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16.05.2017 -- Maja Petzold / wv

Von den Wissenschaften inspiriert

Die Naturwissenschaften faszinierten Friedrich Dürrenmatt seit seiner Jugend. Viele seiner Werke zeugen davon. Das Centre Dürrenmatt widmet diesem Aspekt eine Ausstellung


 

Ein schmales Strässchen zwischen der Stadt Neuenburg und bewaldeten Jurahöhen führt am verwunschenen Botanischen Garten vorbei, bis die Besucherin vor dem letzten Wohnsitz des berühmten Schweizers steht und in den von Mario Botta angebauten Museumsteil tritt. Zuerst überwältigt der Weitblick. Sogar bei schlechter Sicht, wenn die Alpengipfel von Wolken verhangen sind, wirkt dieser weite Horizont befreiend, er öffnet den Geist.

 

Dürrenmatt

Philipp Keel, Friedrich Dürrenmatt in seiner Bibliothek in Neuchâtel, 1990, Fotografie,  © Philipp Keel

 

"Das Weltall, die Mathematik, die Physik sind meine Träume."

Zur Ausstellung gelangt man, indem man Stockwerk für Stockwerk in die Tiefe steigt. Die Ebene der wechselnden Ausstellungen befindet sich auf der untersten Etage. Dort deutet nur eine hohe Maueröffnung darauf hin, dass wir uns noch nicht unter der Erde befinden. Dieser "Sehschlitz" wird von einer beeindruckenden übergrossen Fotografie verdeckt, ein Bild aus dem Weltall, eine bearbeitete Aufnahme des Hubble-Teleskops – ein Geschenk an Dürrenmatt, den Bewunderer der Astronomie.

 

Dürrenmatt Turmbau

Friedrich Dürrenmatt, Turmbau I, 1952, Tusche (Feder) auf Papier, 41,3 × 29,2 cm,
Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel,
© CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft

 

In der Ausstellung werden zahlreiche Werke, Beispiele seiner schriftstellerischen sowie seiner malerischen Arbeiten präsentiert, ausserdem Fotografien und Objekte – beindruckend sind insbesondere sein Originalteleskop sowie sein imposanter Globus; alles Beispiele, wie intensiv sich Dürrenmatt von den verschiedenen Wissenschaften fesseln liess.

Seit seiner Kindheit hat sich Dürrenmatt auch von Science­Fiction­Literatur inspirieren lassen; er ist nicht der einzige, der sich von Jules Verne fesseln liess. In seinen eigenen imaginären Welten hat er später oft bekannte wissenschaftliche bzw. technische Möglichkeiten mit phantastischen Spekulationen verknüpft. Im 1955 geschaffenen Hörspiel "Das Unternehmen der Wega", das im Jahr 2255 unmittelbar vor dem Ausbruch eines Dritten Weltkrieges spielt, nimmt Dürrenmatt solche Science-Fiction-Elemente auf.

 Dürrenmatt Meteor

Friedrich Dürrenmatt, Unheilvoller Meteor, 1980, Gouache auf Karton, 71,5 × 102 cm,
Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel, 
© CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft

 

"Meine Freiheit als Künstler besteht darin, dass ich mit der Welt spielen kann."

Die Ausstellung trägt auf Deutsch den Titel: "Friedrich Dürrenmatt – Phantasie der Wissenschaften", auf Französisch: "l'imaginaire des sciences" – in diesem Spannungsfeld zwischen der Fantasie, die den Künstler auch dann leitet, wenn er sich mit (Natur-)Wissenschaften beschäftigt, und dem Gedankenpotential, das in jeder Wissenschaft steckt, von dem sich Dürrenmatt inspirieren liess.

"Das Wissen ist eine dünne Eisschicht über dem kochenden Abgrund des Glaubens."

Es gibt nur wenige Künstler und Schriftsteller, die sich wie Friedrich Dürrenmatt zeitlebens leidenschaftlich für die Wissenschaften interessiert haben. Die Ausstellung nimmt in ihrer Gliederung das breite Spektrum von Themen auf, die ihren Widerhall in Dürrenmatts Arbeiten gefunden haben: Astronomie, Raumfahrt, Quantenphysik, Evolutionstheorien, Biotechnologie, Medizin und künstliche Intelligenz.

 

Dürrenmatt Physiker II

Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker II (Weltraumpsalm), 1973, Mischtechnik auf Karton, 102,5 × 71 cm, 
Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel,  © CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft

 

"Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat."

Nach der Entdeckung der Kernspaltung und dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im Jahr 1945 regte ihn die apokalyptische Angst einer alleszerstörenden Katastrophe zu einer Vielzahl literarischer Fiktionen an. In seinem Stück "Die Physiker", 1962 in Zürich uraufgeführt, thematisiert Dürrenmatt die Verantwortung der Physiker bei der Erfindung der Atombombe. Das Stück wurde schnell ein internationaler Erfolg, da darin die brennenden Fragen seiner Zeit aufgegriffen wurden. Als die Schweiz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ebenfalls eine eigene Atombombe bauen wollte, drückte Dürrenmatt seine Skepsis in einigen sarkastischen Karikaturen aus.

 

Dürrenmatt Zorniger Schweizer

Friedrich Dürrenmatt, Zorniger Schweizer Atombombe werfend I, Kugelschreiber auf Papier, 20,9 × 14,4 cm,
Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel  © CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft

 

"Der Computer ist eine Erweiterung des Gehirns."

Daneben hat sich Friedrich Dürrenmatt in seinem literarischen Werk wiederholt auch mit der Entwicklung der Computertechnologie und der künstlichen Intelligenz auseinandergesetzt. Im Gedicht "Elektronische Hirne" (1958) warnt er davor, dass die immer grössere Abhängigkeit von der Technik schliesslich zur Selbstversklavung des Menschen führen wird. Gleichzeitig sah er in den Computern ein nützliches Werkzeug im Sinne einer Erweiterung menschlichen Arbeitens.

"Der Weltraumflug hat nur einen Sinn, wenn wir durch ihn die Erde entdecken und damit uns selber."

Dürrenmatt hatte Gelegenheit, im Neuenburger Jura eine Besamungstation für Viehzucht zu besichtigen, was ihn anregte, über die ethischen Folgen dieser Reproduktionstechnologien auf den Menschen nachzudenken. In Dürrenmatts kreativem Denken überschneiden sich dabei diese technisch-sterilen Formen der Biotechnologie mit dem Mythos des Minotaurus. Dies ein weiterer Aspekt des vielseitigen Künstlers: Sein Interesse galt neben neusten Erkenntnissen ebenso der griechischen Mythologie. Für das aufschlussreiche Interview, "Porträt eines Planeten", 1984 aufgenommen von Charlotte Kerr, Dürrenmatts zweite Ehefrau, sollte man sich etwas Zeit nehmen.

Die Ausstellung macht darauf aufmerksam, wie vielseitig der Künstler Dürrenmatt war, nicht nur als Schriftsteller und Dichter oder als kritischer Zeitgenosse, sondern auch als Maler, Zeichner und Karikaturist.

Die Ausstellung im Centre Dürrenmatt Neuchâtel dauert noch bis 10. September 2017.

Veranstaltungen (teilweise auf Französisch) siehe

http://www.bundesmuseen.ch/cdn/00123/index.html?lang=de