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09.05.2017 -- Erwin Weigand / wv

Und sie bauten ein Münster

Aus der Reihe "Bärner Gschichte" von Erwin Weigand


Zugegeben, der Titel ist teilweise geklaut. David Macaulay beschrieb in seinem Kinderbuch "Sie bauten eine Kathedrale" anschaulich wie so ein mittelalterliches Monumentalbauwerk entstand. In Frankreich, Spanien und England waren bereits im 10. bis 12. Jahrhundert grosse und reich ausgestattete Domkirchen gebaut worden.

Bern die stolz aufstrebende Stadt, hatte neben den zwei Bettelordensklöstern nur eine sogenannte Leutkirche für die weltlichen Bürger. Zwar gab es schon in der Nydeggburg eine vom Zähringer Bärchtold gebaute Schlosskapelle, die Vorläuferin der Nydeggkirche, doch die war viel zu klein. Dazu gab es noch an der Abhangkante zur Aare, am Platz des Münsters, eine kleine Kirche. Die Berner mussten ursprünglich nach Köniz zu den Deutschherren, denn ihnen war Bern unterstellt. Der Fussweg von der Kreuzgasse zum Marzili und beim Sandrain hinauf ins Morillon, auf dem Kirchweg zur Kirche Köniz beträgt etwa sieben Kilometer, das ist in einer guten Stunde zu schaffen. Dieser Weg war den Bernern sehr beschwerlich, deshalb beantragten sie beim Bischof in Lausanne eine eigene Pfarrkirche. Das wurde 1232 genehmigt gegen jährliche Erkenntlichkeit zuhanden des Bischofs.

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Bauphasen der Leutkirche

Im gleichen Jahr noch begann man den Bau und war bald damit fertig. Es muss ein einfaches Bauwerk, ähnlich der Kirche von Amsoldingen gewesen sein, aber sie ward von Bischof WILHELMO von Lausannen selbst in Person geweicht zu Ehren ST:VINCENTII, DIACONI zu SARRAGOSSA, der unter DIOCLETIANO gemärteret worden. Zur Betreuung der Kirche wurde daneben ein Ordenshaus gebaut und den Teutsch-Ordens-Rittern übergeben um daselbst den Gottesdienst zu versehen. Der Leutpriester dieser Kirche zog 1339 mit dem "Fronleichnam" mit den Bürgern der Stadt in die Laupenschlacht.

3PlattformEckmauer

Am Fuss der hohen Mauer

Der Bauplatz nahe am Abhang war den Leute dann doch zu unsicher und so begann man gleichzeitig mit dem Bau einer Stützmauer. Eine vernünftige Überlegung, denn Anno 1356 ist ein Gewölb dieser Kirch durch ein Erdbeben, dem "Basler Erdbeben", eingefallen.

4Munster um 1742 1024x736

Die Münsterplattform um 1742

Anno 1334, am 6. Juli wurde unter Beisein des Leutpriesters Bruder Theobald Baselwind und einiger Notabeln der Grundstein zur heutigen Plattform gelegt und alle haben Geld beigesteuert. Das Fundament der Mauer war 8 Klafter breit (1 Klafter ist 6 Fuss ist 1,80 Meter, ist 14,40 Meter). Diese Kirchhofmauer wurde im heissen Pestsommer 1477 neu und grösser gemacht und alle Gesellschaften hatten daran unentgeltlich zu arbeiten.

Anno 1514 wurden die Grabstellen aufgehoben, es gab ja den neuen Friedhof am Klösterlistutz, man begann die Erker mit einem hohen Turmhelm zu bauen. die Fläche wurde aufgefüllt und eine Flanierzone mit schattigen Kastanienalleen eingerichtet.

Denkwürdig ist, dass am 25. Juli 1654 der Studiosus Theobald Weinzäpflin, der als armer papistischer Knab in Bern auf Kosten der Obrigkeit studierte, mit seinem blinden Pferd, welches andere Knaben gestäupet, dass es samt Reiter über die Mauer hinunter gestürzt ist bis an die Matten. Da ist er in einem Garten ins Kraut gefallen ohne Lebens Schaden, so dass er seine Studien fortsetzen konnte und Pfarrer in Kerzers wurde. Er starb ledigen Stands in ruhigem Alter Anno 1694. Die Besitzerin des Gartens aber forderte Ersatz für das verderbte Kraut. Noch heute kann man diese erstaunliche Geschichte auf einer Tafel an der Mauer nachlesen. Ob bei seinem Sturz Weinzäpflin in vollem Besitz seiner geistigen und körperlichen Sinneskraft war, kann man bezweifeln. Nomen est omen, vielleicht hatte er, wie es Studenten bekanntlich gerne tun, dem Weine zu viel zugesprochen und er war blau. Die gelbe Karte von seinen Schutzengeln war ihm ein deutlicher Fingerzeig für seinen künftigen Lebensweg.

5Tafel

Gedenktafel an der PLattformbrüstung

Erst 1778–1779 entstanden die heutigen Eckpavillons durch Niklaus Sprüngli. Ins Blickfeld der Öffentlichkeit geriet die Plattform, als man 1986 bei Sanierungsarbeiten den Skulpturenfund machte. Beim Bildersturm der Reformation hatte man die zerstörten Heiligenfiguren als Bauschutt zum Hinterfüllen der Mauer verwendet. Den Archäologen wäre ein unermessliches Tätigkeitsfeld eröffnet, würde man die aufgeschüttete Erde bis zum Grund abtragen – Gräber, Aufschüttung, wieder Gräber, Brandschutt, dann die Skulpturen – besser man lässt es ruhen.

 

Nun zurück zur Kirche

Als Anno 1414 der König Bern besuchte, war man beschämt über das recht dürftige Kirchlein. Für den König und sein Gefolge war nicht einmal die Predigerkirche gross genug. Als dann vier Jahre später auch noch der Papst selbst bei seiner Visite in Bern die Leutkirche beehrte, wurden die Berner rätig, sie müssten anstelle der kleinen, eine grosse, der Stadt würdige Kirche bauen. Papst Martinus hatte sie dazu angeregt und stifte auch gleich einige tüchtige Ablässe, mit deren Einkünften der Bau begonnen werden konnte. Im Jahr 1420 ward dies neue Kirchen Gebäu angefangen. Zum Baumeister riefen sie Meister Matthias (Heinzius) Ensinger herbei, den Sohn des berühmten Werkmeisters von Strassburg und Freiburg im Breisgau. Am 11. März 1421, am Gregoryenabend, verkündete der Lütpriester johans von thuno von der Kanzel dass am nächsten Tag nach der Frühmesse mit einer Prozession von ihm und dem Schultheiss ruodolf hofmeister der erste Stein gelegt werde.

6Grundstein

Sockelgeschoss an der Kirchgassseite

Sie legten den Grundstein an der äussersten Mauer gegen die Kirchgasse, bei der Hebammentüre, in der Mitte des Münsters und legten darauf drei Gulden, die der Werkmeister nach damaligem Brauch an sich nahm. So hatte der Baumeister einen Vorschuss für seine Arbeit. Die nötigen übrigen Gelder sollten durch Spenden aufgetrieben werden. Hier benutzte Konrad Justinger als Erster die Bezeichnung "Münster", das nebenbei.

7Baubeginn

Aus der Spiezer Chronik von Diepold Schilling. Der Baubeginn am Münster

 

Ensinger legte die Grundmauer um die bestehende Leutkirche herum und weiter gegen Westen an. Zehn Jahre später standen bereits die Seitenmauern und der Chor war begonnen. Der Bau gewann unter Beisteuer wohlhabender Familien und auch der gesamten Bürgerschaft an Höhe. Kapellen und mit ihnen der Unterhalt eigener Kapläne wurden gestiftet. Die Familien Diessbach, Ringoldingen und auch die Zünfte stifteten nicht nur für das Münster, sondern auch in allen Kirchen und Klöstern der Stadt beträchtliche Pfründe und Einkommen. Vinzenz Ensinger, der Sohn des ersten Baumeisters trug 1449-51 das Langhaus der alten Leutkirche ab und Stefan Hurder übernahm die Bauleitung von Matthäus Ensinger.

So war das entstehende Münster Anno 1453, am 14. August soweit gediehen, dass vom Bischof von Lausanne Georg von Saluce zwei Geistliche Herren, Weihbischof Franziskus de Fuste Bischof zu Granate und Abt Antonius de Albertis von Genf, beauftragt waren die neue Kirche zu visitieren. Sie wurden mit dem üblichen Brimborium von der ganzen Clerisey am oberen Tor empfangen und mit einer feierlichen Prozession zur neu erbauten Pfarrkirche geführt. Allwo sie das Volk ermahnten, den Seegen und Ablass erteilten und einer grossen Menge Kindern die Firmung gaben. Die Visitation am Morgen ergab, dass bereits 12 Altäre gestiftet, mit Einkünften versehen und mit Kelch, Kleidern, Büchern und allem wohl versehen waren. Es waren namentlich 1. der St. Catharina Altar, 2. Der Hl. Kreuz Altar, 3. St. Georg, Sebastian und Erasmus, 4. St. Josefs Altar, 5. St. Christoffels Altar, 6. Der 3 Königen Altar, 7. Der St. Georgii Altar, 8. Der Apostel Altar der aber wie auch die beiden vorher gemeldeten noch nicht mit Einkünften und Effekten versehen war, 9. Der St. Vintzenzen Altar, 10. Der St. Antoni Altar, 11. St. Nikolai Altar und 12. der St. Michaels Altar.

Immer noch stand inmitten der wachsenden Mauern die alte Kirche mit ihrem Turm, der etwa am östlichen Ende des Nordschiffs stand. Er wurde erst 1489 durch Erhart Küng abgebrochen.

8Vinzenz

St. Vinzenz als Ritter und St. Laurenzius, Standesscheibe im Kloster Wettingen.

Inzwischen machte man sich um die weitere Finanzierung des Projekts Sorgen und wurde sich bewusst dass nur eine heilbringende, wundertätige Reliquie das Berner Münster zu einer Wallfahrtsstätte machen und damit zu sprudelnden Einkünften verhelfen konnte. Anno 1463 schickte Bern eine Gesandtschaft nach Sarragossa um etwas Heiligtums von ihrem Stadtheiligen Vinzenz, der daselbst Diakon gewesen, zu erhalten. Sie kamen ohne Erfolg zurück. Im gleichen Jahr reiste Hans von Balm in Geschäften für Niklaus von Diessbach nach Köln. Er benutzte einen unbewachten Augenblick um den dorthin von Kaiser Carolus Magnus gebrachten Haupt-Schädel des Heiligen zu stehlen und umgehend nach Bern zu transportieren. In Bern war man hoch erfreut und fasste den Totenkopf mit Gold und Edelsteinen und brachte ihn in ansehnlicher Prozession in die Kirche. Das dazu verwendete Gold soll 500 Lot gewogen haben. Weil ihm dieser Streich so wohl gelungen war, reiste Balm nach Rom und brachte von dort stattliche Heiligtümer von den 10'000 Rittern mit sich, womit er abermals in Bern wohl empfangen wurde. Die Obrigkeit bot ihm dafür das Schultheissenamt zu Büren lebenslang an, weil er aber dazu nicht geschickt befunden, ward ihm eine Stadtschreiberei zu Thun und eine jährliche Pension zuerkannt.

Im Jahr 1465 geschah der Stadt Bern ihr, wie sie meinten, grösstes Unglück. Die goldene Monstranz samt dem Sakrament wurde von einem Priester gestohlen und verkauft, der die Tat aber erst auf seinem Totenbett gestand. In äusserster Bestürzung vermeinte das Volk, sie hätten ihren Herrgott verloren und es wurde als sonderliche Strafe vom Himmel angesehen. Alle Nachforschungen nach dem Verbleib des Heiligtums waren vergeblich, auch Folter an unschuldigen Personen brachte kein Ergebnis. So erliess man Gesetze wider alle Üppigkeit, Hurerei, Fluchen, Meineid, Karten- und Würfelspiele, auch gegen leichtfertige und kostbare Kleider und Schuhe mit langen Schnäbeln, in der Meinung damit den Zorn Gottes zu besänftigen. Weil aber der Adel sich dieser Kleiderordnung  nicht unterzog und meinte, es gebühre ihm mehr als den gemeinen Bürgern, entstand grosser Unwillen der bald zu Schaden der Stadt ausgeschlagen wäre. Diese Ordnung wurde von der Kanzel verlesen und bei Busse beschworen mit genauen Vorschriften über die erlaubte Länge und Grösse der Schmuckteile. Einige Frauen  hielten sich trotzdem nicht daran und wurden aus der Stadt verwiesen.

Anstatt der verlorenen Monstranz liess die Bürgerschaft eine weit köstlichere aus purem türkischem Gold verfertigen, 332 Lot schwer und mit kostbaren Edelsteinen besetzt. Man setzte als Wächter auf die Empore einen grossen hölzernen Christoffel, der von dort auf den St. Vinzenzen-Alter hinab sah um die Monstranz zu hüten.

Die Bauarbeiten zogen sich hin, von denen die bei der Grundsteinlegung dabei waren, lebten wahrscheinlich keine mehr. Zum Jubeljahr 1475 wurde vom Papst als besondere Gnade dem Berner Münster die Vergabe von Ablässen gewährt und die Bulle von der Kanzel verlesen. In einer Truhe bei Eingang hat man die Spenden gesammelt, verfügte Beichtgelder dazugelegt. Das gesammelte Geld wurde zuletzt unter den Beichtvätern verteilt aber ein guter Teil dem Kirchenbau gewidmet.

Der Chronist meint den beiden Weihbischöfen von Konstanz und Basel und anderen Fremden sei aus dem St. Vinzenzen Geld so viel ausbezahlt worden, dass sie wohl vergnügt von Bern abreisen konnten.

1477 traf ein gewaltiger Donnerschlag mit sichtbaren Flammen den alten Kirchturm und zündete den daran stehenden Liebfrauen-Bruderschafts-Altar an. Beim Löschen erlitt der Altschultheiss von Scharnachtal einen Schlag und war in der Folge halbseitig gelähmt. War es eine Aufforderung endlich das Alte abzureissen und weiter zu bauen? Es war noch immer kein Dach über den Mauern. Erhart Küng, der wohl bekannteste Werkmeister sollte das dann in den folgenden Jahren bewerkstelligen.

So geschahen allerlei Dinge um das grosse Bauwerk. Die Stadtbewohner lebten mit und von den Arbeiten an ihrer wachsenden Stadtpfarrkirche. Fast sechs Jahrhunderte sind seither vergangen und noch immer wird daran gebaut.

Wie es dann mit dem Berner Münster weiter ging, wird Thema der nächsten Geschichte.