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18.09.2018 -- Erwin Weigand / wv

Spycherli im Emmental

Kritische Betrachtungen eines Hobbyhistorikers


Ein Speicher im Emmental

Eine Wanderung über Emmentaler Eggen und Chrächen macht einerseits müde Knochen, andererseits aber bringt es viele schöne Erlebnisse. Neben dem Schauen über Hügel zum fernen Horizont wo im Süden die Schneeberge grüssen und im Westen die Jurahöhen den Rahmen bilden, gibt es überall noch vieles zu entdecken was Stadtmenschen nicht kennen. Die zahlreichen alten Bauernhöfe mit ihren Dächern die fast zum Boden reichen, gelegentlich neue Ställe für grössere Viehbestände, seltener auch ein Solardach auf dem Stall und ein Bauer der auf IP-Produktion umgestellt hat, da scheint die Welt noch in Ordnung zu sein.

Spycher2Detail

Anscheinend passiert hier nicht viel, aber wenigstens ist noch alles intakt

Häufig findet man bei den modernisierten Höfen auch noch ein althergebrachtes Spycherli in bedauernswertem Zustand. Und da komme ich ins Grübeln. Warum lassen die Besitzer die so verkommen? Solange noch die Dächer intakt sind wird das alte Holz nicht verfaulen, aber sonst scheint der Stolz auf das Seine, den die Bauern mit ihren reich verzierten Speichern auszudrücken pflegten, verschwunden zu sein. Als der Bauer noch seine Vorräte an Getreide, Mehl und Hausrat im gutverschlossenen Speicher abseits vom Haus aufbewahrte, wusste er dass kein Brandfall alles Hab und Gut vernichten würde. Dort gab es keine Feuerstelle und niemand hatte Zutritt ausser der Bäuerin. Das Brennholz wurde, anders als heute, nicht um den Speicher herum gelagert und gegen Mäuse hatte man mehre Katzen in Kost und Logis. Die moderne Vorratshaltung ist nicht mehr auf sowas angewiesen. Kühlräume für Milch und Frischwaren, Plastikbehälter in allen Grössen für jeden Zweck; auf den modernen Höfen gelten neue Regeln. Mit dem Auto ist man schnell im Dorf, zu jedem Hof führt eine geteerte Strasse. Für was stehen die unpraktische Spycher, Ofehüsli und Stöckli noch herum?

Spycher3Stock

In diesem Stöckli scheint sich eine fremde Familie eingemietet zu haben. Bauerngeräte dienen nur der Dekoration und Plastikstühle der Bequemlichkeit.

 So ein Stöckli war für den Auszugsbauern ein bequemes Daheim, wenn der Jung den Hof übernommen hatte. Dort konnte er jederzeit kontrollieren ob noch alles so gemacht wurde wie man es schon immer gemacht hat und auch die Altbäuerin hatte der Schwiegertochter noch einiges beizubringen. Die alten Bauersleute beziehen heute natürlich auch AHV-Renten und sind nicht mehr auf den guten Willen der Jungen angewiesen. Die Stöckli werden vermietet wenn möglich. Selber Brotbacken im Holzofen ist nicht mehr im Brauch, der Backofen wäre schon lange nicht mehr brauchbar, darum hat man im Ofenhaus eine Autogarage eingerichtet.

Spycher4Blumenschmuck

Sauber gehalten und mit Blumen geschmückt, hier ist eine Frau im Spiel

Spycher5Garten

Die Buchsbaumrabatten beim gleichen Hof sind eigentlich auch nicht praktisch, doch hier werden sie noch gepflegt. Mein Lob der Bäuerin.

 Für das Spycherli fand man keinen vernünftigen modernen Zweck, eigentlich steht es grausam im Weg. Man möchte mehr Platz ums Haus, eventuell eine Maschinenhalle hinstellen. Aber abreissen darf man es nicht, auch das alte Stöckli nicht, denn der Denkmalschutz hat es vor Jahren registriert und unter Schutz gestellt. Die jungen brauchen ihr Geld für Wichtigeres als das alte Ungetüm zu renovieren. Und so zerfallen sie halt langsam aber stetig.

Spycher6Zwiespalt

Hier offenbart sich ein Zwiespalt: Der gepflegte und gut erhaltene Speicher wurde auf traditionelle Art von der Bäuerin mit Granium geschmückt, während der Bauer seine stinkenden Ölfasser auch recht ordentlich, aber unschön dort aufstellt.

Spycher7Tuerriegelproblem

Ein kleines Detail am selben Spycher: Der Türriegel verdeutlicht was ich meine, der alte schmiedeiserne war kaputt, jetzt muss ein verzinktes Teil aus dem Baumarkt die schiefe Türe zuhalten. Auch die Zierleisten fehlen zur Hälfte. Das alles könnte man originalgetreu restaurieren.

Staatlicher Kulturgüterschutz besteht nur aus Bürolisten, die lange Listen anfertigen und neue Vorschriften aushecken. Geld für dringende Unterhaltsarbeiten bleibt wenig übrig. Hätte es nicht den Christian Rubi gegeben in den fünfziger Jahren, es wären noch vielmehr Spycher verschwunden. Er hat viele erfasst und viel selbst restauriert. Ein ganzer Modetrend mit bemalten Bauernmöbeln war entstanden. Der Antiquitätenhandel mit Bauernschränken und Trögli florierte. Den Bauern wars recht, sie waren froh, wenn das alte Gerümpel abgeholt wurde. Genauso wurde mit dem Spycher verfahren, zerlegt und wegtransportiert und bei einem anderen Bauernhaus in Stadtnähe, von wohlhabenden Neubesitzern wieder aufgebaut. Oftmals sogar wurden darin Fenster eingebaut und dort gewohnt, wie unpraktisch. Aber die Spycherli im Emmental warten weiterhin auf einen neuen Christian Rubi, der den jungen Bauern klarmachen könnte, welch wertvolles Erbe ihnen zu treuen Händen übergeben ist. Sie könnten stolz darauf sein.

Alle Bilder: Erwin Weigand

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Eine Beigabe aus WillYs Fotowerkstatt. Ein noch in Gebrauch stehender Spycher mit etlichen Anbauten beim Uelisbrunnen ob Münsingen.