ICON-Link

28.11.2018 -- Maja Petzold / wv

Achtung Lawinengefahr

Lawinen drohen trotz umfangreicher Schutzmassnahmen jeden Winter Schaden anzurichten. Das Alpine Museum Schweiz zeigt dazu eine Dokumentation.


 

Wer schon einmal beobachten konnte, wie eine Lawine ins Tal hinunterdonnert, kennt dieses ambivalente Gefühl: Einerseits erschrecken wir ob der gewaltigen Kraft und Masse an herabstürzendem Schnee, andererseits ist es ein kurzes, aber faszinierendes Spektakel. Lawinenexperten sprechen nicht nur von den Gefahren, sondern auch von der Schönheit der Lawinen.

erforschung der lawinendynamik im vallee de la sionne 01 slf

Erforschung der Lawinendynamik im Vallée de la Sionne VS  © SLF

Die Bewohner der Alpentäler sind seit Jahrhunderten an den Umgang mit der weissen Gefahr gewöhnt – trotz bleibender Furcht davor. Im Kanton Bern kennt man mehr als tausend Lawinen mit Namen. Zu ihren Eigentümlichkeiten gehört es nämlich, dass bestimmte Lawinen immer den gleichen Weg nehmen. Daraus entstand das Bestreben, sich davor zu schützen. Der Umgang mit Lawinen gehört zu den lebendigen Traditionen in der Schweiz ebenso wie in Österreich und soll in das Verzeichnis der immateriellen Kulturgüter der UNESCO aufgenommen werden; darüber wird in den nächsten Tagen entschieden.

Der Umgang mit Lawinen

Die Ausstellung "Die weisse Gefahr" im Alpinen Museum Schweiz widmet sich den unterschiedlichen Facetten im Umgang mit Lawinen: von den Verbauungen an jäh abfallenden Bergflanken über die Risikoeinschätzung in Wintersportregionen bis hin zur Entwicklung der professionellen Rettung in der Schweiz. Auch die Schutzwälder, die schon seit dem Spätmittelalter – als Bannwald bezeichnet - angelegt wurden, müssen erwähnt werden, sie dienten nicht nur dem Schutz vor Lawinen, sondern auch vor Erdrutschen. Seit 1876 gibt es ein Bundesgesetz, das über die Pflege und den Erhalt der Bergwälder wacht.

Sieben Themenfelder – Verbauung, Raumplanung, Forschung, Risikoeinschätzung, Rettung, Erinnerung, Erzählung – zeigen in Filmausschnitten, Bildern, Texten und Objekten aus der Museumssammlung emotionale und informative Aspekte dieses winterlichen Naturphänomens. Zum Thema "Verbauungen" zeigt das Museum Fotografien aus dem umfangreichen Archiv des heute 94-jährigen Hans Frutiger, der insgesamt ca. 7'000 Fotos gesammelt hat, die sowohl von dokumentarischem Wert als auch von ästhetischer Schönheit sind.

lawinen staublawine yeti saas fee

Staublawine  © Yeti, Saas Fee

Mitbeteiligt an dieser Ausstellung ist auch das das SLF, das Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos, heute Teil der Eidg. Forschungsanstalt WSL. Gegründet wurde es 1936 als "Schneelabor". Ein anderer ebenfalls renommierter Partner ist das Oeschger Centre for Climat Change Research an der Uni Bern, das in der Klimaforschung zu den führenden Institutionen gehört und Forscher aus vier Fakultäten vereint, darunter auch Christian Rohr mit seiner Professur für Umwelt- und Klimageschichte – eine weltweit einzigartige Kombination von Geschichte und Umweltwissenschaften.

Forschung über Lawinen in früheren Jahrhunderten

"Das Bewusstsein der Lawinengefahr war in den Bergtälern immer vorhanden", erklärt Christian Rohr, die Bewohner hätten ihre Landschaft stets gut beobachtet; sie kannten darum die Plätze und das Verhalten der Lawinen gut. Schon früh schützten sich Wanderer, die zu Fuss unterwegs waren, in Höhlen, von denen im Saaser Tal noch einige erhalten und zu besichtigen sind. Das Wissen über Lawinengefahren wurde jahrhundertelang mündlich weitergegeben, erzählt Rohr, der sich auch mit den schriftlichen Quellen auseinandergesetzt hat, mit dem Benediktinerpater Placidus Spescha beispielsweise, der im 18./19. Jahrhundert seine Beobachtungen niedergeschrieben hat.

Neben Chroniken nennt Rohr als Quellen für seine Forschungen Bildtafeln, die im 19. Jahrhundert beliebt waren, um für die Rettung vor einer Lawine zu danken. Schon im 17. Jahrhundert hatte man beim Bauen von Häusern und Ställen die Gefahren berücksichtigt. Die "Ebenhöch"-Häuser im Bündner Land, die sich ganz nah an den Hang schmiegen, sind ein Beispiel dafür.

lawinen schiahorn stefan margreth davos

Lawinenverbauungen am Schiahorn  © Stefan Margreth, Davos

Erst der Lawinenwinter 1950/51 mit dem verheerenden Lawinenniedergang auf Airolo brachte den Durchbruch zum intensiven Bau von Lawinenschutz. Aber Christian Rohr betont, dass häufig Risikobewusstsein und Verdrängung, ja Sorglosigkeit im Widerstreit stehen. Er erzählt von den Lawinen im österreichischen Galtür 1999. Erst nachdem die Gefahren über lange Zeit verdrängt worden seien, wandelte sich das Bewusstsein. Das Resultat ist nun eine eindrucksvolle Schutzwand, die auch als Mahnung gelten könne. Um zu überzeugen, wirken Augenzeugenberichte am stärksten.

Die Schweiz als Hotspot der Lawinenforschung

Auf die Frage, warum gerade in der Schweiz der Lawinenforschung so viel Beachtung geschenkt wird, antwortet Christian Rohr: "Ganz klar ist der Alpenraum sehr viel stärker von Menschen besetzt und bewirtschaftet, deshalb sind hier die Risiken präsenter. - Die Rocky Mountains waren lange Zeit nicht bewohnt. Die native americans siedelten in wärmeren Gegenden und zogen – wenn überhaupt – nur im Sommer in die Berge. Die Skizentren, Aspen z.B., entstanden erst ab den 1950er Jahren, Schneesport war in Amerika nicht populär. In den Skisportorten dominierten oft Schweizer oder österreichische Hoteliers, wie man an den Namen der Besitzer und der Hotels erkennt."

gebirgsdienst mit lawinenhund.davos.1939 1945 schweizerisches bundesarchiv

 

Gebirgsdienst mit Lawinenhund, Davos, 1939-1945  © Schweizerisches Bundesarchiv

Auch in den Alpen sei das Risikobewusstsein nicht überall gleich ausgeprägt, stellt Rohr fest; 1916/17 gab es in Südtirol Lawinenniedergänge, die Tausende von Todesopfern forderten – aber es geschah dort nichts. Dabei ist das Bewusstsein der Gefahren die wichtigste Voraussetzung für ein sicheres Verhalten in den verschneiten Berglandschaften.

Bei der Eröffnung der Ausstellung sagte Patrice Schlatter, Bergsportler und Tourengänger: "Von den alten Bergführern hörte ich immer wieder, ich solle nicht in der ausgetretenen Spur laufen, sondern neben der Spur, um den Schnee zu spüren, wahrzunehmen, wie die verschiedenen Schichten sich anfühlen. – Die Gefahren begleiten mich immer im Hinterkopf, vor und während einer Bergtour." – Dass nicht alle solche Vorsicht üben, zeigt die Statistik: Fast alle Lawinenunfälle ereignen sich heute im Freizeitbereich; 94% der Todesopfer sind Freizeitsportlerinnen und -sportler.

 

Die weisse Gefahr. Umgang mit Lawinen in der Schweiz. Alpines Museum Schweiz, Bern; bis 21. April 2019

 

 

Nachwort: In den kommenden Tagen steht ein weiterer Entscheid an, der für das Überleben des Alpinen Museums der Schweiz von grösster Bedeutung ist: Im Parlament wird über das kommende Budget abgestimmt, darin geht es um die absolut notwendigen Finanzmittel für dieses Museum.

Titelbild:  Lawinenverbauungen in Zermatt/Schweifinen, 1957. ©Perren-Berberini Zermatt