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07.05.2017 -- Maja Petzold / wv

Klänge und Formen

In der Ausstellung "Extended Compositions" Centre PasqART Biel / Bienne wird beides angesprochen


Kunst nehmen wir meist mit zwei Sinnen wahr, mit dem Auge die bildende Kunst, mit dem Ohr die Musik. In "Extended Compositions" wird beides angesprochen.

Den Begriff Komposition kennen wir seit alters her aus der Musik; seit der Moderne, seit Bilder und Skulpturen sich aus der puren Gegenständlichkeit erhoben haben, gibt es auch Bilder, die von ihren Schöpfern als Komposition verstanden werden sollen. In Biel zeigt das Museum PasquArt nun eine Ausstellung "Extended Compositions", in der beides miteinander verknüpft ist. Bildsequenzen werden zu Tonfolgen, die der Künstler daraus entwickelt hat, Bild und Ton verbinden sich zu einem Kunstwerk. Oder – dieses Vorgehen haben wohl auch schon die Konstruktivisten angewandt – Farben und Formen werden nach einer vorher geschaffenen "Partitur" auf die Leinwand gebracht, das Vorgehen von Silva Reichwein.

Petzold Silva Reichwein Telegon 32 1 und 2

Silva Reichwein:  Telegon 32 vol. 1 + 2, 2016. Öl auf Leinwand. Je 170 x 170 cm, Courtesy the artist. Foto: Julie Lovens

Dieser Zusammenklang von Farbe, Form und Ton ist nichts vollkommen Neues. Gibt es doch Menschen, die Farben sehen, wenn sie Klänge hören. Synästhesie heisst diese seltene und zuweilen belastende gleichzeitige Sinneswahrnehmung. Der russische Komponist Alexander Skrjabin besass diese Gabe und nutzte sie in seiner Kunst, dem Farbenklavier. Andere Künstler wie der bildende Künstler Hans Richter, der dem Dadaismus und dem Expressionismus nahestand, setzte sein Wissen über den Kontrapunkt in optische und filmische Formen um. Ein solches meditatives Video wird in der Eingangshalle des Museums gezeigt. Während man die nebeneinander oder nacheinander erscheinenden Formen sieht, meint man, dem Schöpfungsprozess eines Bildes zuschauen zu können. Der Titel "Rhythmus und Bewegung 21" deutet auf die Verbindung der beiden künstlerischen Ausdrucksformen hin.

Petzold Carsten Nicolai

Carsten Nicolai:  pionier I, 2011. Fallschirm, Windmaschine, schalldämpfende Platten, Zeitschaltuhr. Variable Dimensionen. Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig / Berlin and Pace Gallery. VG Bild-Kunst 2017

Eines der witzigsten und zugleich poetischsten Exponate ist eine Installation von Carsten Nicolai. Durch eine Windmaschine, die einen Höllenlärm macht, wird ein Fallschirm in die Luft gehoben, bis er sich voll bläht, dann stoppt die Maschine, und in der entstehenden Ruhe fällt der Schirm ganz allmählich in sich zusammen. Die Schönheit von Material und Form offenbaren sich dabei den Zuschauenden. Carsten Nicolai wurde 1965 geboren und lebt in Berlin und Chemnitz.

Das Konzept dieser Ausstellung wurde zuerst 2015 im Kunstquartier Bethanien / Berlin verwirklicht. Die Kuratorin Ellen Fellmann, selbst als Künstlerin an beiden Orten vertreten, hat die Schau im Museum PasquArt weitergeführt. Es ist eine reichhaltige Sammlung entstanden mit hierzulande wenig bekannten, aber auch berühmten Künstlern. Von Samuel Beckett sind zwei Videos zu sehen, eins schwarzweiss, das andere farbig, die dessen Theaterarbeit perfekt widerspiegeln. Mehrere in Kapuzenmäntel gehüllte Figuren laufen in wechselnden Richtungen auf einer begrenzten quadratischen Fläche herum – das Absurde ins Visuelle übertragen.

Petzold Samuel Beckett4

Samuel Beckett:  Quadrat II, 1982. Video, Farbe, mit Ton; 8’37’’; SWR

Von beängstigender Faszination ist Bill Violas Videoarbeit Chott el-Djerid. Der Untertitel dieser halbstündigen Aufnahme 'A Portrait of Heat and Light' drückt aus, was die Besuchenden sehen: Eine Reise über einen Salzsee in Tunesien. Hitze und Licht lassen den Eindruck totaler Irrealität entstehen – wie eine Fata Morgana, die Reisende in die Irre führt, ein häufiges Phänomen in der Wüste, das aber mit konventionellen Mitteln nicht einzufangen ist. Dem stellt Bill Viola Szenen aus der kanadischen Schneelandschaft gegenüber – die Wirkung, Horizont und Bezug zur Realität zu verlieren, ist die gleiche. Der 1951 geborene Künstler lebt in Kalifornien.

Petzold Bil Viola

Bill Viola: Chott el-Djerid (A Portrait in Light and Heat), 1979. Videoband, Farbe, mit Ton (mono) / 28’  Produced at WNET / Thirteen Television Laboratory, New York Foto /Photo: Kira Perov

Von Idris Khan, 1978 in London geboren, wo er auch lebt und arbeitet, ist eine ebenso reizvolle und vielschichtige Arbeit zu sehen: Auf drei dicke Glasplatten hat der Künstler kleine Schriftzeilen von künstlerischen Texten anderer Autoren in unterschiedlicher Länge aufgedruckt. Dadurch ist der ursprüngliche Charakter der Schrift, Information zu vermitteln, fast aufgehoben zugunsten einer neuen Verschmelzung in eine mehrdeutige Komposition.

Petzold Idris Khan

Idris Khan: Other People, 2016. Gestempeltes Glas, Aluminium. 156 x 140 cm. Sammlung Wemhöner

Das Privileg, den spektakulär grossen Raum des Museums, die Salle Poma, zu gestalten, erhielt Janet Cardiff. Sie hat vierzig Lautsprecher in einem grossen Kreis aufgestellt. Man kann um sie herumgehen oder sich in der Mitte auf eine Bank setzen. Zu sehen gibt es sonst nichts, zu hören ist eine Motette des englischen Komponisten Thomas Tallis aus dem Jahre 1556 in ihrer ganzen überirdischen Schönheit und Kraft. Nach dem Ende folgt eine wohlbemessene Pause – vollkommene Stille. Dann beginnen die Sänger, sich zu bewegen, leise miteinander zu schwatzen. Wenn einer hustet, meint man, es sei direkt hinter einem. – Ein würdiger Höhepunkt dieser grossen Schau.

Es ist sehr zu empfehlen, sich genug Zeit für den Besuch zu nehmen und eventuell eine Pause einzulegen. Die Kombination von Schauen und Hören fordert Konzentration. Zum Eintrittsticket erhält man eine hilfreiche, schön gestaltete Broschüre, die jedes Werk erläutert und kleine Hinweise auf die Künstler gibt.

11. Mai 2017, 19:30 – 22:00 Uhr  Vernissage "Kunstkommentar":
Eine Gruppe des Senioren-Cafés La Fabrik in Mett, Biel, reagiert in vier Treffen auf die Ausstellung.

Die Ausstellung im Centre PasqART Biel / Bienne dauert noch bis 11. Juni 2017.

 

Petzold Janet Cardiff

Janet Cardiff: The Forty Part Motet (A reworking of “Spem in Alium”, by Thomas Tallis 1556), 2001. 40 Lautsprecher, Verstärker, Playback Computer. 14’40’’. Courtesy: The Forty Part Motet by Janet Cardiff was originally produced by Field Art Projects with the Arts Council of England, the Salisbury Festival, BALTIC Gateshead, The New Art Gallery Walsall, and the NOW Festival Nottingham. Sung by Salisbury Cathedral Choir. Recording and Postproduction by SoundMoves. Edited by George Bures Miller. Produced by Field Art Projects.  Foto: Julie Lovens