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13.03.2019 -- Lukas Vogelsang / wv

Digitale Irrwelten

Ein Editorial des Verlegers und Redaktors von "ensuite", der Zeitschrift zu Kultur & Kunst im März 2019 (seit 2003)


Das Mantra der Digitalisierung ist zurzeit allgegenwärtig. Wir bauen unsere Zukunft auf eine virtuelle Struktur, deren Funktionalität oder Lebensqualität wir noch gar nicht kennen. Es ist vergleichbar mit der Idee, mit einer Rakete auf dem Mars zu landen und dort eine neue Welt aufzubauen.

Uns fehlen eigentlich gänzlich die Erfahrungen und das Know-how, wie der Mensch sich in diesem Umfeld verhalten und entwickeln wird. Im Gegensatz zur Industrialisierung geht es uns aber nicht um eine Produktivitätssteigerung, sondern um die Einsparung des Menschen. Die Digitalisierung ist zum neuen Goldenen Kalb geworden – auf dem Sockel des Kapitalismus. Und blind versuchen wir ein Fest zu inszenieren, Stimmung zu machen, zu tanzen und fröhlich zu sein.

Doch etwas stimmt nicht ganz. Diese ganze Digitalisierung basiert ja nicht auf einem lebendigen und lebensbejahenden Gedanken, sondern darauf, dass der Mensch im Reichtum sich labend, ohne arbeiten zu müssen, über diese Maschinen Macht haben wird. Da diese Maschinen aber nur aus dem Wissen menschlicher Erfahrung gebaut, ohne philosophische und ethische Aspekte trainiert werden, arbeiten diese Geräte wie eine schlechtere Variante der Menschen: ohne Hirn, aber mit gleichem Machtanspruch. Wir haben bereits in Amerika einen guten Prototypen, der uns vor Augen führt, was das heisst. In einer Fähigkeit sind diese Geräte gut: im Kopieren. Doch Philosophie und Ethik ist nicht kopierbar. Wir Menschen haben uns bereits diesen Maschinen untergeordnet, haben uns versklaven lassen – siehe Smartphones.

Ernsthaft Sorgen mache ich mir, weil eine Maschine keine Sinne hat. Alle direkten Live-Informationen, die ein Computer braucht, holt er sich aus Sensoren und Kameras und von Informationen, die man ihm gefüttert hat. Wir kennen das ein wenig aus der Autoindustrie, die uns jetzt für viel Geld ihre technischen Spielzeuge in neue Autos einbaut und uns als zahlende Testkaninchen missbraucht. Diese pseudomässig selbstfahrenden Autos arbeiten mit Sensoren und Kameras, die allerdings nur bei idealen Wetterbedingungen funktionieren. Aufgefallen ist mir das wieder einmal bei der einfachen automatischen Scheibenwischerfunktion in meinem Auto. Die erkennt von selbst, wenn es nass wird oder wenn die Scheibe einen «Wisch» nötig hat, und stellt sogar das Wischtempo selber ein. Allerdings nicht fehlerlos. So kommt es öfter vor, dass der Sensor die Informationen nicht eindeutig interpretieren kann und der Bordcomputer zu einem nervösen, unkontrollierten und ausgeflippten Irren wird. Diese Funktion muss ein Mensch abstellen – von selbst kommt die Maschine nicht auf die Idee, denn aus der Sicht der Programme ist alles korrekt.

Die Autoindustrie ist sich deswegen sogar einig: Das selbstfahrende Auto kommt noch lange nicht – höchstens bei bedingtem Flottenmanagement wird sich so was einspielen. Also zum Beispiel bei Kleinbussen, die mit 30 km/h automatisch durch eine gesicherte Fahrspur gelenkt werden. Die Sicherheit der bestehenden Systeme kann ein sicheres individuelles und autonomes Fahren von Maschinen nicht garantieren. Es sind zu viele Eventualitäten vorhanden, die Systeme reagieren zu langsam und sind anfällig. Dazu kommt eine rasende Entwicklung in Soft- und Hardware, die dauernd nach Updates verlangt. Denken wir an unsere mobilen Telefone und wie oft diese sich aktualisieren. Und denken wir an die Superschachcomputer, die so viele Spielzüge vorausberechnen: Ein Rechner, der dem menschlichen Gehirn wirklich die Stirn bieten kann, ist mindestens so gross wie ein Auto und produziert eine Hitze, mit der man ein Wohnhaus heizen kann.

Sie mögen sich jetzt fragen, warum dann alle Welt auf diese Technologien setzt? Ganz einfach: Es geht um Forschungs- und Innovationsgelder. Es geht darum, Patente anmelden zu können, darum, der Erste zu sein, der dann damit Geld verdienen wird. Es geht darum, den KundInnen Hoffnung zu verkaufen. Die KonsumentInnen werden aber noch ungefähr 20 Jahre auf pfannenfertige und bedienbare Geräte warten. In dieser Zeit allerdings werden wir durch die Informationen so bearbeitet, dass wir ohne Wenn und Aber daran glauben werden, dass wir diese Technik unbedingt haben müssen. In der Zwischenzeit gibt es aber nur eine sichere Funktion: das Ausschalten.

Bereits heute zahlen wir bei Finanz-institutionen für die Kontoführung, die nur durch Computer oder von uns selber erledigt wird. Der Computer zahlt keine Steuern, keine Altersvorsorge, keine Beiträge an Städte und Staat, an Infrastrukturen oder Neuentwicklungen. Und weil der Mensch nichts verdienen wird, kann er nichts kaufen, muss also nichts hergestellt werden. Doch der Computer soll keine Arbeitsplätze eliminieren, sondern sollte bessere Werkzeuge schaffen, damit der Mensch besser arbeiten, kreativer, produktiver und erfinderischer sein kann und damit die Welt eine bessere wird. Aber dazu brauchen wir unbedingt das Wichtigste, was der Mensch besitzt: sein Hirn. Nur wir Menschen können erkennbar durch Philosophie, Ethik, Moral, Zweifeln, Emotionen und dem unsäglichen «Bauchgefühl» unserem Leben einen Sinn geben. Und weiterblättern.

Lukas Vogelsang (auf ausdrücklichen Wunsch meines Vaters - WillY)

Chefredaktor ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst
www.ensuite.ch