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25.02.2019 -- Fritz Vollenweider / wv

Wo Rauch ist…

Das Feuer mottet nur, aber gefährlich. Unter äusserer Bedrohung brennt es den zwei Paaren im Berner Theater Matte unter der Haut.


Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Die Frage ist nur, woher das Feuer stammt, das da so im Verborgenen mottet! Die Zündhölzer, die Laura immer wieder entfacht, sind ja nur eine Art Symbol dessen, was bei den vier beteiligten Personen im Unbewussten schmort.

Denn der äusserliche Hintergrund, obschon auch nicht sichtbar, ist auf höchst bedrohliche Art präsent. Draussen auf der Strasse tobt der Aufstand, der dazu führt, dass Laura mit Robert, das ältere Paar, und Eva mit Alex, das jüngere, in einem festungsartigen Hotel eingeschlossen sind. Eingeschlossen, das ist eigentlich auch schon relativ zu verstehen, denn aus unerfindlichen Gründen gelingt es am Morgen der neugierigen und tatkräftigen Eva, das Hotel zu verlassen, um zu schauen, was da eigentlich draussen los ist. Ihr Mann gerät ausser sich vor Angst und Sorge…

Rauch 1

Luc Müller, Annemarie Morgenegg, Fredi Stettler, Claudia Rippe

Der 1977 geborene katalanische Autor heisst Josep Maria Miró i Coromina. Da stellt sich die Verknüpfung sofort ein: Katalonien – da waren doch die Unruhen der Unabhängigkeitsbewegung wegen? – Unruhen sind auf der ganzen Welt zurzeit fast Alltag geworden. Trotzdem sind sie auch für Unbeteiligte eine enorme Bedrohung.

Was aus dieser äusseren Bedrohung entstehen kann, demonstrieren die beiden Paare auf der Bühne des Theaters Matte. Fredi Stettler hat den Spielraum im Hintergrund als zwei gegenüberliegende Hotelzimmer gestaltet. Im Vordergrund deuten die Beleuchtung und ein bequemer Sessel die Lobby an. Immer wieder verfolgen die Vier aus den Fenstern, was draussen vorgehen mag. Was fasziniert, ist die Wirkung dieses gewalttätigen Geschehens. Es führt bei allen vieren dazu, dass nichts mehr im Innern ihrer Persönlichkeit so erscheint, wie es vorher ohne Bedrohung war. Lügen, Verdrehungen, Anschuldigungen, Gehässigkeiten werden immer wieder auch übers Kreuz angezettelt. Jeder spricht zu jedem anderen und meist mit verdrehten Tatsachen über jeden anderen.

Dabei wollten die beiden jüngeren hier im Ferienparadies nur ihr adoptiertes kleines Mädchen abholen, während die beiden älteren eigentlich ein Haus ausserhalb der Stadt besitzen. Des Aufstands wegen können sie nicht dorthin zurückkehren, und des geschlossenen Flughafens wegen können sie auch nicht wie geplant zu ihrem Aufenthalt zuhause in Europa aufbrechen.

Marion Rothhaars Inszenierung dieser Schweizer Erstaufführung lässt die vier Persönlichkeiten ihre inneren Ängste und Spannungen aktiv gegen aussen verfremdet ausspielen. Am ruhigsten verhält sich Fredi Stettler als Robert; ausser seinem Ringen mit dem zu schreibenden Buch scheint den Schriftsteller wenig zu interessieren. Erst gegen Schluss bringt ihn ein besonders grausames Geschehen – ein Mann schlägt sich am unzerbrechlichen Panzerglas des Hotelfensters den Schädel ein – aus der Ruhe und dazu, schliesslich auch seine verborgenen Probleme auszusprechen. Seine Frau Laura (Annemarie Morgenegg) hingegen ist die aktivste Stimme des Quartetts und voller mieser Ränke und Umtriebe. Sie ist es, die am meisten mit dem Feuer spielt. Sie – mehr als alle anderen auch – verdreht Tatsachen, bringt Unruhe ins Geschehen und in die nervigen Zustände vor allem der beiden Jungen. Die teils künstlich, teils ehrlich immer wieder zerknirschte Opferrolle spielt Luc Müller als Alex. Seine Frau Eva (Claudia Rippe) ist die am ausgeprägtesten tat- und zielgerichtete Aktive der Vier.

Interessant ist, dass bei aller zutage gebrachten Fiesigkeiten immer eine sozusagen menschliche Grenze eingehalten wird. Nicht, damit man denkt, es könnte ja alles noch viel schlimmer sein. Vielmehr geht es dem Stück wie der Inszenierung darum, die hinter allem wirklich stehende echte Seelennot, hervorgerufen durch die drohende Gefahr von aussen, glaubhaft erfahrbar zu machen. In diesem Sinne ist denn auch der Schluss der Aufführung folgerichtig. Die Bedrohung fällt in sich zusammen, die Stimmung entspannt sich – es ist wie Erwachen aus dem Albtraum.

Zum Schluss noch zwei «Spezialitäten» dieser Produktion.

Zum einen ist das Theater Matte das professionelle Mundarttheater in Bern. Theo Schmid zeichnet kompetent für die Mundartbearbeitung verantwortlich. Doch das jüngere Paar agiert in Bühnendeutsch. Es lässt sich manches darüber rätseln und werweissen – die Frage nach dem Grund bleibt offen.

Rauch 3

Fredi Stettler (Robert), Annemarie Morgenegg (Laura), Claudia Rippe (Eva), Luc Müller (Alex)

Zum anderen ist es sehr interessant, dieses katalanische Stück der Gegenwart mit J. P. Sartres «Huis Clos» zu vergleichen, 1944 uraufgeführt. In beiden Werken ist eine äussere Bedrohung (bei Sartre ist es immerhin die Hölle) verantwortlich für die Entfesslung von Gefühlen, wechselseitig miteinander verstrickten Anschuldigungen, Begehrlichkeiten und Verunsicherungen. Trotzdem wäre es weit gefehlt, deshalb jetzt auf eine Art Paraphrase oder Variation über Sartres Stück zu schliessen. Josep Maria Miró i Coromina hat in einem zeitgemässen Umfeld mit den Mitteln der Gegenwart eigenständiges, packendes und aktuelles Theater geschrieben.

Bilder: © Lea Moser

Schweizer Erstaufführung, noch bis 24. März 2019

THEATER MATTE

Josep Maria Miró i Coromina