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29.05.2017 -- Erwin Weigand / wv

Der steinerne Turmhelm (Münsterbau III. Teil)

Aus der Reihe "Bärner Gschichte" von Erwin Weigand


 

Im wiederaufgekommenen Selbstbewusstsein des ausgehenden 19. Jahrhunderts besannen sich verschiedene Städte auf ihre ererbten, unvollendeten oder gar zerfallenden Dome und Kirchen.

In Köln und in Ulm wurde an den Türmen gebaut. Beeinflusst vom französischen Historiker und Architekten Viollet-le-Duc wurden die alten Bauhütten wiedererweckt. In Köln hatte man die alten Planrisse für die Türme des Doms gefunden und baute mit preussischer Perfektion nach was in alter Zeit nicht gelang. Nach dem Plan des einzig erhaltenen mittelalterlichen Turms des Münsters von Freiburg im Breisgau sollte auch das Berner Münster, so wie es Ensinger geplant hatte, einen Spitzhelm erhalten. Von 1881 bis 1887 war in diversen Vorstudien die Machbarkeit überprüft worden. Der Turm wurde vermessen, Pläne gezeichnet und ein Modell gebaut. Dann wurden Proben über die Bruchfestigkeit des Materials und der Tragfähigkeit der unteren Bauteile angestellt und schliesslich ein Teil der Fundamente freigelegt.

 

Mühsame Planungsphase

Sachverständige, in- und ausländische Fachleute und in Monumentalbauten erfahrene ausländische Experten, hatten die Möglichkeit ihre Meinungen vorzubringen. Die sieben bernischen Experten gaben in ihren Berechnungen zufolge ein ungünstiges Urteil ab. Die zwei südlichen Pfeiler seien zu schwach konstruiert, auch eine Verstärkung der oberen Partien brächte nichts, also sei von einem Weiterbau abzuraten.

Im Sinne des 1881 gegründeten Münsterbauvereins war das nicht, sie riefen den Oberbaurat JOSEF v. EGLE aus Stuttgart zur Vernehmlassung. Dieser fand die Berechnungen grundsätzlich richtig, aber er ging bei seinen weiteren Berechnungen von Vergleichen mit bestehenden Turmbauten französischer Kathedralen aus. Die Belastung des viereckigen Turmteils auf die Fundamente rühre von den dicken Mauern her, sei aber nicht "unerhört". Alle übrigen Turmteile seien mehr als stark genug um eine Turmvollendung unbedenklich zu ertragen. Verstärkungen seien aber unumgänglich, könnten sich aber auf eine ringförmige Quaderverspannung im Grundmauerbereich sowie Verstärkung der Bögen beschränken. In Ulm werde zu der Zeit gerade nach dieser Methode erfolgreich gebaut, erklärte Herr von Egle. Allerdings müsse in grösster Sorgfalt und unter wachsamer Kontrolle gearbeitet werden, wenn dies geschähe so sei der Ausbau gesichert. Die Kosten berechnete von Egle inkl. Verstärkung auf 600'000 bis 700'000 Franken.

Jetzt hatten die Berner Münsterbaulustigen zwei sich widersprechende Meinungen, was nach einer dritten verlangte. Sie reagierten richtig, sie riefen Professor AUGUST v. BEYER aus Ulm für ein weiteres Gutachten. Beyer war der Techniker, der den Turmausbau in Ulm unter ähnlichen Umständen übernommen hatte, ein Mann reich an Erfahrung. Am 4. Mai 1885 fand sich Prof. Beyer in Bern ein und liess zunächst die Fundamente der südöstlichen Pfeiler erneut freilegen. Der Befund vom 8. Mai lautete wesentlich günstiger, man entdeckte keinen Abbruchschutt, hingegen ein gehörig konstruiertes Fundament mit Sandsteinquadern von ziemlich guter Qualität. Daraus schloss er, dass die Verhältnisse in Bern viel günstiger lägen als in Ulm und erklärte, dass der Ausbau des Turms auf Grund des Egle'schen Gutachtens und seiner Verstärkungen in Ruhe unternommen werden könne.

Jetzt aber traten weitere Hindernisse auf: Wer soll das bezahlen, wie kann die Kirche während der Bauzeit gebraucht werden und muss das überhaupt so teuer werden?

Der nimmermüde Initiator Prof. FERDINAND VETTER aber trat der lähmenden Entmutigung entgegen. Eine von ihm ins Leben gerufene Münsterausstellung im Kunstmuseum brachte dem Verein zahlreiche neue Mitglieder. Jedoch das Publikum, die kostenfürchtenden Bürger, war nicht zu überzeugen.

Ein reduzierter Entwurf mit einem kuppelartigen Aufbau aus Metall des Architekten LUDWIG HEBLER für nur 100'000 Franken musste beraten werden und wurde mit allem Für und Wider schlussendlich auf einen Kostenaufwand von 192'00 Franken veranschlagt.

Der um seine Meinung befragte Zürcher Professor RAHN würdigte einerseits die künstlerische Auffassung des Projekts, äusserte sich aber andererseits dahin, dass nichts fataler sei als ein monumentaler Notbehelf, lieber alles beim Alten lassen. Dieses bedeutsame Unternehmen sei nur mit einem durchbrochenen Steinhelm erfolgreich zum Ziel zu bringen. Er würde die Lösung Beyers wählen.

Weiter Entwürfe anderer Architekten, unter anderen eines des Experten und Leiter der vorhergehenden Restaurationen Herrn Architekt EUGEN STETTLER, lagen mit gegensätzlichen Projekten vor und mussten begutachtet werden.

Muenster Rathaus

Ausblick von der oberen Turmplattform zum Rathaus

 

Baubewilligung

Jetzt war das Bauamt der Stadt Bern am Zug. Die voraussichtlichen Kosten und auch die Belastungswerte des Projekts Stettler wurden erhöht. Auch die Entlastungen des Beyer Projekts wurden revidiert und schliesslich mit dem niederschmetternde Verdikt befunden:

"Der Ausbau des Münsterthurmes, gleichviel in welchem Maasse, ob die Erhöhung vier oder vierzig Meter beträgt, ist ohne umfassende Verstärkung des Unterbaues nicht möglich und wird von der Gemeindebehörde, welche die Verantwortlichkeit für die gehörige Instandhaltung des Monuments trägt, nicht zugegeben."

Nach sieben Jahren Mühe und Arbeit, war diese nüchterne, kühl ablehnende Behördenentscheidung erneut entmutigend. Das Komitee wollte zurücktreten und der Hauptversammlung die Auflösung des Vereins nahelegen. Harte Worte. Sein oder Nichtsein. Aufgeben des Projekts oder Wiederaufnahme des ursprünglichen Plans mit stilgerechter Vollendung des Turms. Sie, die Vereinsmitglieder, entschieden sich einstimmig für das Letztere. An der Hauptversammlung vom 24. November 1887 wurde der Ausbau nach Vorgaben der Behörden und den Plänen von Egle und Beyer beschlossen. Ein gewichtiges Wort hatte der Kirchmeyer KARL HOWALD inne, der sich unermüdlich für das Gelingen des Werks einsetzte.

Nun galt es vorwärts zu schauen. Das hiess den Blick auf Ulm richten, denn noch hatte der Baumeister dort den Münsterturm nicht fertig gebaut und Bern musste geduldig warten bis Professor Beyer (Bild unten) Zeit hatte Berns Münsterturm zu planen.

Muenster Beyer

Am unteren Kranz des Turmoktogons sind die wichtigsten Vertreter des Turmausbaus als Konsolenträger in Stein gehauen

 

Muenster Affe

Der Affe, Zunftzeichen der Steinhauer

 

Muenster Ensinger

Meister Ensinger rechts, Konsolenträger im rechten Seitenportal

 

Aber dann war es vorbei mit der sprichwörtlichen Berner Bedachtsamkeit. Mit AUGUST MÜLLER als bauleitenden Architekten und dem Ulmer August v. Beyer lag die Aufgabe in guten Händen. Die Bauhütte am Langmauerweg wurde reaktiviert, der Steinbruch am Gurten bekam Arbeit und Handwerker wurden eingestellt.

Muenster Steinbruch

Den Steinbruch am Gurten hat die Münsterbauhütte einem ehemaligen Mitarbeiter übertragen.

 

Wegen seiner besonders guten Qualität bezog Beyer für die freiliegenden Teile wie schon in Ulm, Sandstein aus Obernkirchen in Norddeutschland. Aus Ulm brachte Beyer auch seinen bewährten Maurerpolier GEORG SALCHER mit Am 25 Juli 1889 war das erste Werkstück gehauen, am 14. August begannen die Bauarbeiten.

Muenster Aufzug

Wie damals wird noch heute von der Plattform her mit Aufzügen und Bauliften gearbeitet

 

Muenster Orgel

Wegen den eingemauerten Verstärkungen ist die grosse Orgel nicht mehr in ganzer Breite sichtbar.

 

Bis zum 30. Juli waren die Konterbögen als Verstärkungen der Turmfundamente und die sieben Verstärkungsbögen vom östlichen Turmpfeilerpaar eingebaut. Am 25. September 1891 versetzt man das erste Werkstück zum Obergeschoß des Achtecks, am 3. Oktober des folgenden Jahres jenes zum Helm.

Die Minimalzahl der beteiligten Arbeiter war im Winter/Sommer folgende: Steinmetzpolier 1/1, Steinmetzen 16/30, Steinmetzlehrling 1/1, Maurerpolier 1/1, Maurer 3/ 2, Handlanger 4/17, Bildhauer 1/11, Schmiede 2/2, macht total 29/65.

Die Kreuzblume mit dem Schlussstein wurde am 25. November 1893 aufgesetzt, durch einen Ulmer, wie 470 Jahre vorher schon der Grundstein mit Matthäus Ensinger. 100 Meter über dem Baugrund waren erreicht, nach nur vierjähriger Bauzeit notabene.

Muenster Plattform

 

Muensterturm 2016

Münsterturm 2016

 

Bern kann stolz sein auf seine Leutkirche, seiner Stadt-Pfarrkirche, dem BERNER MÜNSTER. Seit der Stadtgründung durch Ritter Berchtold steht an diesem Platz ein Gotteshaus und allein durch die Bürger wurde es über alle Jahre weitergebaut und erhalten. Hohe und höchste Persönlichkeiten haben es unterstützt und finanziert, Werkmeister und Architekten von Rang und Namen haben daran geplant und gebaut, Handwerker ohne Zahl, vom Steinbrecher über den Glockengiesser bis zum Goldschmied, haben ihre beste Kunst angewendet für ein Werk das lange nach ihrem Tod weiterbesteht. Sie haben damit nicht nur ihr Leben unterhalten, sie sicherten sich ein anhaltendes Gedenken und vielleicht eine bessere Position im Paradies. Sie haben für die Nachwelt ein dauerndes Motto geprägt: "MACHS NA"!

Alle Bilder Erwin Weigand