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28.08.2018 -- Fritz Vollenweider / wv

Eine Geschichte von Liebe und Tod

Mit «Agnes» von Peter Stamm setzt das Theater an der Effingerstrasse in Bern einen ersten Akzent in der neuen Spielzeit 2018/19.


 

Im August 1998 erscheint der erste Roman von Peter Stamm, Agnes, im Arche Verlag. Der Autor zählt damals 35 Jahre. Heute, zwanzig Jahre später, erscheint die Geschichte in der Bühnenfassung von Stefan Meier und seinem Team mit ebenso berührender und auch verstörender Wirkung auf der Bühne des Theaters an der Effingerstrasse, wieder in der schlanken, einfühlsamen und treffsicheren Sprache von Peter Stamms Roman.

Diese Prosa auch anderer Romane von Peter Stamm hat ihr eigenes und nicht alltägliches Gepräge. Sie vermag zu knistern, wo Erregung die Spannung bestimmt, und sie hat daneben auch ihre lyrischen, gefühlsbestimmten Seiten. Dasselbe lässt sich auch über die Handlung dieser Geschichte von Liebe und Tod sagen. Verschiedene zyklische Überlagerungen spielen mit Varianten von Geschichte und Wirklichkeit. Kein Wunder, dass sich als formale Verknüpfung der Satz von Max Frisch (Mein Name sei Gantenbein, 1964) einstellt: «Ich probiere Geschichten an wie Kleider». Peter Stamm hat diese formale Konzeption immer wieder angewandt, so zum Beispiel in Weit über das Land (2016) und Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt (2018).

Buch und Bühnenfassung enthalten zu Beginn den Satz: «Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.» Und an beiden Orten erscheint am Schluss der Satz: «Agnes ist nicht zurückgekommen». Der Weg über Kennenlernen, Liebenlernen, Trübungen und Krisen des Verhältnisses und – vor allem – die Sache mit der Schwangerschaft und dem verlorenen Kind, wird gespiegelt zwischen Realität und Fiktion, zwischen Leben und Geschichte, Erzählung. Ist da auch angespielt auf die Verantwortung des Schreibers von Geschichten? «Was einmal gesagt wurde, kann nicht zurückgenommen werden», ist heute zum geflügelten Wort geworden. Es kann durchaus auch auf das Leben oder Sterben von Agnes in dieser Geschichte – und auf die Geschichte selbst –  angewandt werden. Eine Geschichte kann töten. Wirklich töten oder nur als erfundene Geschichte? Gesichert ist jedenfalls: Agnes wird nicht zurückkommen.

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Amélie Belohradsky, Lars Wellings

Vor den Augen des Publikums spielt sich somit eine dreifache Handlung ab: Die geschriebene Geschichte, das wirkliche Leben und die Spiegelung dieser beiden Elemente als Wahrnehmung der Zu- und Mitschauenden. Der von Peter Aeschbacher, assistiert von Valerie Bartholdy, geschaffene Spielraum mit den drei spiegelnden Glaswänden und den abgestuften weissen Podien wirkt denn auch als kongenial umgesetzte Entsprechung des Geistes dieses Bühnenstücks. Leere, Kälte, Bespiegelung und Irrealität bilden den beiden handelnden Personen eine Ideale Projektionsfläche für den Ausdruck ihrer Gefühle und die Schilderung ihrer innerlichen und äusserlichen Lebenswege.

 

20180816SEV0618Stefan Meier hat diese Bühnenfassung mit allem Gespür für die formalen, darstellerischen, literarischen und menschlichen Aspekte des Stoffs inszeniert. Als Vorteil kann man auch empfinden, dass die Darstellerin Amélie Belohradsky und der Darsteller Lars Wellings, zwei Schauspieler mit geografisch und beruflich weiter Erfahrung, auf der Effingerbühne erstmals zu sehen sind. Nicht nur die unverbrauchten Gesichter wirken eindrücklich, sondern vor allem ihre gründlich in den Geist und die Handlungselemente dieser Geschichte über Leben, Liebe und Tod dringende und spannungsvoll beides umsetzende Präsenz. Mit sparsamen, dennoch sehr eindringlichen Mitteln der Mimik – bei Agnes vor allem auch der Augen – gelingt es ihnen, sowohl Geschichte als auch mögliche oder vermutete Realität mit Leben, Irren, Lieben und Leiden zu füllen und damit aus zwei Handelnden einer Erzählung – ursprünglich ja eines Romans – zwei Menschen zu gestalten, die einem mitfühlenden, doch auch – vor allem gegenüber dem Mann – nicht unkritischen Begegnen standhalten.

Alles in allem setzt DAS THEATER an der Effingerstrasse mit dieser Inszenierung gleich zu Beginn der neuen Spielzeit eine ansehnlich hohe Marke.

Aufführungen bis 14. September 2018.

Bilder: © Severin Novacki

Peter Stamm

DAS THEATER an der Effingerstrasse