensch ohne Handy ausgestorben ist?

Ja, ich habe auch eins, aber die Nummer verrate ich nicht. Es ist selten eingeschaltet und dient nur für den Notfall. Aber Sie finden mich immer auf der Webseite für die ältere Generation unter

www.seniorbern.ch

Titelbild: Bernd Kasper  / pixelio.de