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03.12.2018 -- Erwin Weigand / wv

Der Wandbrunnen in der Mattenenge

Warum ein Berner Brunnen zu Missverständnis Anlass gibt. Aus Erwins "Bärner Gschichte."


Titelbild "Gröppu"

Als 1830 die Nydeggbrücke gebaut wurde, musste der alte Brunnen in der Mattenenge weichen. Weil damals das Trinkwasser noch nirgends in den Häusern aus dem Hahnen floss, liess die Stadt einen neuen Brunnen unter der Brücke, direkt am Pfeiler bauen. Dieser Brunnen besteht noch heute unverändert, allerdings ohne seinen ursprünglichen Zweck. Am Brunnstock fliesst sauberes Wasser aus dem als Röhre gebildeten Maul einer fischartigen Figur. Ein schöner Trog, aus einem einzigen Block gehauen, fasst das Wasser für die Pferdetränke und sonstigen Gebrauch.

Delphin 2Mattenengebrunnen2

Der Berner Mattenengebrunnen

Solche grosse Tröge bezog man aus Solothurn, wo seit dem Bau der St. Ursenkathedrale ergiebige Steinbrüche bestanden. Aus der sog. Schalenbank meisselten die Steinhauer die grossen Brunnentröge die dann mit Ochsenfuhrwerken weit ins Land hinaus geliefert wurden. Manche andere Tröge hatten umherziehende Steinmetze aus dem Aostatal (genannt "Prismeller") aus mit eiszeitlichen Gletschern ins Unterland gelangtem Findlingsgestein gehauen, aber das gehört nicht hierher.

Schauen wir uns doch das Bronzerelief genauer an, ein Fischungeheuer mit wulstigem Maul schlängelt sich aus einem Röhricht mit "Kanonenputzern". Darüber hinaus ragt ein Dreizack als altertümliches Symbol das sowohl Fischerwerkzeug als auch Waffe beispielsweise der Gladiatoren war. Was hat jetzt das mit der Matte zu tun? In der "Brunnezytig", dem Quartierblättli der unteren Altstadt hat jemand mit dem Kürzel BR das "Seeungeheuer" als ein den Mättelern als "Gröppu" bekanntes Fischli beschrieben: "Unter der Nydeggbrücke erinnert heute noch ein Brunnen an die Zeit, als der «Gröppu» als wichtiger und schmackhafter Speisefisch galt. BR"

Bis höchstens 15 cm lang wird so eine Groppe (Cottus gobio) und sie lebt ausschliesslich am Boden von Gewässern, denn sie kann nicht richtig schwimmen weil sie keine Schwimmblase hat. Zum Glück sind ihre grossen Augen oben auf dem Kopf und deshalb sieht sie ihre Beute oder ihre Fressfeinde trotzdem gut. Tagsüber versteckt sich die Groppe unter Steinen und ist nur in der Dämmerung aktiv. Am Wasser aufgewachsene Kinder machten sich schon immer ein Vergnügen die Steine wegzunehmen und die trägen Fischli mit der Hand zu fangen. Wir haben sie dann in einer am Ufer abgetrennten Glungge eingesperrt und beobachtet. Irgendwann wurden sie dann freigelassen. Für den Fisch hat jede Gegend einen anderen Namen. Ich zitiere wieder BR: "Sie hat einen überdimensionierten, abgeflachten Kopf und eine breite Maulöffnung. Durch den bulligen Kopf ergibt sich insgesamt eine keulenförmige Gestalt. Auf Englisch heisst die Groppe denn auch Bullhead – Bullenkopf." Mir waren sie als "Käuler" bekannt und damit konnte ich für mich einige frohe Kindheitserinnerungen hervorholen. (Übrigens war die Groppe 2014 in der Schweiz der Fisch des Jahres.)

Delphin 3Fontaine de la Sirène Poligny

Der Sirenenbrunnen in Poligny (Franche-Comté)

Bild von Cjulien21 [CC BY-SA 3.0  (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], aus Wikimedia Commons

Jetzt aber zurück zum Mattenengebrunnen. Dass dieses unscheinbare Fischli Vorbild für einen Bronzeguss sein sollte, ist kaum denkbar. Da kam mir ein Brunnen, den ich auf einer Reise im französische Jura-Städtchen Poligny gesehen hatte in den Sinn. Es ist tatsächlich der haargenau gleiche Abguss, allerdings mit einer pompösen Pseudofassade dahinter. Also stammt das Berner Exemplar aus der selben Giesserei. Bei meinen weiteren Recherchen fand ich immer mehr ähnliche oder abgewandelte Fischungeheuer. Ein sehr ähnliches Sujet trägt der Delfinbrunnen von Conliège im Jura in der Franche-Comté. 1836 auf dem historischen Dorfplatz errichtet, sprudelte der monumental angelegte Brunnen durch vier bronzene Delphine. Drei dieser Delfine ersetzte das Rathaus 2008 durch drei neue Gussstücke aus der Fonderie de Roquevaire.

 Delphin 4Basel Dreizack

Auf dem Brunnenstock des Basler Dreizack- oder Spittelsprung-Brunnens halten drei Delfine den Dreizack.

In Basel gibt es den Dreizackbrunnen mit ebenfalls ähnlichen Gussteilen und auch in Bern findet man wenn man sucht diese Delfinsymbole z.B. am Kreuzgassbrunnen, ja sogar als Regenrohr-Ausguss am Nydeggstalden.

Delphon 5Nydegg Ablauf

Regenwasserablauf am Nydeggstalden

Jetzt glaube ich ist die Mär vom "Gröppu" am Mattenengebrunnen widerlegt, damals wurde einfach ein auf dem Markt feilgehaltenes Teil verbaut.

Delphon 6Fontaine halles Sainte Claire Grenoble

Eine identische Plastik aus Stein in Grenoble

Bild von Rémih [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) aus Wikimedia Commons

Delphon 7Fontaine Bosquet du Dauphin Versailles

Ein geschuppter Delphin im Park von Versailles

Bild von Yves Tennevin [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)] von Wikimedia Commons

Einen schönen Delfin als Spingbrunnenfigur findet man im Park vom Schloss Versaille und jetzt kommt Licht in die Symbolik. Diese sogenannten Define ähneln den echten draussen im Meer kaum, man hat einfach Darstellungen von antiken Meeresungeheuern als Vorbild genommen. Und der Delfin heisst auf französisch "Dauphin". Dauphin nannten sich die Thronfolger der Französischen Könige der Valois und der Bourbonen bereits im 12. Jahrhundert und so nennen sie sich bis heute (allerdings werden sie nie einen Thron besteigen können). Siehe dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Dauphin_(Adel)

Jetzt können wir uns nur noch wundern, dass dieses französische Herrschaftssymbol in Bern, in der Matte, unter dem Brückenbogen, unscheinbar und kaum beachtet, als Brunnenfigur einen Platz gefunden hat.

Bilder ohne Quellenangabe: © Erwin Weigand