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06.06.2017 -- Fritz Vollenweider / wv

Geächtet

DAS THEATER an der Effingerstrasse in Bern zeigt, wie man alles verliert, wenn man seine Identität verschleiert


 

Ayad Akhtar geboren 1970 in New York, aus Pakistan stammender Muslim, hat den Zwiespalt der Identitätsspannung von Kindheit an selber erlebt. Sein 2012 in Chicago uraufgeführtes Bühnenstück drückt die ganze Spannung, vom emotionalen bis zum intellektuellen Aspekt, der eigentlichen Bedeutung der heutigen Multikultur aus.

Die insgesamt fünf Personen der Handlung verkörpern Protagonisten von verschiedener Herkunft. Der junge Abe ist Muslim, Isaac ist Jude, die dunkelhäutige Jory vertritt die Afro-Amerikanerinnen, Emily das «normale» weisse Amerika, und die Hauptperson Amir den seine ursprüngliche Identität verschleiernden assimilierten Amerikaner muslimisch-pakistanischer Herkunft.

Abe ist unter den Fünfen die Ausnahme; noch jung, ist er von seiner Mutter offenbar immer noch stark in der muslimischen Tradition bestimmt. Sein Onkel Amir dagegen hat sich seine Identität zweckgerichtet umgebaut. Nun stammt er angeblich aus Indien und ist nur noch dem Namen nach säkularisierter Muslim. Als solcher ist er auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Anwalt in einer respektablen jüdischen Kanzlei.

Seine persönliche Tragödie beginnt damit, dass er auf Bitten seines Neffen und seiner Frau Emily sehr widerstrebend an einer Gerichtsverhandlung gegen einen Imam teilnimmt; ausdrücklich nicht als dessen Verteidiger, sondern nur als Zuhörer und Berater. Doch in der Presse liest man das anders. Er wird zur Belastung für die Kanzlei. Man beginnt zuerst hinter seinem Rücken, dann direkt Fragen nach seiner wirklichen Identität zu stellen. Das Misstrauen seiner Berufsumgebung wächst; er wird betrogen und hintergangen, bis er schliesslich am Boden liegt, ohne Beruf, ohne Ansehen, ohne Ehefrau.

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Von links: Christoph Kail, Karo Guthke (mit den psychedelischen Lichteruptionen aus der Vergangenheit)

Bettina Bruinier hat diese Koproduktion mit den Vereinigten Bühnen Bozen inszeniert, in den Berner Proben unterstützt von Alexander Kratzer. Sie entwickelt vielseitige Aspekte dieses an sich schon beklemmenden Stücks. Es beginnt mit gegenseitigen Freundschaftsdiensten, gipfelt vor der Wende zur bitterbösen Hetze in einer Party zur Feier des Erfolgs der Künstlerin Emily, und findet schliesslich durch verbale wie physische Gewalt ein fatales Ende. Bühnenbild (Ayse Gülsüm Özel) und Lichtdesign (Tobias Demetz) bedeuten nicht nur Ausstattung. Beide steuern als visuelle Dramaturgie wesentliche funktionale Abläufe bei. Die Eruptionen von projizierten Lichtblasen, verbunden mit schattenhaft wirkenden, obschon hell verdichteten Projektionen wirken einerseits wie aus dem Unbewussten auftauchende Bilder aus der Vergangenheit, andererseits wie Botschaften aus psychedelischen Räumen. Ein dritter Aspekt davon hat allerdings einen direkten faktischen Bezug: Zu Beginn treten diese Projektionen als digital erzeugte Kunstwerke von Emily auf.

Emily, mit differenziertem Ausdruck und stets präsenter Wirkung dargestellt von Karo Guthke, ganz Frau und ganz Künstlerin, gewinnt der kulturellen und künstlerischen Bedeutung des Islams säkulare Aspekte ohne religiöse Ideologie ab. Ihr Gatte Amir, Christoph Kail, bringt sowohl alle Geschliffenheit des Karrieristen als auch seine schmerzvollen, beklemmenden und demütigenden Erfahrungen engagiert und vielseitig zum Ausdruck. Der Verlauf einer immer hitzigeren Diskussion, die Freunde zu Feinden werden lässt, provoziert ihn zu Ausbrüchen unkontrollierter Leidenschaft. Er, der sorgfältig seine ursprüngliche Identität kaschierte, steht schliesslich als verfemter vermeintlicher Islamist da.

Provozieren lassen sich auch die übrigen. Jory, verkörpert von Karin Yoko Jochum, und ihr Gatte Isaac, souverän gespielt von Helge Herwerth, fühlen im politisch-religiös-ideologisch bestimmten Dialog ihre Identität, besonders Isaacs Judentum, ebenso unkontrolliert herausgefordert. Die privaten und persönlichen Unstimmigkeiten – Seitensprung und Vertrauensmissbrauch – tragen das ihre zum fatalen Verlauf bei. Abe (Aaron Frederik Defant) hält, besonders am Schluss, vor allem seinem Onkel in aufmüpfisch jugendlicher Manier so etwas wie den Spiegel vor.

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Von der Party unter Freunden zur heftigen Konfrontation (Bild links: Helge Herwerth, Karin Yoko Jochum, Karo Guthke, Christoph Kail)

Ein vor allem durch die hohe Ensembleleistung beeindruckender Abschluss einer an Höhepunkten reichen Spielzeit im Effingertheater!

Alle Bilder: © Severin Nowacki.

Aufführungen bis 30. Juni

DAS THEATER an der Effingerstrasse