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28.04.2019 -- Fritz Vollenweider / wv

Varitionen des schlechten Gewissens

Die Zytglogge-Theatergesellschaft Bern spielt Gogols «Revisor» in einer tempo- und bewegungsgeladenen Inszenierung im Theater am Käfigturm und im Hüenerhüsi Diemerswil.


Die ganze korrupte «Säuhäfeli-Säudeckeli»-Welt der Gemeinde ist doch in gewohnter Ordnung, jeder weiss, was er zu erwarten und was er oder sie zu liefern hat – und da platzt die ungeheuerliche Nachricht aus dem wie gewohnt undichten Postbüro: Ein Revisor ist inkognito unterwegs, ausgestattet mit allen notwendigen Kompetenzen, um die kleine von Vetterliwirtschaft und Machtmissbrauch zerrüttete Welt wieder zurecht zu rücken!

Kein Wunder, dass die Nervosität der Schwerenöter steigt wie das Thermometer bei einem Fieberanfall. Erstaunlich jedoch, wie die Regisseurin Renate Adam diese unbehagliche Nervosität mit dem eher leisetreterischen korrupten Alltag der Gemeinde zu verknüpfen vermag. Mit dem Ensemble der «Zytglöggeler» (immerhin sind zuzeiten bis zu 15 Personen auf der Bühne) lässt sie ein Ballett der Tänze und Gänge in nahezu atemberaubendem Tempo ablaufen, um kurz danach wieder mit Haltung und Mimik der Beteiligten eine statische und in einzelnen Szenen fast bedrückende Stimmung zu schaffen. Die Darstellerinnen in der Mehrzahl und die Darsteller in der Minderzahl treffen sich zu einem professionell wirkenden Zusammenspiel, das sowohl der Satire und dem Witz als auch, soweit im Stück und der Bearbeitung (ebenfalls Renate Adam) ebenfalls enthalten, der immer wieder aufscheinenden Tiefe des Fühlens und Erlebens Raum lässt. Der ganze Ablauf der Inszenierung ist geprägt von Ensembleszenen, die immer wieder durch individuelle Einzelaktionen aufgelockert werden. Man könnte von Ensemble- und Solistenszenen sprechen., wie in der Oper oder eben, besser noch, im Ballett. Ein Vergnügen für die Augen vom Ganzen bis in die mimisch-gestischen Einzelheiten!

Auch die Gestaltung des Spielraums – Requisiten, Kostüme, Bühne, aber auch Licht und Ton – ist ein Gemeinschaftswerk der «Zytglöggeler», alle sind sie spürbar eine Gemeinschaft, in welcher jeder sich für das Ganze einsetzt. Was jedoch nicht bedeutet, dass die Charakterisierung der Personen nicht lebendige Variationen zuliesse; die verschiedenen Figuren der Handlung tragen durch ihre Darstellerinnen und Darsteller ihr unverwechselbares Gesicht und stehen für differenzierte Persönlichkeiten.

Und die Handlung? Die «Botschaft» des Stücks? Nein, beim Zuschauen dieser dramatischen, köstlichen Fülle an Einfällen, an Bewegungen, an tänzerischen Einlagen, kurz, beim Miterleben dieser über weite Teile unvergleichlichen Komik, vergisst man Nikolai Gogol und sein 1836 uraufgeführtes Stück «Der Revisor» keineswegs, mit dem er das in seinen Augen dekadente und korrupte Russland geisselt. Doch russischer – auch historisch russischer – Zeit- und Gesellschaftskolorit kommt nicht auf. Die Verflechtungen und gegenseitigen Abhängigkeiten, aber auch das schlechte Gewissen, das Bewusstsein eigener unbekümmerter Schmiererei zeigen durchaus aktuelle Bezüge, wenn auch – dramaturgisch notwendig und richtig – satirisch akzentuiert. Als sich herausstellt, dass der vermeintliche Revisor ein vielleicht noch perfiderer Schurke ist, sinkt das grosse Aufatmen über die gebeutelte Gemeinde, auch wenn jeder noch vorher seine kleine oder grössere Schande mit anhören muss. Und wir ahnen es, bevor es gewiss wird: Ausgestanden ist die Sache doch noch nicht.

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(Fast) alle Honoratioren der Gemeinde beim verfrühten Aufatmen

Aufführungen im Theater am Käfigturm bis 3. Mai, im «Hüenerhüsi» Diemerswil bis 25. Mai 2019.

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Von rechts: Der falsche Revisor Pfeiffer (Barbara Seidel Baeriswyl), Diener Sebastian (Cornelia Grünig )

Alle Bilder: Marcel Schmid

Zytgloeggeler