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11.05.2017 -- Bernhard Schindler / wv

Streitbare Christen, Bärenbeschwichtiger und Drachentöter

Irische Mönche christianisierten das Bodenseegebiet und Columbanus reiste bis Italien


 

Am oberen Ende des Lago di Garda, rund 20 km vom See entfernt, ist bei Rovereto im Trentino eine auf das 11. Jahrhundert zurückgehende Eremitage zu besichtigen, die an einem fast senkrechten Felsen klebt und nur über einen steilen Fussweg betreten werden kann. Es ist das Eremo San Colombano di Tranbileno, wo in Höhlen an der Felswand eine erste Eremitage entstand, die mindestens seit dem 11. Jahrhundert aktenkundig ist.

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Imposant klebt die Eremitae am Felsen über dem Leno-Fluss (Foto: BS)

In der Barockzeit wurde die Klause zu einem Betraum in einer an den Felsen gebauten Kapelle umfunktioniert. Das Kirchlein ist jeweils an Wochenenden der Sommermonate zu besichtigen. Von der Strasse aus, auf der anderen Talseite der Leno-Schlucht, ist die putzige Anlage mitten im Felsen  gut zu sehen.

Mission von Columbanus, Gallus und anderer irischer Mönche

Der christliche Glaube verbreitete sich auch nach dem Konzil von Nizäa (325), als Kaiser Konstantin das Christentum als Staatsreligon festsetzte, nur zögerlich über die Ausläufer des ehemaligen römischen Reiches. Es waren insbesondere irische Mönche, welche Gallien /Frankreich und den Bodenseeraum zum neuen Glauben brachten. Columbanus, geboren 540 in Irland, war der Heilsbringer der gallo-römischen Landbevölkerung, die erst lang nach den gebildeteren Städtern zum Christentum fanden.

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Bildnis des Columbanus, zusammen mit dem Zug seiner Jünger

Er umgab sich wie einst Jesus mit 12 Jüngern, von denen der Bekannteste der zehn  Jahre jüngere Gallus war, der vermutlich als Sohn eines Iren im Elsass geboren wurde. Der Auftrag der heiligen Iren war die Missionierung Europas, die ja erst durch Kaiser Karl den Grossen mit der Unterwerfung der heidnischen Sachsen (u, 800 n. Chr.) beendet wurde.

Die später vom Volk als Heilige verehrten Missionare waren keineswegs friedliche Glaubensbrüder. Columbanus legte sich mit Fürsten und Bischöfen an. In Bregenz wo sich das Volk nicht christianisieren lassen wollte, liess er die Statue eines der Hauptgötter der Germanen in den Bodensee werfen. Der Bischof verübelte ihm, dass er sich nicht der klerikalen Hierarchie unterwerfen wollte. Columbanus hatte einen fürstlichen  Gönner, mit dem er sich allerdings später auch überwarf, als er dessen uneheliche Kinder nicht segnen wollte.

Streit unter Christen

Auch mit seinem Schüler Gallus hatte es der streitbare Missionar nicht leicht. Dieser trennte sich am Bodensee von Columbanus und gründete das Kloster, das seinen Namen trägt: Sankt Gallen. Columbanus verbot Gallus, seine Lehren zu verkünden. Erst nach dem Tod von Columbanus sollte er wieder frei reden dürfen. Angeblich begann Gallus seine erneute Lehrtätigkeit am Todestag des unterdessen nach Italien weiter gewanderten Missionars, von dem er aber erst Wochen später erfahren haben konnte.

Columbanus und seine nach seinen Mönchsregeln aufgebaute Organisation (etwa gleichzeitig wie die Regeln des Heiligen Benedikt von Nursia) soll in den nächsten Dezennien und Jahrhunderten in Italien und Gallien rund 300 Klöster gegründet haben. Die Eremitage von Rovereto ist somit ein spätes Überbleibsel einer Erfolgsgeschichte des Glaubens, die ihresgleichen suchen kann.

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Columbanus starb 615 in seinem italienischen Stammkloster bei Boppio in der Provinz Piacenza in der Emilia-Romania, das von langobardischen Fürsten gestiftet worden war. Auch dieses Kloster ist eng mit gewaltigen Felsmassiven verbunden. Columbanus, Ordensgründer, dessen  Lehren noch vor jenen des Heiligen Benedikt weit verbreitet wurden, war Briefpartner von  Päpsten und Gesprächspartner der geistigen und herrschaftlichen Eliten der noch tief im Mittealter verhafteten europäischen Welt. Sein Schüler und Widerpart Gallus starb erst 25 Jahre später. In der Legende leben beide weiter als Bärenbeschwichtiger (Gallus soll in der nach ihm genannten Region von einem wilden Bären überfallen worden sein, den er mit Brot fütterte und ihm gut zu redete, dass er niemals wieder hier auftauchte. – Columbanus aber soll gar einen Drachen getötet haben, zu dessen Leibspeise frische  junge Mädchen gehörten, was den Wandermönch empörte).

Eremitage San Colombano

Die Eremitage San Colombano in Trambileno wurzelt auf den Höhlen im Fels, die nachweisbar schon ab 753 von einem Eremit bewohnt wurden, der vermutlich aus dem Kloster Columbans in Boppio stammte. Ende des 10. Jahrhunderts wurde am Grotteneingang unter einem Felsendach ein Kirchlein eingerichtet, das den folgenden Eremiten bis 1782 als Klause diente. In Fresken in der Kirche wird vom Kampf Columbans mit dem Drachen berichtet. Zahlreiche Votivgaben zeugen von regem Pilgerbesuch. Die Autonome  Provinz Trient hat 1996 Restaurierungsarbeiten durchführen lassen. Heute erstrahlt das architektonische «Wunder» in neuem Glanz. Jedes Jahr zu Weihnachten wird ein beeindruckender Fackelzug mit anschliessender Messe organisiert.