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28.05.2017 -- WillY

Verkümmert unsere Schrift?

Senioren im Web - WillYs Kolumne für "ensuite", Kulturzeitschrift, Juni 2017


 

Haben Sie noch Schönschreiben gelernt? Von Hand, mit Griffel oder später mit Schreibfeder und Tinte? Dann gehören wir beide zur älteren Generation. Also ich habe in der zweiten Klasse etliche Tatzen - weiss noch jemand, wie weh das tut? - eingefangen, weil ich halt eben nicht so schön schreiben konnte, Tinte verschmierte, Buchstaben flickte oder die Leerzeile nach dem Titel vergass. Das hatte nichts mit dem Inhalt zu tun. In der Sek schrieb ich gute Aufsätze. Dem Lehrer gefielen sie jedenfalls. Inhalt 1; Rechtsschreibung 1-2; Schrift 2-3, stand jeweils darunter. Damals war noch die 1 Bestnote.

In der Lehre spielte die Schrift keine Rolle mehr. Es folgten jedoch Studium und Beruf mit viel Schreibarbeit. Ich lernte Maschinenschreiben, mindestens mit mehr als einem Finger. Später sogar mit 10 Fingern, schnell und fast blind. Das bekommt mir heute noch zum Vorteil, arbeite ich doch nahezu ausschliesslich mit der Tastatur am PC. Der letzte Brief von Hand liegt weit zurück. Ich weiss ja, ich kann nicht schön schreiben; im Unterschied zu unserer Tochter, der Lehrerin, die gestochen scharf und exakt ihre Texte von Hand schreibt. Sie hatte in ihren ersten Berufsjahren noch "Schreiben" im Stundenplan. Unterdessen sei dieses Fach verschwunden, wie sie mir heute erklärte. Es gebe wichtigere Lektionen. Die Kinder lernen spielend, auch von einander, eine Tastatur zu bedienen oder gar mit dem Finger auf ein Tablet und zuletzt mit dem Daumen auf dem Handy Kurznachrichten ein zu töggelen.

Als ob es nur noch reicht, in Abkürzungen, Stichworten oder in Modebegriffen, gar in Denglisch seine SMS zu übermitteln. Geil - bin happy - OmG, wo bisch? - miss you - cy - und so rätseln wir an der Sprache und sind versucht, uns anzupassen. Die Mails und die Kurznachrichten in den Massen-Medien sind ja so zahlreich, dass wir nicht nur beim Schreiben, nein auch zum Lesen Zeit sparen wollen. Verstehen wir uns noch?

Dazu kommt, dass unsere Rechtschreibung bei den kurzen und schnellen Kommentaren und Nachrichten oft eben so zu kurz kommt; Doppelschläge, Druckfehler, fehlende Buchstaben, offensichtliche Schreibfehler; alles findet sich da, wenn uns nicht die Rechtschreibeprüfung des Programms darauf aufmerksam machen würde. Ja, wir würden verwöhnt, wenn wir sie denn einschalten, oder zumindest überlesen, was wir geschrieben haben. Korrigieren ist ja so einfach, ohne Radiergummi und Flecken auf dem Papier.

Falls Sie jetzt trotz meinen kritischen Bemerkungen Lust bekommen, im Web mit anderen AltersgenossInnen zu diskutieren und Gedanken oder Erfahrungen auszutauschen, lesen Sie sich ein in die Forenthemen von seniorbern.ch. Tragen Sie bei zu einem lebendigen Gespräch, zu Berichten, auch mit (eigenen) Fotos sehr erwünscht, oder rätseln Sie mit auf gut deutsch oder gar auf französisch! Es ist spannend, auf dieser Plattform für die ältere Generation jeden Tag solche persönlichen Texte und Bilder zu entdecken. Es braucht dazu keinen Redaktor und keinen Korrektor.

Es werden auch keine Tatzen ausgeteilt!

www.seniorbern.ch

Titelbild: Alexandra Bucurescu  / pixelio.de