ICON-Link

10.01.2019 -- Fritz Vollenweider / wv

Treibhaus der Gefühle im Garten des Lebens

Das Förderprogramm für junge Schreibtalente des Berner Theaters an der Effingerstrasse bringt «Das Treibhaus» von Meret Hasler zur Uraufführung.


Eine auch von Sponsoren mitgetragene kulturell bedeutende Initiative des Berner Theaters an der Effingerstrasse unter dem Namen «Schreibstoff» gibt jungen Schreibtalenten eine grosse Chance. Aus der Ausschreibung von 2017 gehen Christof Hofer und Meret Hasler als Sieger hervor. «Das Treibhaus» von Meret Hasler erfährt jetzt seine Uraufführung auf der Bühne des Effinger-Theaters.

Treibhaus 20190104SEV0345

Simon Wenigerkind,Tilla Rath, Philipp Auer, Maria Spanring

Der Garten, das Treibhaus, die Pflanzen…

Es sind symbolische Metaphern, die den Beziehungen der vier Menschen des Stücks Tiefe, Sinn und Bedeutung verleihen. Der Garten mag das Leben bedeuten, die Pflanzen symbolisieren die Bedürfnisse nach Beziehungen und Pflege der Menschen, das Treibhaus ist der Ort, wo die Dynamik der Beziehungen und Gefühle entsteht und sich im Guten und Schlechten entwickelt. So jedenfalls liesse sich diese Kombination verstehen, wie sie im Spielraum des Theaters auf vielseitige, immer spannende und immer wieder auch mehrdeutige Weise von einem hochmotivierten Ensemble zum Ausdruck gebracht wird. Dabei wird das Augenzwinkern, das Spielerische, die unmittelbare Freude am Entstandenen und Abend für Abend auf der Bühne wieder neu Entstehende auf eine Weise sicht- und erlebbar, welche auf erfrischende Art das Jugendliche, das Heutige an dieser Produktion erkennen lässt. Die komischen, die heftigen, die leidenden Situationen; das Übermütige, das Heftige, das Bedrohliche – alles wächst und wird auch wieder zusammengehalten durch einen Bezug zum gewissermassen Menschlich- Allzumenschlichen, das fern jeder Oberflächlichkeit trotzdem die dramatische Elegie erfolgreich meidet.

Treibhaus 20190104SEV09761

Tilla Rath, Simon Wenigerkind, Philipp Auer

Ja, es ist zeitgenössisches Theater, vielleicht nicht in allen Teilen auf Anhieb dem Freund des konventionellen Dramas sympathisch. Das ist der 27-jährigen Berner Autorin Meret Hasler, Psychologin und Fachlektorin, so gut zu verdanken wie den weiteren Frauen und Männern des Popup-Kollektivs «sa bande», das sich mit der Mentorin und Regisseurin Petra Schönwald zusammengefunden hat: Philipp Auer (Tristan), Tilla Rath (Linda), Maria Spanring (Frau Rosenberg), Simon Wenigerkind (Beat). Charakterlich scharf und überzeugend gezeichnet sind die Persönlichkeiten schon vom Konzept und vom Text her: Tristan, der betreut wohnende und in der Gärtnerei lernende Unnahbare mit hat Mühe, mit seinen Aggressionen umzugehen; Beat, der äusserlich laute Selbstbewusste mit seiner heimlichen Not und Einsamkeit; Linda, die gerne geben, helfen und lieben möchte, ohne dabei ein echtes Echo zu finden; Frau Rosenberg schliesslich, die Besitzerin der Gärtnerei, die den Konflikt zwischen ihrer Menschenfreundlichkeit, ihrer patronalen Verpflichtung und ihrer materiellen Bedrängnis mit einem oft verzweifelt anzuschauenden Lächeln überspielt. «Sa bande»: auch diese Bezeichnung, dieses Label spielerisch verknüpft mit Händels ‘Sarabande’ und einiger modernistischen Abwandlungen davon.

Vom Realen über das Fiktionale zum Transzendentalen

Petra Schönwald bringt diese nicht alltägliche Geschichte im zweckmässig-realistischen Bühnenbild von Peter Aeschbacher mit grosser, vielseitiger und auch da und dort tiefsinniger Wirkung auf die Bühne. Die im Stück angelegten realen Handlungsabläufe verquicken sich mit Andeutungen, Verschwiegenem und auch gewollten Überzeichnungen, wofür das Schlussbild mit dem Fundraising und der Aufforderung zum symbolträchtigen «open gardening” durch die drei Nachfolger der Frau Rosenberg im Totenhemd als Beispiel stehen mag. So zeigen die erfolgreiche Produktion und die gelungene Inszenierung eine mehrschichtig komponierte und von allen Darstellern hervorragend interpretierte, zeitnahe Kombination des Bewältigens von Gefühlen und vom Leben im Ganzen.

Treibhaus 20190104SEV0519

Tilla Rath, Simon Wenigerkind

 

Aufführungen bis 8. Februar 2019.

 

DAS THEATER an der Effingerstrasse

Alle Bilder: © Severin Novacki